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Geschichte
Ein Dorf erwacht: Trebnitz profitiert von den Aktivitäten am Schloss

Antje Scherer / 21.05.2020, 15:20 Uhr - Aktualisiert 21.05.2020, 15:28
Trebnitz (MOZ) Spät Feierabend und nichts zu essen im Kühlschrank? Das ist auf dem platten Land ein Problem. Darius Müller aber braucht nur ein paar Schritte zu gehen. Er schließt den Konsum auf, holt Brot oder eine Flasche Wein, legt Geld in die Kasse und sperrt wieder zu. Ein kleiner Vorteil, wenn man Schlossherr ist. Eigentlich hört der Leiter der Bildungsstätte Schloß Trebnitz diesen Ausdruck nicht gern. "Schlossherr? Ich bin hier eher der Diener", sagt er und lacht.

Seit fast zwölf Jahren leitet der 47-Jährige die Geschicke in dem um 1900 zum Schlösschen umgebauten Gutshaus. Ein lebendiger Ort: 85 Betten, 12 000  Übernachtungen pro Jahr – Klassen- oder Studienfahrten, oft im Austausch mit Polen, Workcamps, Probedomizil für Chöre und Theatergruppen, die Stiftung des Komponisten Rolf Zuckowski studiert hier regelmäßig Musicals ein.

An das strahlend gelbe neobarocke Herrenhaus, wenige Kilometer von Müncheberg, schmiegen sich weitere schmucke Gebäude: das Gustav Seitz Museum (im ehemaligen Schlachthaus), in dem aktuell eine Günter-Grass-Ausstellung zu sehen ist; ein internationales Archiv für Heilpädagogik (früher Inspektorenhaus), das Seminarhaus Alte Schmiede und die neueste Errungenschaft, eine schön renovierte Feldsteinscheune für Veranstaltungen. Sie sollte eigentlich in der kommenden Woche eröffnet werden, mit weiß gedeckten Tischen und Ministerpräsident Dietmar Woidke als Gast. Nun liegt Corona wie ein Schleier über dem Schloss, das stiller ist als sonst. Die meisten Mitarbeiter sind in Kurzarbeit, nur eine Katze schleicht über den Hof, und der Hahn kräht, wo eigentlich Schüler zu hören sein sollten.

Schloss und Ort waren immer eng verbunden – viele Dorfbewohner sind dort in den Kindergarten oder zur Schule gegangen, erzählt Müller. Was er selbst nicht sagt, dafür ist er viel zu bescheiden, aber Mitstreiter aus dem Verein "Schloss Trebnitz Bildungs- und Begegenungszentrum": Müller hat es geschafft, diese emotionale Verbindung in tragfähige Strukturen zu gießen, von denen alle profitieren. Er hat in der ehemaligen Remise einen täglich geöffneten Konsum initiiert, in dem die Ferienkinder Gummibärchen kaufen, die Dorfbewohner Spülmittel und Brötchen und Touristen Himbeer-Sorbet aus der Uckermark und andere feine Produkte der Region; außerdem betreibt die Schülerfirma dort das "Kaffee zum Glück". Es richtet runde Geburtstage aus, erfreut Berliner Ausflügler mit selbst gebackener Torte und ist gleichzeitig Begegnungsstätte; dort arbeiten am Wochenende unter anderem Schüler von der Förderschule Seelow, vom IB in Frankfurt (Oder) und einem Gymnasium in Kostrzyn.

Ohne das Schloss wären Konsum und Café in einem Ort mit rund  350 Einwohnern kaum zu halten. Im Gegenzug interessieren sich die Einwohner von Trebnitz für ihr historisches Erbe: Zu Subbotniks im Park kommen stets um die 30 Leute, immerhin ein Zehntel der Bevölkerung, auch die regelmäßigen "Schlossgespräche" sind gut besucht.

Irgendwann beginnt man sich zu fragen, warum eigentlich in so vielen anderen Dörfern Tristesse regiert – fehlt das Schloss, die Bahnanbindung oder doch einer wie Müller, der eine Vision hat und sie mit leiser Beharrlichkeit verfolgt?

Sein Auftreten ist bescheiden und freundlich; nur als es um Neureiche geht, die glauben, mal eben ein Schloss kaufen zu können, wird der Ton etwas spitz. Ein Schloss verschlinge Geld ohne Ende und "ist nie fertig saniert", sagt er mit einem Seufzer, in Trebnitz sei als Nächstes die Heizung dran.

Es sei eine Herausforderung, ein solches Haus dauerhaft mit Leben zu füllen. Zum Glück sei Trebnitz inzwischen als Bildungsstätte auch für Erwachsene anerkannt und damit etwas stabiler abgesichert. Parallel gelte es, ständig neue Projekte anzuschieben, Förderanträge zu formulieren und auf beiden Seiten der Oder Überzeugungsarbeit zu leisten. 2014 hat Schloss Trebnitz den Deutsch-Polnischen Preis erhalten.

Der Ort sei "perfekt" für eine Bildungsstätte, findet Müller. Die Grenznähe, der viele Platz, die Freiheit. Und die Abgeschiedenheit seien positiv für die Gruppendynamik: "Hier sind abends alle zusammen – in Berlin klappt das nicht."

Nicht nur von außen ist das Schloss hübsch. Auch das Innere atmet Ästhetik. Die Möbel sind funktional, aber stilsicher ausgesucht. Oben im Saal sind die Wände sogar noch mit Stofftapeten bespannt. Und hier toben Jugendgruppen durch? "Ja, das Schloss ist für alle", sagt Müller, ausdrücklich nichts Elitäres. Es kommen Förderschüler, Gymnasiasten, Studierende, Erwachsene. Beschädigungen gibt es kaum, nur unterm Dach hat mal ein Kunstkurs die Wände gleich mit verziert.

Der Sinn für Qualität zeigt sich auch in anderen Details: Die Mitarbeiter der Schülerfirma werden nicht einfach in die Küche gesteckt, sondern erhalten Barista- und Backkurse und ein Coaching für Food-Fotografie. Unter den Jugendlichen, teilweise sind auch Geflüchtete dabei, passiere im Laufe der Zusammenarbeit viel. Solche Begegnungen könnten Menschen verändern, ist Müller überzeugt. Überhaupt hält er außerschulische Bildung für eine wertvolle Chance, aus fixen Schubladen herauszukommen.

Der Erfolg von Trebnitz hat viele Väter. Christoph Berendt gehört dazu, erster Bürgermeister des Ortes nach der Wende. Der gründete 1992 den Verein, der das Schloss für eine Mark kaufte – marode, mit Löchern im Dach. Und Manfred Stolpe und Regierungssprecher Eberhard Grashoff. Er war einer der Initiatoren – auch der heutige Landrat von Märkisch-Oderland, Gernot Schmidt, war im Boot – des ersten Friedenswaldes auf den Seelower Höhen. Bäume als Zeichen der Versöhnung sollten die einstigen Kriegsschauplätze säumen, so die Idee. Begleitet vom Vorhaben, junge Leute zusammenzubringen. Eine Jugendbegegnungsstätte – die ideale Bestimmung für Schloss Trebnitz, das dann in den 1990er-Jahren mit sechs Millionen Mark saniert wurde.

Das grenzüberschreitende Profil ist geblieben. Politologe Müller hat selbst eine deutsch-polnische Biografie, leicht hört man den Akzent im perfekten Deutsch. Er hat zuvor in der Jugendbegegnungsstätte Kreisau (Polen) gearbeitet, die er zuweilen als Ufo im Ort empfand. Die  starke Einbettung ins Dorf liegt ihm auch aus dieser Erfahrung heraus am Herzen.

Nicht immer läuft dabei alles glatt; für seinen Begriff der "Dorfhelden" etwa habe er "erst mal was abgekriegt". Mittlerweile aber sind ein Koch-Club, ein Erzähl-Café und ein Herbstfest etabliert. Der 27-Hektar-Park – im Besitz der Stadt Müncheberg – hat keinen professionellen Gärtner, auch den pflegen "Helden" komplett ehrenamtlich. Für sie gibt’s nach der Arbeit Gulasch.

Er fühle sich in Trebnitz am richtigen Platz. Ja, er arbeite viel, sagt Darius Müller auf Nachfrage. "Niemand treibt mich an – nur ich selbst. Das kann uferlos werden." Nebenbei ist er ehrenamtlich im Vorstand der Seitz Stiftung tätig. Aber das Leben auf dem Land sei herrlich – er fährt gern Rad, geht schwimmen, sogar die vielen Zeitungen, die er liest, kommen pünktlich. Nur ins Theater, das schaffe er selten. Brandenburg sei ihm vertraut, sagt er noch, es fühle sich dort ähnlich an wie in seinem schlesischen Geburtsort oder im Ruhrgebiet, wo er als Jugendlicher mit seinen Eltern hinzog.

Inzwischen wohnt er auch im Dorf – es sei schön, dass er am Wochenende auch selbst mal im Café einkehren könne. Die Terrasse des Hauses, in dem er mit seinem Mann lebt, die allerdings blicke nicht aufs Schloss. Und darüber ist er dann doch ganz froh.

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