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"Solo Sunny"
Annett Gröschner über Renate Krößner

Schauspielerin Renate Krößner, die mit «Solo Sunny» einen der großen Erfolge des DDR-Films feierte, ist tot.
Schauspielerin Renate Krößner, die mit «Solo Sunny» einen der großen Erfolge des DDR-Films feierte, ist tot. © Foto: Patrick Seeger/dpa
Annett Gröschner / 27.05.2020, 17:26 Uhr - Aktualisiert 27.05.2020, 18:26
Berlin (MOZ) Ich erinnere mich, ich war 16 und saß Sperrsitz im Theater des Friedens auf dem Alten Markt in Magdeburg. Vor mir auf der Leinwand eine Frau, die zu mir sprach, nur zu mir. Manchmal treten die Figuren aus der Leinwand und nehmen dich mit in einen anderen Film. Genauso ging es mir mit "Solo Sunny". Eine Frau namens Ingrid Sommer ließ mich nicht mehr los. Als ich aus dem Kino trat, nahm ich mir drei Dinge vor: Mit dem Jungen neben mir keine Familie zu gründen. Nach Berlin in den Prenzlauer Berg in so eine verfuckte Hinterhofbude mit Außentoilette zu ziehen. Mit goldenen Stilettos rennen lernen. Das mit den Stilettos habe ich nicht hinbekommen, bis heute nicht, den Rest schon.

Mit "Solo Sunny" wurde die Schauspielerin Renate Krößner berühmt, 1980 bekam sie den Silbernen Bären für die beste weibliche Schauspielleistung auf der Berlinale und danach im Osten keinen Fuß mehr in die Tür. Sunny war, vor allem wegen der Schauspielkunst Renate Krößners, ein Rolemodel für viele Frauen, die sich von durchschnittlichen Typen mit kleiner Hausmacht nichts mehr sagen lassen wollten, ebenso wenig wie von vom Leben frustrierten Hauswartsfrauen wie Frau Pfeiffer.

"Du schaust durch mich durch wie durch ein Fenster", sagt Sunny zu dem Saxofonisten Ralph, der über den Tod forscht und aus der Fassung gerät, als er im Bett ein Messer findet, mit dem Sunny ihn erstechen wollte, wenn sie nicht eingeschlafen wäre.

Sunny wird von Renate Krößner als eine Frau ohne Schutzschicht gespielt, offen, direkt, naiv und lebensklug, eine Frau, die im Heim aufgewachsen ist und quasi von Kollektiven dahingetragen wurde, wo sie im Film ist, auf der Bühne von Tingeltangelschuppen der Provinz, inmitten von Unterhaltungskünstlern, die sich in Zynismus oder Kleinbürgerlichkeit ergeben oder ihre Sorgen im Suff ertränken: "Man müsste eine ganz andere Musik spielen." "Manchmal bin ich gegen die Leute", sagt Sunny.

"Solo Sunny" zeigt das Dilemma von Abhängigkeiten der Freiberuflichkeit, einschließlich sexueller Übergriffe. "Ich glaube, heute ist es soweit, dass wir bumsen", sagt der ewig besoffene Saxofonspieler Norbert. "Kannste nich mal was anderes sagen. Muss nich schlau sein, nur anders", erwidert Sunny, bis die Situation eskaliert und Norbert den Stiletto in seinem betrunkenen Kopf hat. Und Sunny ihr Engagement verliert. "Wenn du mich schlägst, dann musst du mich totschlagen."

Von heute aus gesehen zeigt der Film auch den Exodus nach der Biermann-Ausbürgerung. Regine Dobberschütz, die Renate Krößner ihre Stimme lieh, ging 1983 in den Westen. Vorher sah ich sie noch auf einem ihrer letzten Konzerte im Klubhaus der Eisenbahner in Magdeburg. Renate Krößner ist 1985 zusammen mit dem Schauspieler Bernd Stegemann in den Westen ausgereist. Er ist im Film in einer Nebenrolle zu sehen, ein Roadie, der die klapprigen Autos in Schuss hält. Seit 2005 waren sie verheiratet und lebten in Mahlow bei Berlin.

"Solo Sunny" war der letzte Spielfilm von Konrad Wolf, der drei Jahre später mit nur 56 Jahren an Krebs starb. Für Klaus Brasch, der Norbert verkörperte, schien die Verzweiflung seiner Figur in die Realität verlängert worden zu sein. Er wurde am 3. Februar 1980, einen Monat nach der Filmpremiere, kaum dreißigjährig, nach Einnahme eines Cocktails aus Alkohol und Schmerztabletten tot aufgefunden.

Vor zwei Jahren sahen wir bei einem Seminar "Solo Sunny" mit Studierenden. Hinterher sagte ein Kollege: "Wie traurig." Ich verstand ihn nicht. Für mich war der Film nie unter diese Kategorie gefallen. Im Nachdenken darüber fiel mir auf, wie normal diese Kämpfe als Frau waren (und sind) und wie wenig Aufhebens man davon machte. Hinfallen, heulen ja, auch mal ein paar Tabletten zu viel, aber dann aufstehen und weitermachen. Der Film ist die Feier der Freiheit der Frauen. Eine Freiheit, die man nicht geschenkt bekommt, die manchmal zum Kotzen ist, dauernd verteidigt werden muss und nicht selten traurig und müde macht. Und doch durch nichts zu ersetzen ist.

Als ich gestern hörte, dass Renate Krößner am Montag im Alter von 75 Jahren nach kurzer Krankheit in Mahlow gestorben ist, sah ich Sunny vor mir, in ihrer Wohnung, weinend nach einem halbherzigen Versuch, sich das Leben zu nehmen: "Jemand kommt hier in das Zimmer, und er sieht sich um und sagt: ‚Hier hat Sunny gewohnt, hier sind Spuren von Sunny, aber ich bin schon weit weg.’ Ich würde gern wiederkommen, aber es geht nicht."

Annett Gröschner ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. Zuletzt erschien von ihr "Berliner Bürger*stuben. Palimpseste und Geschichten" (Edition Nautilus)

Renate Krößner (1945–2020)

Geboren am 17. Mai 1945 in Osterode im Harz, studiert die Lehrerstochter Renate Krößner an der Staatlichen Schauspielschule Berlin und arbeitet an den Theatern in Parchim, Stendal, Senftenberg und Brandenburg. Ab 1965 spielt sie in Filmen, u.a. "Feuer unter Deck" mit Manfred Krug. Die Rolle der Ingrid Sommer in Konrad Wolfs "Solo Sunny" macht sie 1980 weltberühmt. 1985 verlässt sie mit ihrem Lebensgefährten Bernd Stegemann die DDR. Im Westen spielt sie u.a. in "Liebling Kreuzberg", in "Polizeiruf 110"- und "Tatort"-Folgen sowie in der RTL-Serie "Der Lehrer". Am 25. Mai, wenige Tage nach ihrem 75. Geburtstag, starb sie in Mahlow.⇥red

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