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Einst und Jetzt
Leseprobe: Neuzugang widmet sich dem Fontane-Jahr

Uwe Stiehler / 07.09.2019, 11:30 Uhr
Frankfurt Oder (red) In Frankfurt startet Fontane seine Reise flussabwärts. An einem Sonnabend um fünf Uhr in der Früh besteigt der Schriftsteller ein Schiff, das ihn bis Stettin bringen soll. Frankfurt selbst ließ er mehr oder weniger emotionslos an sich vorübergleiten. Über Lebus, wo er als nächstes vorbeikam, hatte er mehr zu erzählen:

Vielleicht war es einer jener Morgen, an dem der Himmel sich aufklart und die Sonne ihre frühen Strahlen an den zur Oder hin abfallenden Steilhängen wie Honig herunterfließen lässt, als Fontane an Lebus vorbeischipperte. Er wunderte sich nicht wenig über diesen Ort, der kleiner schien als manches märkische Dorf und sich trotzdem Stadt nennen durfte – ein aus alter Zeit erhaltenes Recht, als Lebus noch Bischofssitz war, eine Burg und eine Kathedrale, also eine Bischofskirche, besaß. Eine solche Bedeutsamkeit scheint beim Anblick des heutigen Lebus eher eine Sage aus längst vergangener Zeit als historisch verbürgt. (…) Denn Lebus fehlt, was eine Stadt zur Stadt macht: der Marktplatz, dieser Ort, an dem die Bürger ihr Prestige und ihre Selbstverwaltung zur Schau stellen. In Lebus gibt es dafür zwei Friedhöfe, einen für die eigenen Leute und einen für jene Soldaten der Roten Armee, die im Frühjahr 1945 bei den Kämpfen um Lebus und ums Oderbruch gefallen sind.

Fontane hielt das noch für einen schlechten Scherz der Geschichte, dass sich einst polnische und deutsche Fürsten blutige Schlachten um den Besitz dieses Ortes lieferten, den er selbst als eine Art Fehlzündung märkischer Stadtentwicklung betrachtete. Nicht nur, dass die Stadt nicht wuchs, sie schrumpfte. Die Burg wurde geschleift, und die Bischöfe verließen ihre Bischofskirche, um sich in Fürstenwalde niederzulassen, bis die Reformation sie dort ereilte. Nicht, dass der Anblick dieses sich bescheiden zwischen Burgberg und Oder duckenden Gemeinwesens Fontane nicht behagt hätte. Aber dass sich einst Krieger mit dem Schlachtruf "Lebus oder Tod" ins Gemetzel warfen, um so einen Ort wie Lebus zu erobern, ließ ein Schmunzeln über sein Gesicht wandern.

Er hatte nicht wissen können, welche Kriegsmaschinerie im Frühjahr 1945 aufgefahren wurde, um Lebus zu halten beziehungsweise zusammenzuschießen. Das Städtchen war einer der am meisten umkämpften Orte, als die Rote Armee sich den Weg nach Berlin freizukämpfen versuchte. Über den zugeschütteten Schützengräben und Geschützstellungen, die das Plateau hinter den Oderhängen durchzogen, reiht sich heute Einfamilienhaus an Einfamilienhaus. Aber die schönste Aussicht ist zum Glück bis jetzt unbebaut. Man findet sie, wenn man die Kleinststadt hinter sich lässt und an ihrem nördlichen Ende dem zur Kante der Oderhänge führenden Schleichweg folgt. Von dort oben hat man einen fantastischen Blick über die Oder und die Ebene nach Osten und schaut nach Norden in das am Fuße des Hangs beginnende Oderbruch hinein. Weites Land, sehr hoher Himmel. Als Picknickplatz ist das ein Gedicht.

Fontane hätte dort sein sollen. Aber als sein Dampfer in Lebus anlegte, wollte er nicht vom Schiff, sondern fix weiter nach Norden – und verpasste so, was wir noch heute "Schöne Aussicht" nennen.

Band 55: "Fontanes Heimat. Einst und Jetzt"

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