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Regisseurin Agnieszka Holland sorgt sich über die Zukunft

Agnieszka Holland im MOZ-Interview: "Interessante, aber gefährliche Zeiten"

Regisseurin Agnieszka Holland
Regisseurin Agnieszka Holland © Foto: dpa
Mathias Puddig / 09.02.2017, 22:07 Uhr
Berlin (MOZ) Schon ganz früh war Agnieszka Holland bei der Berlinale vertreten: 1981 stellte sie als 32-Jährige ihren Film "Fieber" in Berlin vor. 36 Jahre später ist Holland zurück: Am Sonntag feiert ihre neues Werk "Pokot" Weltpremiere. Mit Mathias Puddig sprach sie vorher über den Film - und über Politik.

Frau Holland, unter den zwei Dutzend Regisseuren im Berlinale-Wettbewerb sind nur fünf Frauen. Sie sind eine davon …

Das ist doch eine ganz gute Balance. Ich hoffe, dass es in diese Richtung weitergeht, denn es gibt immer mehr talentierte Filmemacherinnen. Berlin war in dieser Hinsicht immer schon etwas besser als andere Festivals, wo es überhaupt keine Frauen in die Wettbewerbe schaffen. In Cannes etwa sind Regisseurinnen sehr selten. Es ist also gut zu sehen, dass mein Geschlecht hier doch recht stark vertreten ist.

Trotzdem die Frage: Frustriert es Sie nicht, in einer Branche zu arbeiten, wo der Unterschied zwischen Männern und Frauen noch so gewaltig ist?

Das ist keine Frage meiner persönlichen Frustration. Die Frage ist vielmehr, was es für die Zuschauer bedeutet, wenn die Repräsentation unterschiedlicher Sichtweisen nicht gleichberechtigt ist. Die Hälfte der Menschheit sind Frauen, manchmal sogar mehr. Und sie haben in diesem wichtigen Medium praktisch keine Stimme. Das ändert sich nur sehr langsam, denn es ist weiterhin eine Frage des Geldes und des Vertrauens von Geldgebern, die oft aufgrund von Geschlechtervorurteilen urteilen. Und ist es ja nicht nur der Film, wo Frauen schwieriger Karriere machen. Das ist in der Politik genauso, in der Wissenschaft und in vielen anderen Bereichen.

Ich frage danach, weil Ihr Film “Pokot” als “feministische Untersuchung der Situation älterer Frauen” angekündigt wurde. Würden Sie ihn auch so beschreiben?

Diese Beschreibung ist in gewisser Weise eine Verkürzung. Ich würde meinen Film so nicht beschreiben. “Pokot” will viel komplexer sein und wechselhafter. Es fällt mir schwer, in wenigen Sätzen zusammenzufassen, worum es geht und was die tiefe Substanz des Films ist. Natürlich handelt er von einer Frau in einem gewissen Alter. Solche Frauen werden nur selten in Filmen gezeigt. Aber der Charakter meiner Heldin ist extrem, sie ist keine gewöhnliche Frau. Doch zugleich ist ihre Situation für Frauen ihres Alters ziemlich typisch. Sie wird wie ein Objekt behandelt. Die Männer um sie herum behandeln sie nicht als gleichwertigen Menschen, und das ist eine ziemlich typische Situation. Dieser Ansatz kommt übrigens in katholischen und patriarchalischen Ländern, wo machohaften Einstellungen herrschen, häufig vor. Und die Frauen akzeptieren es! Sie sind daran gewöhnt, und sie fühlen sich in gewisser Weise sicher ohne die Bürde von Freiheit und Verantwortung. Sie versuchen - mit einigem Erfolg -, ihre Macht hinter den Kulissen auszuüben, auch wenn mehr und mehr Frauen das nicht mehr genügt. Sie wollen gehört werden und stehen für ihre Rechte ein. “Pokot” ist aber nicht nur feministisch. Das ist nur eine von vielen möglichen Interpretationen und Dimensionen.

Worum geht es außerdem?

Es geht um ökologische Fragen, anarchistische und philosophische, und “Pokot” hat auch Elemente von Thrillern und Schwarzen Komödien. Ich bin selbst gespannt, wie er aufgenommen wird. Als Unterhaltung? Als eine Art Statement zu unserer Zeit? Sehen die Menschen die Ungerechtigkeit, unter der meine Heldin so leidet? Es kann wirklich viele verschiedene Sichtweisen geben. Das war es auch, was mir an Olga Tokarczuks Buch in erster Linie gefallen hat. Das ist keine einfache Geschichte, und sie lässt sich nicht einfach einem Genre zuordnen.

Halten Sie also den Film für ein Statement? Glauben Sie, dass Filmemachen generell ein Statement ist?

Darüber denke ich nicht nach, wenn ich mich für eine Geschichte entscheide. Manchmal wird sie aber von selbst zu einem Statement. Ich will Geschichten erzählen, die mir wichtig sind, und zwar mit meiner Sensibilität und Fantasie. Manchmal kann es dann passieren, dass der Film in die Welt entlassen wird und dann zu einem Statement wird - vielleicht weil sein Inhalt relevant ist, oder wegen der Dinge, die die Zuschauer fühlen und erfahren. Aber ich mache keine offen politischen Filme. Der politische Inhalt meiner Filme kommt durch ihre Darstellung und Erkundung der Schicksale der Menschen und nicht durch eine ideologische oder politische Agenda. Ich kann aber aber wegen der Auswahl meiner Geschichten und ihren Schwerpunkten auch nicht leugnen, wer ich bin.

“Pokot” ist ein polnischer Film …

Ja, er wurde in Polen und auf Polnisch gedreht. Er ist aber eine Koproduktion von fünf europäischen Ländern: Polen, Tschechien, die Slowakei, Deutschland und Schweden.

Aber sie erzählen doch schon eine polnische Geschichte?

Das ist eine polnische Geschichte mit einer hoffentlich universellen Dimension. Als ich den Film in Los Angeles vor Kurzem in einer Privatvorführung gezeigt habe, haben die Zuschauer ihn als extrem relevant für die aktuelle Situation in den USA verstanden. Ich denke, es ist eine sehr polnische Geschichte, aber ihr Umfang geht weiter.

Inwiefern ist denn die Situation in Polen mit der in den USA vergleichbar?

Leider ist die politische Situation in vielen Ländern vergleichbar. In Polen hat vor einem Jahr ein politischer Wandel eingesetzt, den ich für sehr bedauerlich halte, weil er grundsätzliche Freiheiten, Frauenrechte, die Umwelt, verschiedene demokratische Werte und Institutionen angreift. Diese Politik wird von Angst, Spaltung und Ausgrenzung geleitet, und sie weckt Fremdenfeindlichkeit und nationalistische Gefühle. Es gibt zahlreiche Bedrohungen in den USA nach der Wahl von Donald Trump. Der politische Wandel hat reale Gründe, und ich denke, dass darauf populistische und nationalistische Antworten die schlechtestmöglichen sind. Ähnliche Krisen haben auch zum Brexit in Großbritannien geführt, und sie könnten zu einem Wahlsieg des Front National in Frankreich führen. Wir leben in interessanten, aber gefährlichen Zeiten.

Schauen Sie, ich habe drei Filme über den Holocaust gedreht. Ich bin mit den historischen Umständen vertraut, die zum Holocaust führten, und ich weiß, dass die menschliche Natur zu sehr schlimmen Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der Lage ist. Ich erkenne deutliche Parallelen zwischen der geistigen und politischen Situation in den 30er-Jahren und heute. Das macht mir natürlich Sorgen.

Sie selbst haben einige Folgen “House of Cards” gedreht. Hätten Sie jemals gedacht, dass das wahr werden könnte?

Ich hatte schon vor drei Jahren so ein Gefühl, dass wir womöglich einen Weg in die Wirklichkeit aufgemacht haben. Einige Leute hörten auf, zwischen der Wirklichkeit und “House of Card” zu unterscheiden. In gewisser Weise hat die Serie auch populistischen Bewegungen geholfen, das Image der offiziellen Politik herabzusetzen. Das ist aber nicht die Schuld unserer Serie! Auf der anderen Seite trägt auch die offizielle Seite Schuld. Sie haben den Draht zu den Menschen verloren, die Sensibilität für das, was sie wollen und was ihnen Sorgen bereitet. Schon vor langer Zeit haben Politiker aufgehört, Antworten auf die echten Herausforderungen zu geben, indem sie die Demokratie als oberflächliches Spiel behandelt haben und sie ihrer Substanz beraubten.

Sie deuten an, dass eine Fiktion wie “House of Cards” die politische Landschaft zerstört hat?

Nein, das wäre natürlich übertrieben - die Pflicht jeder kreativen Handlung ist es, Wirklichkeiten zu sehen und zu fühlen, die an der Oberfläche noch nicht zu erkennen sind. Die Serie ist für die Veränderungen nicht verantwortlich. Es gibt aber einige Menschen, die auf sehr naive Weise die Fiktion für die Wahrheit gehalten haben - vor allem in einer Welt, in der “alternative Fakten” mehr Einfluss haben als echte. Das ist übrigens auch schon für gute Sachen geschehen: Einige Entwicklungen in der amerikanischen Gesellschaft wurden durch TV-Serien beschleunigt, etwa die Akzeptanz Homosexueller. Auch die Tatsache, dass ein Schwarzer Präsident werden konnte, wurde ermöglicht, weil die Menschen zuvor schwarze Präsidenten in beliebten Serien wie “24 Hours” und “West Wing” gesehen haben. Dochzugleich haben Leute auch angefangen zu glauben, dass sie für Frank Underwood stimmen sollten.

Schauen wir nochmal nach Polen. Sie haben schon sehr früh gewarnt, dass die PiS-Regierung Stück für Stück die Demokratie demontiert. Haben Sie Recht behalten?

Ich denke, ja. Leider. Ich habe Angst, dass die ersten Handlungen, die Trump nun durchgeführt hat, ebensolche Bewegungen in Europa ermutigen, seiner Logik zu folgen. Es ist sehr schwer, sie zu besiegen, weil Demokratie nur funktioniert, wenn sich alle an die gemeinsamen Regeln halten. Die Menschen müssen an die Relevanz der Gesetze und Institutionen glauben. In dem Moment, wo die Regierenden - selbst wenn sie demokratisch gewählt wurden - die Regeln nicht befolgen und die Verfassung brechen, funktioniert die ganze Demokratie nicht mehr.

Inwiefern betrifft das die Kulturpolitik?

Das tut es, auch wenn wir es noch nicht so sehr sehen. Die Direktorin des Polnischen Filminstitutes in Warschau ist noch dieselbe. Sie wurde vor zwei Jahren gewählt und konzentriert sich auf die kreative Weiterentwicklung des polnischen Kinos. Dabei folgt den Vorgaben ihres Vorgängers, der einen wunderbaren Raum für polnische Filmemacher geschaffen hat. Ich kann nicht sagen, dass der politische und ideologische Wandel sich auf die Filmproduktion ausgewirkt hat - wenngleich ich mir natürlich Sorgen über die Zukunft mache. Schließlich sehen wir den verheerenden Effekt schon in den öffentlichen Medien. Er betrifft nicht nur die Nachrichten, nicht nur Propaganda, sondern auch kulturelle Produktionen. Öffentlich-rechtliche Medien sind zu Medien der Partei geworden. Sie bilden die ideologische Agenda ab. Einige Institutionen, die vom Kulturministerium finanziert werden, lassen diesen Wandel schon erkennen. Es könnte schlimmer sein, und ich fürchte auch, dass es schlimmer wird. Da gibt es eine Art nationalistische Zensur, also einen Ausschluss Andersdenkender. Sie nennen das “kulturelle Gegenrevolution” und “Austausch der Eliten”. Dazu müssen Sie wissen: In postkommunistischen Ländern haben die Regierenden mehr Instrumente als in westlichen Ländern, weil der Privatsektor immer noch sehr schwach ist. Es gibt eine große Abhängigkeit vom Staat. Und wenn der Staat dich nicht mag, wird es schwierig, an Geld zu kommen. Konformismus ist deshalb für manche die einzige logische Lösung.

Das hat ja auch Berlin erreicht. Hier wurde vor Kurzem die Leiterin des Polnischen Institutes, Katarzyna Wielga-Skolimowska, abberufen. Verfolgen Sie das?

Ja, und das ist sehr typisch. Eine sehr gute Kulturmanagerin, die mit der polnischen Kultur vertraut ist, den deutschen Markt kennt und ein Gespür dafür hat, was das Publikum interessiert, wird durch jemanden ersetzt, der sich nicht darum kümmert, das Berliner Publikum zu erreichen, und auch das Wissen dafür nicht mitbringt. Und das alles nur, weil Katarzyna in den Augen der Regierenden nicht exakt der kulturpolitischen Linie der Regierung gefolgt ist. Die will ihre eigene neue Elite etablieren, und die will verlässliche Fürsprecher ihrer ideologischen Agenda. Dazu muss sie nicht die Vielfalt, den Reichtum, die Kreativität und die Freiheit der polnischen Kultur im Ausland zeigen. Leider besteht diese neue Elite oft aus Leuten mit nur wenig Talent. Ich denke, es ist schwierig, praktisch unmöglich, im Ausland Interesse für ihre Bücher, Filme oder Meinungen zu wecken, weil sie einfach nicht sehr interessant, neu und universell sind. Es muss heute sehr schwierig sein, diesen Job zu machen - also polnischer Kulturdiplomat zu sein. Das ist natürlich ein Jammer, weil die Polnischen Institute in aller Welt eine fantastische Rolle spielen. Sie werben nicht nur für die polnische Kultur, sondern bringen auch Menschen zusammen, das Publikum und die polnischen Künstler.

2014 waren Sie Ehrengast bei Filmpolska, dem Festival, das vom Polnischen Institut ausgerichtet wird. Würden Sie solch eine Einladung heute immer noch annehmen.

So lange solch ein Festival auf eine ehrliche Weise dem Berliner Publikum das polnische Kino eröffnet, werde ich dabei sein.

Dank Filmpolska und der Berlinale waren in Berlin viele polnische Filme zu sehen, gerade seitdem das polnische Kino wieder einen großen Aufschwung erlebt. Denken wir nur an Malgorzata Szumowska und Tomasz Wasilewski, die beide auf der Berlinale vertreten waren …

Oh ja, und es gibt sogar noch eine weitere Generation, jünger als Malgoska und Tomasz. Wir haben einen reichen Pool an talentierten Filmemachern und Filmemacherinnen, die originell und die etwas Wichtiges und Persönliches zu sagen zu haben. Ich hoffe, dass das nicht zerstört wird. Ich hoffe, dass sie die Chance haben, weiter zu machen.

Aber Sie fürchten es?

Man braucht nunmal Geld zum Filmemachen, und über das Geld entscheiden jetzt Leute, die Kreativität nicht verstehen, also alles, was lebendig, originell und anders ist. Das tut den Filmen nicht gut. Kino ist nunmal eine Kunst die beides braucht: Freiheit - und Geld.

Vollständiges Interview: www.moz.de/berlinale

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