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Fotografie
Der Fotograf Rainer Sioda und sein Brandenburg-Bild

Merle Hilbk / 28.06.2020, 04:00 Uhr - Aktualisiert 29.06.2020, 11:07
Fürstenwalde (MOZ) Rainer Siodas Bilder fangen auf subtile Weise die Atmosphäre einer kriselnden Welt ein – in einer Region der Umbrüche.

Jedes Mal, wenn Rainer Sioda seine Brandenburg-Bilder öffentlich präsentiert, hört er diesen entrüsteten Satz: "Es gibt doch auch schöne Ecken!" Bei einer Podiumsdiskussion in Potsdam platzte ihm schließlich der Kragen, und er kantete zurück: "Wissen Sie, meine Arbeit heißt ja auch nicht: die Gärten und Schlösser Brandenburgs." Sondern "FACK", nach einem Graffito von einem der englischen Rechtschreibung nicht besonders mächtigen Sprayer.

Wer Rainer Sioda bei der Arbeit erleben will, muss ein trainierter Rennradfahrer sein. Denn der 62-jährige findet seine Motive auf ausgedehnten Touren, bei denen er schon mal von Berlin an die Oder und zurück fährt. Und er hat sehr lange Beine und einen sehr kräftigen Tritt. An diesem Morgen radelt er von Fürstenwalde in Richtung Seelow, über den langen, windigen Höhenrücken und zurück nach Friedrichshain, wo er seit den 1980er-Jahren lebt, mitten im Partykiez rund um den Boxhagener Platz. Manchmal fühlt er sich dort wie ein Dinosaurier. Aber er habe noch eine bezahlbare Miete, und in 20 Minuten sei man mit dem Rennrad draußen in Brandenburg. Sein großes fotografisches Thema.

Brandenburg oder Texas?

Mit "Transantlantic Relations", einer Gegenüberstellung von brandenburgischen und Szenerien aus der amerikanischen Provinz, gewann er  den Lotto Kunstpreis Fotografie. Welches Bild von wo stammt, ist schwer auszumachen. Denn beide haben eine ähnliche Grundstimmung: eine  bleierne Starre –  als wären die beiden Provinzen in einem seltsamen Übergangsstadium eingefroren.

In seinem jüngsten Buch, "FACK", sind die Plattenbauten pastellfarben, auf den Parkplätzen davor stehen ge-tunte, dickreifige Autos. Auf einem prangt ein Nazi-Adler mit einem VW-Logo in den Klauen, auf einem anderen das Wort "Provokation", in Serifenschrift. Das dritte, ein schlichter blauer Passat, hat eine Wegfahrsperre mit dem Zwangsvollstreckungssiegel am Vorderrad. Auf den Mauern prangen Graffiti wie "Pure Hate" und "Es gibt kein ruhiges Hinterland" und die neonbunten Farbtreffer von Paintball-Markierern – als ob sich das Land im Krieg befände.

Menschen tauchen in diesen Bildern nicht auf, die Sioda weder als "Schaut mal, wie rechts dieses Land ist"-Mahnung noch als fotografisches Pendant zu Christian Krachts "Deutschboden" versteht. Es ist nicht der Blick eines Berliner Hipsters, der ironisch-selbstgewiss auf die, ach, so hinterwäldlerische Provinz blickt. Sioda ist in Treuenbrietzen aufgewachsen, Brandenburg liegt ihm am Herzen. Deswegen will er die Brüche erfassen, die Schichten, die die jüngste Geschichte in seiner alten Heimat abgelagert  und diese besondere, eklektische Ästhetik hervorgebracht hat; eine fotografische Sprache für das Grundgefühl finden, das er auf seinen Touren spürt: ein Fremdeln, eine Skepsis. In seinen Fotos drückt sich das in Form eines Unbehagens aus: Irgendwas ist – jenseits von dem, was man weiß. Eine Irritation, die er durch eine besondere Reihung seiner Bilder noch verstärkt

Es ist ein künstlerischer Suchprozess, der Zeit braucht. Erst wenn er davorsteht, weiß er: Das ist ein Bild. So wie bei der Trinkpause unterwegs, bei der er das Rad an ein Schild lehnt. Auf dem steht "Panzerfahrschule", davor zwei Spiegel, die einen Rundblick über die Straßenkreuzung erlauben. Sioda drückt auf den Auslöser. Und da ist es dann auf dem Display, dieses Etwas jenseits des Sichtbaren.

Die Fotografie war für ihn immer "etwas, von dem ich getrieben war2. Doch Geld verdiente er beim Berliner FEZ, wo er Jugendliche unter anderem auf die Bewerbung an einer Kunsthochschule vorbereitete. Er selbst war nie an einer, sondern hat Deutsch und Geschichte auf Lehramt studiert. "Mir ist nicht wichtig, wer ich bin, sondern was ich tue," sagt er, als er anhält, um die gemalten Tuning-Felgen zu fotografieren, die auf die Fassade einer Werkstatt in Buchholz gemalt sind. "Vielleicht ist das das Erbe der DDR." So stellt er sich bei dem Werkstattbesitzer, der nebenan im Garten werkelt, auch nicht als Fotograf vor. Er fragt: "Darf ich mal ein Foto machen?" Der nickt nur und wendet sich wieder seiner Arbeit zu.

Auf tiefere Weise wahrhaftig

Fotografiert hat Rainer Sioda schon während seiner Studienzeit. Seine Motive fand er damals überwiegend in der Stadt. Mit einer Nikon zog er durch Ost-Berlin, schoss "detailverliebte Schwarz-Weiß-Bilder", suchte nach Motiven, die für ihn etwas Symbolisches hatten. Seine Freunde waren Künstler, er dachte und diskutierte und las alles über Fotografie, was er in die Hände bekommen konnte. Ein Friedrichshainer Boheme-Leben mit viel Zeit und wenig Geld. "Es ging uns nicht darum, berühmt zu werden, sondern ein Werk zu schaffen, dass uns auf tiefere Weise wahrhaftig erschien", sagt er und hebt sein Rennrad über einen kleinen Haufen Bauschutt.

Dann wurde seine Freundin schwanger. Das Paar trennte sich, die Wende kam, Sioda wurde alleinerziehender Vater – und beschloss, einen festen, regelmäßig bezahlten Job anzunehmen. Heute ist er froh, dass er nicht "auf Partys netzwerken muss. Denn dafür muss man schon der Typ sein." Jemand, der weiß, wie man seinen Marktwert steigert, auf den Kunstgalerien angewiesen seien. Ulrich Wüst, der für ihn so etwas wie ein Vorbild sei, wollte nach dem Lotto-Preis eine Doppelausstellung mit ihm organisieren. Die Galeristin sagte: "Die Fotos von Sioda sind großartig. Aber die Sammler kennen den Namen nicht."

Deswegen arbeitet Rainer Sioda weiter wie immer: Er pedalt durchs Land und sammelt Bilder – und überlegt sich, was er bei seiner nächsten Ausstellung entgegnen könnte, wenn ihm wieder jemand vorwirft, er mache Brandenburg schlecht. In Fürstenberg zickt ihn eine Frau vor einer Bäckerei an, dass er "sein Scheißrad schleunigst aus dem Weg schaffen soll". "Ich glaube", fährt er ungerührt fort, "ich werde sage: Sie meinen, Fotos zeigen die Wirklichkeit? Nein, jeder sieht darin nur das, was er kennt."

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