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CD
Ute Lemper singt Songs von Marlene Dietrich

Diva spielt Diva: Drei Stunden hat Ute Lemper 1988 mit Marlene Dietrich telefoniert. Auf ihrer CD erzählt sie Stationen aus dem Leben nach.
Diva spielt Diva: Drei Stunden hat Ute Lemper 1988 mit Marlene Dietrich telefoniert. Auf ihrer CD erzählt sie Stationen aus dem Leben nach. © Foto: Lucas Allen
Boris Kruse / 21.05.2020, 15:23 Uhr
Berlin (MOZ) Sie hält die Erinnerung an diesen Moment hoch, auch mehr als drei Jahrzehnte später noch. Ute Lemper (56) war 1988 ein aufstrebender Star an den Revue-Theatern und Konzertbühnen der Welt. Nach einem Auftritt im Pariser Cabaret schrieb sie eine Postkarte an Marlene Dietrich, die damals schon seit rund zehn Jahren zurückgezogen in ihrer Pariser Wohnung lebte und sich nicht mehr vor die Tür begab. Im Wesentlichen, so Ute Lemper, habe sie sich auf ihrer Grußkarte für den Wirbel um ihre Person entschuldigt, da die junge Sängerin aus Münster von der Presse überschwänglich mit Marlene verglichen worden war. Eine Demutsgeste.

Marlene Dietrich meldete sich tatsächlich zurück. Drei Stunden lang telefonierten die beiden miteinander. Und sprachen, so erinnert es Ute Lemper, über ihr Schaffen, über ihr ambivalentes Verhältnis zu Deutschland, über die Nazi-Zeit und ihre Verbitterung, aber auch über ihre Liebe zu den Gedichten von Rainer Maria Rilke.

Kürzlich hat Ute Lemper das Telefonat als Ausgangspunkt für ein eigenes, abendfüllendes Bühnenprogramm genommen, bei dem sie in die Rolle der Diva par excellence schlüpft. Ihr "Rendezvous With Marlene" ist ab jetzt auch als CD verfügbar; es besteht aus Interpretationen einiger der wichtigsten Lieder, die Marlene Dietrich in den unterschiedlichen Stationen ihrer Karriere gesungen hat. "Lili Marleen", "When The World Was Young" und "Ich hab` noch einen Koffer in Berlin" – die Auswahl spannt den Bogen von ihrem Durchbruch im Berlin der 20er-Jahre mit der Rolle im Film "Der blaue Engel" ("They Call Me Naughty Lola" aus der Feder von Friedrich Hollaender) bis zu den späten Jahren als erfolgreich durch die Welt tourende Chanson- und Schlagersängerin, die sich auch an zeitgenössische Songs heranwagte, solange sie sich mit ihrer friedensbejahenden, gegen Hass und Unterdrückung gerichteten Haltung trafen (Bob Dylans "Blowing In The Wind").

Um einen ganz großen Schlager, vielleicht die Erkennungsmelodie der Dietrich schlechthin, macht Ute Lemper einen Bogen: "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt" fehlt in der 20 Titel zählenden Auswahl. Vielleicht, weil es einfach totgespielt worden ist? Oder womöglich auch, um direkten Vergleichen aus dem Weg zu gehen. Denn, um das gleich auszuschreiben: An den Charme und die Intensität der Originalfassungen kommt Ute Lemper, die fraglos eine großartige Sängerin ist, mit ihren Interpretationen nicht heran.

Denn sie will hier immer ein bisschen zu viel: in den Bann ziehen und überwältigen. Schillern, natürlich. Lasziv wirken. Und mit dem Ausdrucksreichtum ihrer Stimme brillieren, wo Marlene Dietrich, die gewiss nicht zu den allergrößten Sängerinnen des 20. Jahrhunderts gehörte, manchmal einfach unbekümmert drauflos gesungen hat.

Eingefleischte Marlene-Dietrich-Fans werden sich etwa an Ute Lempers Deutung von Pete Seegers Friedenslied "Where Have All The Flowers Gone" abarbeiten, das Marlene Dietrich in den letzten Jahren ihrer Bühnenlaufbahn mal in englischer, mal in deutscher Version gesungen hat. Durch ihr reduziertes Auftreten hat sie diesem einfachen, schlichten Folksong eine ungeheure Ausdruckskraft verliehen, zu sehen in mehreren Mitschnitten aus den 60er-Jahren bei YouTube. Mit strenger Körperhaltung und großem Ernst singt sie die Melodie geradeaus, ohne Tremolieren, ohne Vibrato, ohne anbiedernde "Soulfullness". Dabei reicht ihr ein Augenaufschlag, eine in Falten gezogene Stirn oder ein dezentes Brüchigwerden der Stimme, um die leidvollen Erfahrungen von Hass und Krieg, die Seegers Text beschreibt, zu evozieren. Und was macht Ute Lemper daraus? Großer Auftritt, Inbrunst in der Stimme, kitschige Broadway-Musical-Streicher im Hintergrund. Passt nicht so ganz zu diesem zarten Lied, das an ungezählten Lagerfeuern gesungen worden ist.

Mit mehreren der Lieder verbindet Ute Lemper eine jahrelange Bühnenerfahrung. 1992 begann sie, in Berlin die Rolle der Lola in einer Bühnenfassung  von "Der Blaue Engel" zu singen. Sechs Tage vor der Premiere starb Marlene Dietrich.

Ute Lemper: "Rendezvous With Marlene" (Jazzhaus Records/In-Akustik, ab 22. Mai)

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