Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

"Trainspotting 2" zeigt in flirrenden Bildern den Stillstand hinter dem Rausch

Sie rennen und sie kotzen wieder

 T2 Trainspotting
T2 Trainspotting © Foto: Berlinale/Sony
Simon Rayß / 11.02.2017, 13:58 Uhr
Berlin (MOZ) Hurra, sie leben noch! 20 Jahre sind vergangen und tatsächlich: Keiner der vier Junkies hat bisher ins Gras gebissen. Zugegeben: In bestem Zustand sind sie nicht. Begbie sitzt im Knast, Spud hängt noch immer an der Nadel, Sick Boy hat sich dem Kokainkonsum zugewandt und Renton eine erste Herzattacke überstanden. Doch sie sind am Leben und reif für eine Fortsetzung von "Trainspotting", dieses Kultfilms von 1996.

Das hat sich der Autor der Vorlage, Irvine Welsh, bereits 2002 gedacht und mit "Porno" einen weiteren Teil geschrieben, der die Vier im schottischen Edinburgh wiedervereint. In der Verfilmung, die nun im Berlinale-Wettbewerb außer Konkurrenz läuft, sind es zwei Jahrzehnte, die nach dem großen Verrat ins Land gegangen sind. Renton hat sich damals mit der gemeinsamen Beute eines Heroindeals aus dem Staub gemacht. Nun kommt er zurück, und es erwarten ihn Hass, Ablehnung, Rachegelüste, doch auch Wiedersehensfreude und zaghaft keimende Freundschaft.

Wiedersehensfreude wird sich auch bei den Fans einstellen, wenn die Beats der Elektro-Kombo Underworld wie beim Original loshämmern und der Film mit halsbrecherischem Tempo aus den Startblöcken saust. Doch der flirrende Schnitt kann bald nicht mehr darüber hinwegtäuschen: Regisseur Danny Boyle, der seit "Trainspotting" eine Weltkarriere hingelegt hat mitsamt Oscar-Gewinn ("Slumdog Millionär"), geht es nicht nur um Kurzweil.

Er lässt sich inmitten des langsam abebbenden Bildersturms Zeit, den Figuren Leben einzuhauchen - mit all ihren enttäuschten Hoffnungen und noch immer schwelenden Träumen. Das gelingt auch dank der grandiosen Schauspieler. Der ewig jugendliche Ewan McGregor lässt als Heimkehrer hinter dem anarchischen Grinsen Abgründe erahnen, und Robert Carlyle weckt sogar für einen Psychopathen wie Begbie beinahe Mitgefühl.

Streckenweise ist der Film dennoch eine zähe Angelegenheit, vor allem wegen des wenig zugkräftigen Plots. Die Geschichte vom Aufbau eines "Saunaclubs" am hinteren Ende Edinburghs, das bisher von der Gentrifizierung verschont geblieben ist, kommt eher als Vorwand daher, in alten Zeiten zu schwelgen. Selten war das Original in einer Fortsetzung derart präsent: "Nostalgie, deswegen bist du hier", sagt Sick Boy einmal zu seiner Hassliebe Renton. Genau darum geht es auch in "Trainspotting 2": Wie eine Folie legen sich immer wieder Bilder des ersten Teils über die Szenen.

20 Jahre sind vergangen, in denen der Verfall der Figuren vorangeschritten ist, ohne dass sie sich vom Fleck bewegt haben. Nun rennen sie wieder, sie kotzen und nehmen Drogen. Alles bleibt in Bewegung und trotzdem herrscht Stillstand. Das ist die leise Erkenntnis hinter dem Rausch dieses wehmütigen und doch immer wieder schmerzhaft komischen Films.

Sonnabend, 9.30 Uhr, Zoo Palast; 15.30 Uhr, Friedrichstadt-Palast; 22.30 Uhr, International; ab Donnerstag regulär im Kino

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2018 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG