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Trümmer statt Tageszeitung
Teil 2: Geschichte des "Brandenburger Anzeigers" endete 1945 binnen Sekunden

Manfred Lutzens / 01.12.2019, 08:15 Uhr
Brandenburg Am 2. Dezember 1909 machte der "Brandenburger Anzeiger" mit einer "Festnummer zur Feier des 100jährigen Bestehens" auf sein stolzes Jubiläum aufmerksam. Den Freunden und Lesern des Blattes wurde mit dieser 16-seitigen, illustrierten Ausgabe ein Stück Orts- und Zeitungsgeschichte vermittelt. "Am Alten die Treue halten, die Gegenwart zur Tat gestalten, der Zukunft Banner froh entfalten" hieß es da im Leitartikel.

Mittlerweile hatte die Witwe des 1907 verstorbenen Hermann Wiesike die Geschäftsleitung übernommen. Und zunächst entwickelten sich Druck wie auch Verlag auf dem weiträumigen Gelände zwischen Kur- und Wollenweberstraße weiterhin günstig. So waren neben der leistungsfähigen Rotationsmaschine sechs Schnellpressen, je zwei Setzmaschinen, Tiegeldruck- und Bostonpressen inklusive u. a. Falz-., Schneide-, Perforier- und Nummeriergeräte - angetrieben von Gas- bzw. Elektromotoren -  betriebstüchtig. Bald kam eine Zwillings-Rotationsmaschine (Stundenkapazität 12 000 Zeitungen a 16 Seiten) hinzu. Ständig erhöhte sich die Auflage, immer schneller wurde produziert. Aber mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges im Spätsommer 1914 reduzierte sich schnell die Seitenanzahl, geprägt zunehmend durch Berichte von den Fronten.

Dem anfänglichen Siegesjubel folgten alsbald erste  Trauerbotschaften, Verlustlisten und Todesanzeigen. Zugleich nahm die Zahl der Beiträge über Spenden und Wohltätigkeitsveranstaltungen zu, ebenso bezüglich großer Entbehrungen. Erst viele Jahre nach Kriegsende (1918), nämlich speziell dann, als Inflation und Weltwirtschaftskrise kein Thema mehr waren, erholte sich der "Brandenburger Anzeiger". Herausgeber Friedrich Cramer prophezeite dem Blatt schließlich in der mit vielen Textbeiträgen sowie alten Fotos gestalteten nächsten Jubiläumsausgabe zum mittlerweile 125-jährigen Bestehen im Dezember 1934 wieder eine gute Zukunft und endete mit den Worten "Darum auch in weitere Jahrhunderte hinein ´Hie guet Brandenburg allewege` ". Zu diesem Zeitpunkt allerdings war die aus dem Hause Wiesike stammende, einst als bürgerliche Zeitung geschätzte Ausgabe bereits weitgehend unter die Fuchtel der Nationalsozialisten gekommen, musste ebenfalls deren Ideologie verbreiten. Cramer indes ahnte da wohl keinesfalls, dass es dieses NS-Regime und seinen geliebten "Anzeiger" infolge des danach angezettelten Zweiten Weltkrieges bereits 1945 allumfassend ereilen würde...

"Die Machtübernahme durch die NSDAP sowie die  Gleichschaltung dieser Zeitung hatte Friedrich Cramer mächtig leiden lassen", erinnerte sich noch vor einigen Jahren die damals dort als Sekretärin tätige Charlotte Bach. In Druckerei und Verlag waren zur Blütezeit bis zu 150 Angestellte tätig. Die Ausgabe der für Brandenburg so bedeutenden Zeitung - hier wurde übrigens Friedrich-Karl Grasow (später Ehrenbürger der Stadt) dereinst vier Jahre lang als Schriftsetzer ausgebildet -, schwankte da zwischen 16 000 und 20 000 Exemplaren. Eine Kleinanzeige in diesem "Heimatblatt" der meisten Brandenburger kostete 60 Pfennige. Zusätzlich mit weiteren Informationen versorgte das Unternehmen beispielsweise im Jahr 1939 die Havelstädter immerhin von 48 firmeneigenen Plakatsäulen. Aus dem Verlag samt seiner Buch- und Kunstdruckerei kamen vielerlei Schriften. So insbesondere  Heimatliteratur, die zudem regelmäßig im Blatt u. a. von Prof. Dr. Otto Tschirch und Friedrich Grasow veröffentlicht wurde.

Ab 1944, als die Wehrmacht bereits an allen Kriegsfronten auf dem Rückzug war und Deutschland seinem Ende entgegen taumelte, erschien der inzwischen mächtig "dünne" Anzeiger dann gar als NSDAP-Mitteilungsblatt des Kreises Brandenburg/Zauche Belzig. Am 20. April - zu früher Vormittagsstunde - wurden Druckerei- und Verlagsgebäude beim letzten Bombenangriff der westlichen Alliierten in diesem verheerenden Krieg auf Brandenburg binnen Sekunden weitgehend vernichtet. Das Vorderhaus der Kurstraße 7 indes blieb unversehrt. Damit endete hier die Zeitungstradition. Mit einer Notausgabe im DIN-A 4-Format folgte schließlich der Abgesang für das einst mit viel Stolz herausgegebene Blatt.

Verleger Friedrich Cramer wurde Anfang Mai 45 von der einrückenden Roten Armee auf offener Straße festgenommen. Er kam vermutlich im berüchtigten Straflager Ketschendorf um. Andererseits ließen die sowjetischen Besatzer den von ihnen abgeführten Lokalredakteur Dr. Kurt Grötschel später wieder frei. Unbehelligt blieb Sportchef Max Roll; indes war Redakteur Heinrich Wianka noch an der Front gefallen. Und Hauptschriftleiter Fritz Liesche überstand nicht die Qualen der Lagerhaft seitens der russischen Siegermacht.

Die Trümmer des "Anzeigers", aus denen etliche unzerstörte Maschinen später als Reparationsleistung in die Sowjetunion abtransportiert wurden, blieben fast zehn Jahre lang liegen. Übrigens, sie erschienen dem Verfasser dieses Beitrages - damals im Kindesalter - gar als der "beste Spielplatz der Welt".  Ein Schrotthändler barg indes 1953/54 aus den verschütteten Setzkästen der Druckerei noch ansehnliche Mengen Blei, soweit es nicht schon Anwohner gesammelt hatten. In unzerstört gebliebenen Räumlichkeiten der Kurstraße 7 etablierte sich die Holzpantinenmacherei Kranich. Die ehemalige Geschäftsstelle  kam der neuen, staatlichen Werbe- und Anzeigengesellschaft DEWAG gleich bestens gelegen. Heute befindet sich dort die Verbraucherzentrale. In die Wohnung von Friedrich Cramer zog bald nach Kriegsende Pfarrer Kurt Schubert (St. Katharinen). Schließlich nutzten Gas- bzw. Wasserwerk noch bis vor etlichen Jahren den eingeschossigen Gebäudeteil zur Wollenweberstraße hin - einst die "Anzeiger"-Expedition.  Dieser Trakt musste inzwischen jedoch einem Parkplatz der WOBRA weichen.

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