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Eröffnungsfilm "Django" nimmt es mit den Fakten nicht so genau, verzaubert aber durch Musik

Das eitle Gitarren-Genie

 Django
Django © Foto: Berlinale/Roger Arpajou
Gitta Dietrich / 09.02.2017, 22:06 Uhr
Berlin (MOZ) Django Reinhardt schweigt, keine Regung. Er schweigt, als er vermessen wird: Körpergröße, Kopfumfang, Ohren - jedes Detail wird genau notiert. Die Hand ist verkrüppelt, "durch die Inzucht unter den Sinti", mutmaßt ein Nazi-Arzt. Django verliert seine Fassung: Die Entstellung stamme von einem Brand in seiner Jugend. Das ist einer der wenigen Momente im Erstlingswerk und Biopic "Django" von Etienne Comar, in denen sein Hauptakteur die Fassade fallen lässt, Emotionen zeigt.

Reinhardt gilt als Vorreiter des europäischen Jazz und Begründer des Gypsy-Swing, hat die Szene nicht nur als Gitarrist, sondern auch als Komponist und Bandleader geprägt. Djangos aus der Not angeeignete, virtuose Spieltechnik ist legendär. Seinem Instrument entlockte er trotz seiner Behinderung flirrend-leichte Klänge in einem atemberaubenden Tempo.

Der Eröffnungsfilm der Berlinale spielt im Jahr 1943. Reinhardt ist zu dieser Zeit ein Star, der Star der Pigalle. Jeden Abend begeistert der geschniegelte Django (Reda Kateb) mit seinem Swing voller Lebenslust die Pariser. Er ist extravagant und arrogant, stets fein mit Tüchlein um den Hals und einem Äffchen zum Amüsement. Während viele andere Sinti verfolgt werden und umkommen, wiegt er sich in Sicherheit. Bis Django aufgefordert wird, auf Tournee durch Deutschland zu gehen, um gegen die "Negermusik" aus den USA anzuspielen.

Django versucht, sich herauszuwinden. Politik interessiert ihn nicht: "Es ist nicht mein Krieg, ich bin Musiker." Immer-wieder-Geliebte Louise (Cécile de France) hilft ihm schließlich, mit seiner schwangeren Frau (Beata Palya) und seiner Mutter (Bim Bam Merstein) unterzutauchen und an die Schweizer Grenze zu gelangen. Hier trifft er auf Familienmitglieder, lebt aus Not mit ihnen in einem Wohnwagenpark, wartet auf die Ausreise. "Die ständige Bedrohung, seine Flucht und die fürchterlichen Gräueltaten an seiner Familie konnten ihn nicht daran hindern, weiterzuspielen", sagt Berlinale-Chef Dieter Kosslick. Eigens für den Film wurden die verwendeten Stücke von der niederländischen Band Rosenberg Trio neu eingespielt, die seine Musik dieser Tage weitertragen, unter anderem Django-Tribute-Konzerte geben.

"Jazz stand für Freiheit, dafür, Grenzen zu überwinden", so Etienne Comar. Viel Freiheit hat sich der Regisseur auch bei seinem Werk genommen, das Lebensgeschichte mit Fiktion vermengt. "Völlig vertretbar", wie er auf der Pressekonferenz bemerkt, doch irreführend fürs Publikum. So schafft es Reinhardt in "Django" in die Schweiz und kehrt 1945 zu einer Aufführung eines von ihm verfassten Requiems für die verfolgten Sinti nach Paris zurück. In Wirklichkeit wurde er an der Grenze zurückgewiesen, lebte anschließend unbehelligt bis zum Kriegsende in der Hauptstadt.

Djangos egoistische, mimisch unbewegte Natur macht es schwer, Mitgefühl für die Filmfigur zu entwickeln. Das Gitarrenspiel verzaubert hingegen umso mehr. Dafür lohnt es sich, ins Kino zu gehen und diesen herausragenden Künstler seiner Zeit kennenzulernen.

Heute, 14.30 und 17.30 Uhr, Friedrichstadt-Palast; 11.2., 18 Uhr, Bundesplatz-Kino; 16.2., 18.30 Uhr, Haus der Berliner Festspiele

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