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Leben im Denkmal: Ein Kuhstall wird Kulturort

Zelebrieren Beethoven, wo früher Kälbchen tranken: Frank und Liane Wasser
Zelebrieren Beethoven, wo früher Kälbchen tranken: Frank und Liane Wasser © Foto: Antje Scherer
Antje Scherer / 26.06.2020, 18:01 Uhr
Päwesin (MOZ) Schön hatten es die Kälber, auch wenn es sie wohl nicht interessiert hat: eine weinrote Bordüre knapp unter der Decke, hübsche Schablonenmuster an den Wänden. Und schön haben es heute Gäste, die den Weg in den _ STALL in Päwesin finden: Man lauscht Schubert oder Beethoven und bewundert dabei zeitgenössische Kunst – und die respektvolle Überführung eines rund 120 Jahre alten Objektes in die Gegenwart.

Die beiden glänzenden Flügel, die aufs nächste Konzert warten, sind bislang allerdings erst ein Mal zum Einsatz gekommen: Der neue Kulturort wurde im Februar eingeweiht – "na ja, und dann kam Corona", erzählt Frank Wasser. Er und seine Frau Liane können den Fehlstart gelassen verkraften, weil sie mit dem Konzertsaal kaum wirtschaftliche Ambitionen hegen. Frank Wasser ist Pianist und Geschäftsführer von Schloss Ribbeck, seine Frau arbeitet bei einer Bank. Der _ STALL sei eher eine Art Hobby.

Das Paar hat viele Jahre Erfahrung mit Altbausanierung; in dem kleinen Ort Päwesin zwischen Nauen und Brandenburg/Havel leben sie in einem ehemaligen Vierseitgehöft aus dem Jahre 1880, das bis 1945 landwirtschaftlich genutzt wurde. Als sie den Hof vor 20 Jahren in marodem Zustand kauften, seien Kutscherhaus und Scheune nicht zu retten gewesen, erzählen die Bauherren; "alles war verwahrlost, im Hof lagen Pflanzenschutzmittel und Medikamente für die Kälberzucht", erinnern sie sich, der kontaminierte Boden musste ausgetauscht werden. Nach einem dreiviertel Jahr Baustelle konnten sie mit ihren beiden Kindern einziehen.

Das heutige Ensemble von Herrenhaus, Arbeiterhaus und Stall ist aber immer noch imposant genug. Im ehemaligen Arbeiterhaus leben die Eltern von Liane Wasser; insgesamt  umfasst das an einem Kanal liegende Gelände 10 000 Quadratmeter. Auch der große Garten wird regelmäßig für Konzerte genutzt, er wurde von einem Gartenarchitekten extra für unterschiedlichste Open-Air-Formate konzipiert.

Der Stall blieb dagegen viele Jahre im Dornröschenschlaf. "Wir haben uns das immer vorgenommen: Dieses Jahr kommt der Stall dran", erinnert sich Liane Wasser, "aber erst hatten wir kein Geld mehr und später nie Zeit." Frank Wasser gab weltweit Konzerte und hob 2000 die Havelländischen Musikfestspiele aus der Taufe, oftmals waren in Päwesin Musikerkollegen zu Gast; erst als Wasser dann 2015 die Leitung von Schloss Ribbeck übernahm und in der Konsequenz viel weniger tourte, sei die Gelegenheit dann da gewesen. Vor drei Jahren ging die Planung los, die echte Bauzeit betrug zehn Monate.

Während sie bei ihrem eigenen Haus – auch dort sind Alt und Neu sehr stimmig verbunden – noch selbst viel Hand angelegt hatten, sollten dieses Mal nur Profis ran. Mit ihrem Architekten konnten sie dann vom Gartentisch aus kommunizieren: Olaf Krüger, der sich mit seinem Büro auf die Sanierung alter Häuser und Scheunen spezialisiert hat, wohnt nebenan. Mit dem Ergebnis der Sanierung, gefördert über EU-Mittel, sind sie alle drei zufrieden. "Unser Ziel war, so viel wie möglich zu erhalten", erklärt Liane Wasser. Die Backsteinwände und Stahlträger, die Metallsprossenfenster, die Decken – alles original. Erneuert werden mussten Teile des Dachstuhles; die Stahltreppe ins Dachgeschoss, wo sich heute ein Büro befindet, wurde neu gebaut. "Im unteren Bereich, wo früher die Kühe waren, wo Gülle war, hätte Holz nicht gepasst", erklärt Krüger. Oben dagegen, wo das Heu gelagert wurde, geht es mit viel Holz weiter. Krüger freut sich über die Rettung des Stalles, der eigentlich "klinisch fast tot" war. Insbesondere die künstlerische Ausgestaltung habe ihn verblüfft, "so was hab ich in einem Kuhstall vorher noch nie gesehen."

Bei einer Sache haben die Bauherren sich gegen seinen Rat durchgesetzt: den – allerdings wirklich wunderschönen – Sprossenfenstern in der Orangerie, wo nach dem Konzert ein Glas Wein gereicht wird. Das dünne Glas entspricht modernen Standards der Dämmung in keiner Weise. "Wir probieren es einen Winter aus, dann sehen wir weiter", sagt Liane Wasser zuversichtlich.

100 Gäste kann das Paar im  _ STALL unterbringen. Geplant sind – sobald das Coronavirus das wieder zulässt – Kabarett, Puppentheater, Gesprächskonzerte und eine Beethoven-Reihe. Hat Architekt Krüger Lust auf Kultur, braucht er nur durch den Garten zu gehen.

Nächstes Event: Open-Air-Konzert 22.8.; https://stall.events; Fischerstr. 9, Päwesin

Besondere Häuser

Einmal im Jahr wird bundesweit der Tag der Architektur begangen, um auf besonders gelungene Bauprojekte hinzuweisen. An diesem Wochenende ist es soweit – allerdings rein virtuell. Auf der Homepage der Brandenburgischen Architektenkammer (www.ak-brandenburg.de) werden 30 ausgewählte Objekte präsentiert, Führungen sollen 2021 nachgeholt werden. Zusätzlich entsteht eine Broschüre. Die Jury hat neben dem _STALL in Päwesin unter anderem ein schwimmendes Haus bei Finsterwalde, ein klimafreundliches Holzhaus, ein Minimalhaus in Templin und einen Wandelgang sowie Kitas ausgesucht.⇥red

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