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Bücher
Autorin Katja Eichinger erklärt, was unsere Mode über uns sagt

Merle Hilbk / 25.06.2020, 03:15 Uhr - Aktualisiert 25.06.2020, 17:29
Berlin (MOZ) Nichts, aber auch gar nichts scheint verschont zu bleiben von diesem Virus.  "Corona schafft es", analysierte Katja Eichinger im NDR , "dass der soziale Aspekt der Mode verloren geht. Dieses Sich-selbst-Darstellen." Vielleicht aber sei das gar nicht so schlecht; ja, vielleicht seien wir, wenn alles vorbei ist, endlich weniger interessiert an Marken und Status. Und vielleicht würde uns das nach den Statuskämpfen der letzten Jahre entspannen.

Autorin Katja Eichinger ist mit dem Rattern der Singer-Nähmaschine ihrer Großmutter groß geworden. Mode war für die heute 49-jährige etwas, was man selbst herstellt und dessen Stil man selbst bestimmt. Erst später wurde ihr bewusst, dass dahinter eine globale kapitalistische Industrie steckt, die unser Vorstellung von Stil bestimmt, von sozialen Codes, die ein Prada-Kleid oder eine Birkin Bag mit geradezu märchenhafter Bedeutung aufladen.

Nach dem Abitur in Kassel ging Eichinger zum Filmstudium in die Modestadt London, schrieb über Filmkostüme und später für die "Vogue" über Mode und Gesellschaft. Es war die Hochzeit von MTV, Turnschuhe waren von einem Symbol der Rebellion zur Ikonografie des stilprägenden Musiksenders. Das Leben war Pop.

Dann kamen die dünnen Models mit den frisurlosen Haaren und dem verwundeten Blick à la Kate Moss und wurden zu Werbe-Ikonen. Eichinger, die in einem heruntergekommenen Apartment lebte und sich mit Aushilfsjobs in der teuren Stadt über Wasser zu halten versuchte, identifizierte sich zum ersten Mal mit den Modefotos in den großen Magazinen. Und sie begann darüber nachzudenken, welche gesellschaftlichen Phänomene sich da in der Mode niederschlugen.

Dass aus diesem Nachdenken über Mode ein Buch geworden ist, hat mit einem Abend vor neun Jahren an der Côte d’Azur zu tun. Bernd Eichinger, den sie ihre große Liebe nennt, war überraschend an einem Herzinfarkt gestorben, und Eichinger wollte sich im französischen Süden von der Trauer ablenken, die sie auch in "BE", einer Biografie ihres Mannes, zu verarbeiten versuchte. Ihre Lektorin war zu Besuch gekommen, und so saßen die beiden Frauen zwischen den "glatten, unbeweglichen", mit anderen Worten: gebotoxten Gesichtern der Schönen und Reichen und unterhielten sich über "die Anhäufung von Mode-Neurotikern". "Eine Neurose", wird Eichinger später schreiben, "das ist der anhaltende Zustand, nicht zu wissen, was man will" – in der Einleitung des Modebuches, das als Idee an diesem Abend entstand.

In zehn Essays setzt sich Eichinger in "Mode und andere Neurosen" mit den globalen Mode-Phänomenen der Gegenwart auseinander. Sie analysiert, warum Streetwear weitaus weniger mit Freiheit zu tun hat, als wir meinen, beschreibt, wie die New Yorker "Heritage Movement" den Hipster hervorbrachte und warum der arabische und der Hipster-Machismo sich in ihrer Ästhetik ähneln. Man erfährt, wie Tattoos Identitäten auf die Haut tapezieren und warum Designer-Handtaschen das beste Mittel sind, seinen Status deutlich zu machen.

Das ist locker und persönlich erzählt, manchmal auch ein bisschen zu persönlich, was den Essays einen Hauch Naivität verleiht. Dennoch ist Eichingers Buch ein  wertvolles Logbuch durch den ästhetischen Dschungel der Gegenwart.

Mode- und Filmspezialistin

Katja Eichinger, 49, ist die Frau des 2011 gestorbenen Filmproduzenten Bernd Eichinger. Über die Verarbeitung dieses Verlustes schrieb sie den Bestseller "BE". Ihr erstes Buch erschien zum Eichinger-Film "Baader-Meinhof-Komplex". Eichinger studierte am British Film Institute und arbeitete als Autorin für die "Vogue".⇥mh

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