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Wo das Licht hinfällt - Interview mit Jürgen Renn

Zwischen den Disziplinen: Jürgen Renn leitet das Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte und schrieb an der Leopoldina-Studie mit.
Zwischen den Disziplinen: Jürgen Renn leitet das Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte und schrieb an der Leopoldina-Studie mit. © Foto: Bernd Wannenmacher
Merle Hilbk / 25.05.2020, 19:06 Uhr - Aktualisiert 25.05.2020, 21:14
Berlin (MOZ) Jürgen Renn, 63, ist seit 1994 Direktor am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. Nach Physikdiplom und Promotion in Mathematik war er Gastprofessor in Boston, Tel Aviv und Zürich. Vom Forscher wurde er zum Erforscher des Systems der Wissenschaften und wurde 2003 als Wissenschaftshistoriker in die Leopoldina berufen. Er war Mitautor der Leopoldina-Studie über den Umgang mit Covid-19. Im Interview spricht er darüber, warum die Wissenschaften ein neues Verständnis für ihre Rolle in der Gesellschaft entwickeln müssen.

Herr Renn, Sie plädieren dafür, dass es im Anthropozän eine neue Zusammenarbeit von Natur- und Geisteswissenschaften geben muss. Was ist dieses Anthropozän?

Anthropozän heißt menschengemachtes Zeitalter. Den Begriff hat der niederländische Atmosphärenforscher Paul Crutzen 2000 ins Spiel gebracht, um deutlich zu machen, dass wir in ein neues Erdzeitalter eingetreten sind. Das Erdzeitalter des Holozäns mit seinen relativ stabilen Klimaverhältnissen ist an sein Ende gelangt. Menschen haben den Planeten durch die industrielle Revolution, aber auch mit den Mitteln von Wissenschaft und Technik radikal verändert,  mit dauerhaften Folgen: Klimawandel, Artensterben, Umgestaltung großer Landflächen.

Wie kann die Wissenschaft, die ja mitverantwortlich für diese Folgen ist, darauf reagieren?

Wissenschaftler sind in der Regel sehr spezialisiert. Aber die genannten Phänomene lassen sich nicht Einzeldisziplinen zuordnen, wir müssen sie als System verstehen. Als Vorbild können die Erdwissenschaften dienen, die sich im Laufe des 20. Jahrhunderts zu den Erdsystemwissenschaften entwickelt haben. Es ging nicht mehr allein um Meteorologie oder Ozeonographie, sondern man verstand, dass Atmosphäre und Ozeane ein eng miteinander verknüpftes System sind – und schließlich, dass die globalisierte menschliche Gesellschaft eben auch Teil dieses Systems ist.

Wie kann das in der Praxis aussehen? Bisher sprechen Natur- und Geisteswissenschaftler doch oft so verschiedene Sprachen, dass sie schwer miteinander kommunizieren können.

Diskurse über Disziplin-Grenzen hinweg sind immer anspruchsvoll, denn jeder ist zunächst einmal Experte für einen kleinen Ausschnitt des Problems. Das sieht man auch bei Corona. Die Naturwissenschaften arbeiten mit großen Datenmengen und Modellrechnungen, die Geisteswissenschaften mit Begriffen und Texten. Beide haben unterschiedliche analytische Fähigkeiten. Wissenschaftler müssen sich aber bewusst machen, dass Klimawandel und Corona-Pandemie komplexe Systeme betreffen, die man nur mit Hilfe verschiedener Disziplinen zu verändern lernen kann.

Hat nicht jedes Forschungsinstitut erst einmal Angst, dass ihm Fördermittel entgehen? Das heißt: müsste man dafür nicht andere Förderstrukturen schaffen?

Viele Förderstrukturen sind in der Tat vor allem auf den Erfolg innerhalb der etablierten Disziplinen ausgerichtet. Da geht es dann in erster Linie darum, in den weltweit führenden wissenschaftlichen Zeitschriften wie "Nature" oder "Science" zu publizieren. Und es liegt die Versuchung nahe, rasch die nächste, ähnliche Publikation zu produzieren, wenn eine Maschine mit vielen Mitarbeitern und Finanzierung erst einmal läuft. Wir brauchen dagegen mehr Unterstützung für Forschungen, die sich mit solchen systemischen Herausforderungen beschäftigen: Wie funktioniert das Erde-Mensch System? Dazu braucht es längerfristige Forschungen in den Grenzbereichen zwischen Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften, bei denen ein unmittelbarer Erfolg nicht garantiert ist.

Das heißt: Wir brauchen ein Fördersystem, das mehr die Schwarmintelligenz belohnt?

Die Versuchung ist immer: Da, wo das Licht hinfällt, sucht man den Schlüssel. So sollte Wissenschaft aber nicht funktionieren, das ist eine illusorische Wahrnehmung der Wirklichkeit. Wir brauchen Wissenschaft, die einen größeren Lichtkegel auf die realen Probleme wirft und uns eine breitere Perspektive eröffnet. Dazu gehört sicher auch die Ermutigung neuer Formen fächerübergreifender Kooperation, bei der nicht nur die jeweiligen Kompetenzen addiert werden, sondern jeder die Chance hat, das Ganze zu verstehen.

Sie haben in einem Vortrag gesagt, dass wir eine andere Form von Vernunft brauchen als die, die wir als die Vernunft der Aufklärung verstehen...

Es ging um die Idee einer universalistischen Vernunft, die angeblich immer und überall gilt, und die historisch eng mit Kolonialismus und Imperialismus verbunden war. Sie war aus der Vorstellung einer bestimmten Art von Moderne geboren, nach der sich die ganze Welt richten sollte, ohne Bewusstsein dessen, dass sie ihre eigenen kulturellen Scheuklappen hat. Heute brauchen wir eine Vernunft, die in breiten Kontexten und langfristigen historischen Entwicklungen denkt.

Waren nicht viele große Entdeckungen auch Zufallsfunde, die außerhalb des Wissenschaftsbetriebs gemacht wurden?

Sie denken da vielleicht an Robert Koch, der als Landarzt den Milzbrand-Erreger entdeckte? Ja, aber seine Erkenntnisse über Bakterien wären ohne die entsprechenden Institutionen weder bekannt geworden noch hätten sich Pharmaunternehmen gefunden, die Geld in die Entwicklung entsprechender Medikamenten gesteckt hätten. Aber man sollte nie die Fähigkeit von Menschen unterschätzen, aus aufmerksamer Beobachtung weitreichende Schlüsse zu ziehen. Ich denke da etwa an Ignaz Semmelweiß, der die Handdesinfektion für Ärzte quasi im Alleingang durchsetzen wollte, aber von den Fachkollegen so angefeindet wurde, dass er in der Psychiatrie landete.

Die Medizin hat in den vergangenen 100 Jahren gewaltige Fortschritte gemacht. Hieß es nicht in den 1980er, 1990er Jahren sogar, dass Infektionskrankheiten bald ausgerottet wären?

Wissenschaftler haben früh gemahnt, dass man nicht vergessen dürfe, dass Globalisierung auch die Gefahr birgt, dass sich Infektionskrankheiten ausbreiten. Zoonosen, also Infektionskrankheiten, die von Tieren auf Menschen übertragen werden, treten immer häufiger auf. Auf Märkten wie dem in Wuhan werden importierte Arten aus der ganzen Welt eng nebeneinander verkauft. Die Lebensräume von spezialisierten Arten werden durch intensive Landnutzung immer weiter eingeschränkt, was Generalisten fördert, die in diese Lebensräume vordringen können. Der Mensch selbst dringt in alle Lebenssphären der Erde ein und setzt sich dadurch Risiken aus, die er nicht überblickt. Indem wir unsere Umwelt immer homogener machen, steigern wir auch die Ausbreitungschancen globaler Krankheiten. Umweltschutz ist eben auch Gesundheitsschutz.

Und jetzt sollen ausgerechnet die Wissenschaften, die diese Homogenisierung mit verursacht haben, deren Folgen lindern?

Wir sind in Zukunft sogar noch mehr auf wissenschaftliches Wissen angewiesen. Das zeigt ja auch die gegenwärtige Corona-Pandemie. Ohne die auf Wissenschaft gestützten Infrastrukturen wie etwa unser Gesundheitssystem hätten wir wohl sehr viel mehr Todesopfer, wenn man etwa an die Folgen vergangener Seuchen denkt, wie die Pest oder die Spanische Grippe. Normalerweise ist uns diese  Rolle der Wissenschaft nicht bewusst. Wer denkt denn an Wissenschaft, wenn er seine Fernbedienung benutzt? Aber wir kommen als Gesellschaft in Zukunft nicht umhin, wissenschaftliche Errungenschaften nicht nur blind zu konsumieren, sondern auch besser zu verstehen, wie sie zustande gekommen sind – und wie sie uns helfen können, große Herausforderungen der Menschheit wie etwa die Klimakrise zu bewältigen.

Das heißt: jeder sollte sich mit Wissenschaft beschäftigen?

Wissenschaft ist ein ständiger Lernprozess, für uns alle. Und Wissensgesellschaft heißt, dass sich jeder mit dem komplexen Charakter von Wissenschaft und Forschung auseinandersetzen sollte. Und zu dem gehören ja oft auch Unsicherheiten, Kontroversen und verschiedene Perspektiven. Dennoch ist wissenschaftlich gewonnenes Wissen das beste Wissen, das wir haben, und seine Vermittlung in die Gesellschaft ein entscheidender Faktor für unsere Fähigkeit, die gegenwärtige ebenso wie zukünftige Krisen zu meistern. Genau deshalb brauchen wir auch Institutionen wie die Leopoldina, die dieses Wissen aus den unterschiedlichen Bereichen so aufbereiten, dass daraus verständliche Handlungsoptionen für die Gesellschaft werden. Aus diesem Wissen dann die richtigen Konsequenzen für politische Entscheidungen zu ziehen, kann in einer demokratischen Gesellschaft nur eine Aufgabe von uns allen sein.

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