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"Aktion Rose"
Die Enteignungswelle an der Ostsee 1953 als Roman

Thomas Gutke / 30.06.2020, 18:02 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Es ist eiskalt an der Ostseeküste am 10. Februar 1953, als ein Heer junger Volkspolizisten in die verschneiten Strandbäder ausschwärmt. In den folgenden Stunden und Tagen verbreiten sie Angst und Schrecken. Sie nehmen mehr als 400 Eigentümer und Betreiber von Hotels, Pensionen und Restaurants fest. Viele von ihnen werden wenig später wegen vermeintlicher Verstöße gegen das Volkseigentumsschutzgesetz zu langen Gefängnis- oder Zuchthausstrafen verurteilt – und um ihren Grundbesitz und Broterwerb gebracht. Nach der Zwangsverstaatlichung des Fremdenverkehrs ist an den Badeorten auf Rügen und Usedom nichts mehr so, wie es einmal war.

Kathleen Freitag, die im Oranienburger Ortsteil Schmachtenhagen (Kreis Oberhavel) groß geworden ist und heute in Reinbek bei Hamburg lebt, hat über die euphemistisch als "Aktion Rose" titulierte Enteignungswelle einen historischen Roman geschrieben: "Die Seebadvilla", erschienen im März dieses Jahres bei HarperCollins. Das Buch umreißt – verpackt in eine fiktive Familiengeschichte – ein fast vergessenes Kapitel deutscher Geschichte.

Unternehmerische Freiheit

Ausgangspunkt ist Ahlbeck 1952. Die einst glanzvolle Promenade glänzt nicht mehr, in den Badeort kehren trotzdem langsam die Touristen zurück. Mit ihren Töchtern Henriette und Lisbeth hat Grete nach 1945 ihre kleine Pension Ostseeperle wieder aufgebaut. Der Betrieb ist mühselig, es mangelt an Lebensmitteln. Und auch Gustav fehlt, der Mann von Grete, auf dessen Rückkehr aus dem Krieg sie vergeblich warten. Die Familie träumt von einem sorglosen Leben in – unternehmerischer – Freiheit. Doch um sie herum wird nicht nur der Sozialismus aufgebaut. Es braut sich auch etwas zusammen.

"Ein Jammer, dass du deine Fremdenzimmer nicht denen anbietest, die eine Erholung wirklich verdient haben", gibt der oberste Ahlbecker SED-Genosse unmissverständlich zu verstehen, wem Grete ihre Pension zu überlassen hat: dem FDGB, später über den eigenen Feriendienst größter Anbieter von Urlaubsreisen in der DDR. Grete widersetzt sich und muss sich dafür bald als Strandbourgeoise beschimpfen lassen. Die Stimmung im Ort  kippt, Freunde wenden sich ab, der Fischer verkauft ihnen keinen Fisch mehr. Haltlose Verdächtigungen, Hausdurchsuchungen folgen. Bis an einem kalten Tag im Februar ein Päckchen Westkaffee reicht, um alle Hoffnungen – auch eine zarte Liebe – zu zerstören. "Ich bezweifle, dass der Aufbau des Sozialismus an diesem Kaffee scheitern wird", sagt Grete trotzig. Der Polizist entgegnet kühl: "Abführen! Alle drei!"

1992 fällt Caroline, Tochter von Henriette, das Schreiben eines Anwaltes an ihre Mutter in die Hand: "…laut Gesetz zur Regelung offener Vermögensfragen haben Geschädigte der Deutschen Demokratischen Republik das Recht auf Rückübertragung ihres Eigentums …" Damit beginnt der zweite, parallele Erzählstrang des Romans. Caroline begibt sich an der Ostsee auf Spurensuche, Seite für Seite verbindet sich hier auch eine Wendegeschichte mit den Ereignissen von 1952/1953.

Für ihren ersten Roman befragte Kathleen Freitag Zeitzeugen aus dem Vorpommern der 50er-Jahre, bereiste Ahlbeck, stöberte in alten Karten und Prospekten, las Artikel, Dokumentationen, Fachliteratur. "Die Aktion Rose ist weniger aufgearbeitet als andere DDR-Themen", erklärt die Germanistin. Dabei habe die Welle an Diskreditierungen, Verleumdungen und Verhaftungen damals für viel Unmut in der Bevölkerung gesorgt. Und sei letztlich mit einer der Gründe für den Aufstand von 17. Juni 1953 gewesen. Viele der Unternehmer gingen anschließend in den Westen, die Unterkünfte kamen in Hand des FDGB. Einige wenige führten ihre Hotels und Pensionen unter staatlicher Regie aber auch weiter. Für Reparaturen fehlte oft das Geld, so dass sie mit ansehen mussten, wie ihre Häuser – teilweise seit Generationen in Familienbesitz – nach und nach verkamen.

"Die Aktion Rose war ein logischer Schritt für den konsequenten Aufbau des Sozialismus", sagt Kathleen Freitag. Denn alles sollte allen gehören. Sie selbst verbindet die DDR mit ihren gerade einmal 37 Jahren mit vielen positiven Kindheitserinnerungen. Trotzdem sei ihr wichtig, zu verstehen, was das für ein Land war, in das sie 1982 hineingeboren wurde. Eine kritische Aufarbeitung gehöre dazu, gerade für ihre Generation. "Nur so können wir die Freiheiten, die wir heute haben, wirklich wertschätzen."

Kathleen Freitag: "Die Seebadvilla", HarperCollins, 352 S., 15 Euro

Zur Autorin

Kathleen Freitag wurde in Berlin geboren und wuchs in Schmachtenhagen bei Oranienburg auf. Nach ihrem Studium der Germanistik, Geschichte und Politik in Potsdam verfasste sie Drehbücher u.a. für die ARD-Serie "In aller Freundschaft". Außerdem war sie als Lektorin für einen Hörbuchverlag tätig. Sie ist Mutter von zwei Kindern, lebt in Reinbek und arbeitet als freie Autorin. "Die Seebadvilla" ist ihr erster Roman. Demnächst erscheint auch ein Kinderbuch von ihr.⇥thg

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