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Fallada-Verfilmung "Jeder stirbt für sich allein" reduziert die Vorlage auf eine Kriminalklamotte

Beim Nazi-Fasching

Alone in Berlin
Alone in Berlin © Foto: Berlinale/X Filme Creative Pool
Mathias Puddig / 16.02.2016, 09:16 Uhr
Berlin (MOZ) Am Tag, an dem Frankreich vor Nazi-Deutschland kapituliert, fällt der Soldat Hans Quangel. Für seine Eltern Otto und Anna ändert sich alles: Sie beschließen, nicht mehr mitzumachen. Mit handgeschriebenen Postkarten rufen sie zum Widerstand auf. Sie wissen, sie werden das "Dritte Reich" nicht stürzen. Aber sie wollen Sand ins Getriebe streuen. Immer mehr.

Hans Fallada hat die Geschichte der Quangels in seinem Roman "Jeder stirbt für sich allein" erzählt. Das Buch wurde in 30 Sprachen übersetzt und bereits zwei Mal verfilmt. Der Schweizer Regisseur Vincent Perez hat nun eine dritte, hochkarätig besetzte Neuverfilmung vorgelegt. Hätte er es bloß gelassen.

Wie der Roman beginnt auch der Film mit dem Sieg über Frankreich. Während die Quangels die Nachricht vom Tod ihres Sohnes in Empfang nehmen müssen, ist Berlin in Feierstimmung: Hakenkreuzfahnen und Blaskapellen, wo man nur hinsieht. An Kulissen und Kostümen wurde jedenfalls nicht gespart. Auf der Leinwand wirkt das geradezu pittoresk - und man staunt: Ist das wirklich Berlin?

Ist es natürlich nicht, der Film wurde zu großen Teilen in Görlitz und im Studio gedreht. Das sieht man ihm ab der ersten Einstellung an. Die Jablonskistraße 55 im Prenzlauer Berg, wo die Quangels wohnen, war 1941 und auch bei Fallada von Enge und Armut geprägt. Im Film bewohnen sie eine helle, beinahe großzügige Wohnung. Das ist nicht unwichtig: Der Roman war unter anderem eine fein beobachtete Studie des Berliner Arbeitermilieus. Für die Geschichte ist es ganz wesentlich, dass ihre Helden aus dem Berliner Proletariat stammen. Bei Perez spielen einige der Schlüsselszenen vor dem Bochumer Rathaus.

Nicht nur in dieser Hinsicht reicht der Film nicht an seine Vorlage heran. Ähnlich - und das ist noch schlimmer - sieht es mit seiner Handlung aus. Perez, der auch das Drehbuch geschrieben hat, dampft das komplexe Handlungsgeflecht so ein, dass es möglichst leicht konsumierbar wird. Dass er bei einem 600-Seiten-Roman auch streichen muss: keine Frage. Dabei ist er jedoch derart unsensibel vorgegangen, dass nicht nur manche Nebenhandlung unmotiviert und unglaubwürdig daherkommt. Auch die Geschichte der Quangels wird zur Kriminalklamotte mit Helden-Haube banalisiert. Die geradezu karnevaleske Ausstattung tut ihr Übriges.

Gut ist der Film eigentlich nur, wenn er seinen Darstellern Emma Thompson, Brendan Gleeson und auch Daniel Brühl die Luft zum Spielen lässt. Vor allem Gleeson ist enorm präsent, wenn ihm nicht gerade ein weiterer vorgestanzter Satz in den Mund gelegt wird. Was er und Thompson sagen können, ohne auch nur ein Wort zu brauchen, ist bemerkenswert. Diese Luft ist in "Jeder stirbt für sich allein" jedoch ziemlich dünn. Die Hauptdarsteller müssen gegen das Drehbuch anspielen - sie haben dabei nicht den Hauch einer Chance.

Heute, 10 Uhr, Haus der Berliner Festspiele, 12 und 18 Uhr, Friedrichstadt-Palast; Donnerstag, 18.30 Uhr, Babylon Kreuzberg

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