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Kunstpreis
Wie Wahrheit erzählt wird - Nachwuchspreis für Larissa Rosa Lackner

Amy Walker / 01.08.2020, 03:30 Uhr
Libken (MOZ) Gezeigt werden immer wieder Bilder einer jungen Frau. Fotografien, die sie anscheinend von sich selbst gemacht hat. Sie zeigen die Dunkelhaarige als eigenwillige Person, mal balanciert sie ein Glas auf ihrem Kopf, liegt dabei im Bett und starrt an die Decke, mal fotografiert sie sich in einem Spiegel, wie ein Vorläufer des Selfies. Dann ist sie im Gras sitzend zu sehen, durch eine Kamera blickend.

Der Film von Larissa Rosa Lackner wechselt zwischen den Bildern der Frau und drei Zeitzeugen, die über Begegnungen mit ihr erzählen, aber auch über ihre Leben in der DDR berichten, wo sie bei der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) angestellt waren. Archivmaterial aus den 1970er- und 1980er-Jahren begleiten die Berichte. Im Zentrum aber steht die Spurensuche nach der dunkelhaarigen Frau. Es werden Fragen aufgeworfen: Wer ist diese Heide? Was ist aus ihr geworden? Wie hat sie gelebt, gefühlt, gedacht?

Suche nach Glaubwürdigkeit

Die Multimedia-Arbeit "Heide" von Larissa Rosa Lackner versucht, einen Lebensabschnitt dieser Frau zu verfolgen und nachzuvollziehen. An einigen Stellen wird ein klares Bild von Heide präsentiert, an anderen scheinen sich die Narrative über die junge Frau zu widersprechen. Die Zeitzeugen berichten von einer alleinstehenden Frau – doch hat die Künstlerin angeblich mit ihrem Liebhaber Wolfgang gesprochen. Das Leben von Heide verschwimmt.

"Über allem steht die Frage, wie Geschichten erzählt werden, ab wann sie glaubwürdig sind, welche Formen es benötigt, um sie glaubhaft zu machen." Larissa Rosa Lackner sitzt in ihrem Atelier in Berlin-Neukölln. Wenn sie über die Entstehung der Arbeit über Heide erzählt, gestikuliert sie, malt Bilder mit den Händen. "Ich wollte untersuchen, wie kollektive Erinnerung entsteht." Für die Arbeit, bestehend aus dem 20-minütigen Film und drei Heften, die zusätzliche Schlüsselinformationen über Heide bereitstellen, erhält Lackner nun den Nachwuchsförderpreis des Brandenburgischen Kunstpreises.

Drei Jahre lang hat die 33-Jährige an dem "Heide"-Projekt getüftelt – für die Multimedia-Künstlerin ist das normal. Es brauche immer lange, bis ein Projekt deutlich formuliert sei. "Am Anfang weiß ich oft nicht, was daraus werden wird. Ich gehe ein Paar Themen nach, was mich so interessiert, und dann kann es schon sein, dass ein bis zwei Jahre später erst die konkrete Idee kommt", so die Künstlerin.

Leben in einem LPG-Wohnkomplex

"Ich wusste immer, dass ich künstlerisch arbeiten will. Ich wusste nur lange nicht, was mein Medium ist", beschreibt Lackner ihren Weg zur Kunst. Mal habe sie Tänzerin werden wollen, dann habe es sie doch eher in Richtung Fotografie gezogen. Doch obwohl sie sich durch Fotografie besonders ausdrücken könne, habe sie sich mittlerweile von der Festlegung auf ein Medium befreit: "Ich lasse mich jetzt von dem Inhalt leiten, und suche hierfür das passende Medium." So hat sie beispielsweise 2015 die Regie einer Tanztheaterperformance übernommen, macht Videoinstallationen, nutzt gerne Texte in ihren Arbeiten – oder eben alles zusammen, so wie in diesem neuen Projekt.

Zu "Heide" hat alles in der Uckermark angefangen, als Lackner gemeinsam mit einigen Kollegen ein ehemaliges LPG-Gelände in Böckenberg, in der Nähe von Gerswalde, in einen Denk- und Produktionsort verwandelt hat. In den 1960er-Jahren wurde es für die LPG-Mitarbeiter gebaut, in dem Wohnkomplex haben die Arbeitenden mit ihren Familien gelebt. "Es sollte dann abgerissen werden, und wir haben das Gebäude sozusagen vor dem Abriss bewahrt", sagt Lackner. Seither haben die Gründer des Vereins Libken e.V. das Gebäude saniert und verwandelt, nach und nach ist daraus ein Ort zum Einquartieren geworden, für Menschen, die fernab von der Großstadt einer Idee oder einem Projekt nachgehen wollen. Der Verein veranstaltet Workshops, Ausstellungen, Feste, Symposien. Auch Volker Koepp hat in "Landstück" darüber berichtet – Larissa Rosa Lackner nutzt dafür Aufnahmen aus früheren Filmen für "Heide".

Libken und die Arbeit in der Uckermark führten Larissa Rosa Lackner also nach und nach zu Heide. "Auf dem LPG-Gelände gab es viele Hinterlassenschaften. All diese Sachen haben mich inspiriert, haben in mir Fragen geweckt. Wie haben die Menschen hier gelebt? Wer hat hier gelebt? Welche Umstände haben das Leben beeinflusst?" Auf der Suche nach den Antworten auf diese Fragen ist Lackner auf Spurensuche gegangen. "Wie bei allen meinen Arbeiten habe ich angefangen zu recherchieren, erst mal in alle Richtungen." Sie las in der Chronik des Ortes nach, hat Zeitzeugen interviewt, hat Stasi-Unterlagen gelesen. Mit der Zeit wurde ihr klar, dass sie die Geschichte einer Frau, vielleicht einer alleinstehenden Frau, in den Vordergrund stellen wollte.

"Was ich am spannendsten an der Arbeit finde, sind die Gespräche, die daraus entstehen. Mich stört es nicht, wenn jemand in diese Welt eintaucht, und alles genau so glauben will. Ich frage mich dann, wie oft das mir vielleicht passiert", berichtet Larissa Rosa Lackner. Als sie in der Uckermark ausgestellt hat, entstand mit den Besuchern eine Diskussion über das Fremdsein. "Heide ist immer die Fremde. Ich frage mich, wann man wirklich irgendwo angekommen ist." Ein bisschen Heide steckt in allen drin, jeder kennt persönlich eine Version von ihr. Vielleicht ist deshalb die Neugier so groß, weshalb wir unbedingt wissen wollen, was mit ihr am Ende geschah.

Je tiefer man in die Ausstellung und die Arbeit über Heide eintaucht, desto weniger geht es um diese Frau. Es geht darum, was wahr und falsch ist, wie eine Geschichte wahr gemacht wird, wie Erinnerung damit hineinspielt. "Mich interessieren Instagram, Netflix, YouTube, durch die man sehr schnell mit Geschichten und vermeintlichen Wahrheiten konfrontiert ist, durch den Einsatz bestimmter Medien, eines bestimmten Gestus. Daran habe ich mich bedient", so Lackner. Beim Eintauchen beginnt die Suche, die zu Beginn eindeutig scheint, doch mit der Zeit entsteht Verunsicherung; kann das alles so stimmen? Erinnerung, Wahrheit, Vorstellung und Erfundenes verschwimmen miteinander, fließen ein in das Gewebe der Erzählung. Man lernt mehr über sich selbst als über Heide.

Zur Person

Larissa Rosa Lackner ist 1987 geboren und kommt ursprünglich aus der Nähe von Nürnberg. Von 2008 bis 2015 hat sie in Leipzig an der Hochschule für Grafik und Buchkunst ein Diplomstudium in Fotografie und bildender Kunst absolviert. 2019 hat sie ein Meisterschülerstudium bei Prof. Tina Bara absolviert. Im Jahr 2014 hat sie, gemeinsam mit anderen Kunstschaffenden, das Projekt Libken Denk- und Produktionsort in der Nähe von Gerswalde in der Uckermark gegründet.Infos unter www.larissarosalackner.de ⇥wal

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