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Aljona Savchenko
30 Jahre bis zum Olympia-Gold

01.07.2020, 15:21 Uhr - Aktualisiert 15.07.2020, 16:37
Frankfurt (Oder) Von Jens Rümmler

Diese Frau fällt nicht nur auf, weil sie bildschön ist. Wenn Aljona Savchenko spricht, hört man ganz genau hin. In erster Linie, weil sie etwas zu sagen hat. Aber auch wegen ihrer Aussprache, ein Mix aus nicht ganz akzentfreiem Deutsch und sächsischem Slang. Bei Kiew wuchs die gebürtige Ukrainerin auf. Mit 19 Jahren und zehn Dollar Taschengeld kam sie nach Deutschland, um aus ihrer Sportlaufbahn eine einzigartige Karriere zu machen. Olympiagold 2018 in Südkorea, sechs Weltmeister- und vier EM-Titel zählen zur Bilanz der erfolgreichsten deutschen Paarläuferin aller Zeiten. Ihre Siege holte sie mit drei verschiedenen Eiskunstlaufpartnern!

Dabei erklärten ihr ukrainische Jugendtrainer einst, dass sie nicht zum Eiskunstlauf tauge. Doch Aljona Savchenko ließ sich nicht wegschicken. Auch die Mutter unterstützte das Töchterchen und bat die Verantwortlichen : "Lassen Sie sie doch laufen. Es macht ihr solche Freude. Und der Erfolg stellt sich vielleicht noch ein." Das tat er wirklich. Bereits mit 14 Jahren nahm Aljona Savchenko an Juniorenweltmeisterschaften teil.

Noch einmal 20 Jahre später wurde sie am 15. Februar 2018 mit Eiskunstlaufpartner Bruno Massot Olympiasieger im Paarlauf. Die fabelhafte Kürnote von 159,31 Punkten bedeutete gleichzeitig Weltrekord! Dabei lagen beide nach der Kurzkür noch auf Rang 4.

Die außergewöhnliche Karriere der Aljona Savchenko beschreibt Journalistin Alexandra Ilina nun in ihrem Buch "Der lange Weg zum olympischen Gold" (arete Verlag). Die Lektüre zeichnet einen Weg voller Widerstände sowie vieler Auf und Abs nach. Der Leser erfährt, wie aus einem schüchternen Mädchen eine selbstbewusste Frau wurde. Die steht auch mit 36 noch auf dem Eis und träumt von weiteren Erfolgen. "Mein Alltag sieht derzeit so aus: Aufstehen, frühstücken, trainieren, trainieren und nochmals trainieren, schlafen und zwischendurch essen. Und das sechs Tage in der Woche", so die Sportsoldatin der Bundeswehr aus Oberstdorf. Nach wie vor schwebt ihr ein Eislauf-Comeback mit Bruno Massot vor. Doch der ziert sich offenbar noch (Stand: April 2020). "Nach der Corona-Epidemie hoffen wir überhaupt auf ein Comeback des normalen Lebens für alle Menschen in der Welt. Dann sehen wir weiter", so die drahtige kleine Frau.

Bis zu einer Entscheidung über ihre sportliche Zukunft übt sie weiter Schrittfolgen und Sprünge. Um perfekt in den Tag zu starten, sei ein gutes Frühstück unerlässlich, wie sie auf Nachfrage mitteilt: "Mein Frühstück sieht so aus: Ich liege im Bett und mein Mann (Liam Cross – d. Red.) bereitet mir das Morgenmahl zu", lacht Aljona Savchenko. "Ich mag morgens Mandelmilch mit Müsli, Himbeeren und andere Früchte. Kaffee gehört natürlich auch dazu." An Wettkampftagen weicht die Eiskunstläuferin ein wenig von diesen Gewohnheiten ab, schon weil der werte Gatte nicht immer dabei ist.

Verändert habe sich in ihrem Leben viel, seitdem sie 2019 Mutter einer Tochter wurde. "Mein Leben hat sich seitdem komplett auf den Kopf gestellt. Aber es ist schön. Ich genieße diese Zeit, auch wenn die Nächte zu kurz sind", so die glückliche Mutter im Interview. Die erinnert sich noch heute, wie sie vor 17 Jahren nach Deutschland kam. Ihr kleines Chemnitzer Appartement mit Kochnische sei für sie wie ein Paradies gewesen. Im ukrainischen Obuchiw bei Kiew lebte sie mit Eltern und Geschwistern zu Sechst in einer Drei-Raum-Wohnung, plus Hund und vier Papageien. "Für jedes Kind ein Papagei", erinnert sich Aljona Savchenko im Buch. Als sie nach Sachsen kam, war sie für die Ukraine bereits Juniorenweltmeisterin (mit Stanislaw Morosow im Jahr 2000), hatte aber noch nichts von diesen Lorbeeren.

Im Buch blickt Aljona Savchenko auch zurück auf ihre Kindheit in der Sowjetunion, zu der die Ukraine als Sowjetrepublik damals gehörte. Bereits im Alter von drei Jahren lief sie demnach das erste Mal Schlittschuhe auf einem zugefrorenen See ihrer Heimatstadt. Schon mit vier wollte sie zum Eiskunstlauftraining in die Metropole Kiew, musste aber noch ein Jahr warten. Die spätere tägliche Anreise dorthin war strapaziös. Doch ohne Eis schien die kleine Aljona nur ein halber Mensch zu sein. 2014 war sie das letzte Mal in ihrer alten Heimat, der Ukraine, wie sie auf Nachfrage sagt. Der kleine See ihrer Kindheit sei mittlerweile verschwunden. "Vor sechs Jahren, es muss im April gewesen sein, war das kleine Gewässer schon ausgetrocknet. Es war noch ein wenig Gras da und eine Pfütze."

Von Ostdeutschland kennt Aljona Savchenko vor allem Sachsen, wo sie lange Zeit in der Eiskunstlauf-Hochburg Chemnitz trainierte. "Brandenburg kenne ich nur von Fotos. In Berlin war ich ein paarmal, aber nur kurz", räumt die zierliche Frau ein. Auch von Wettkampforten in aller Welt habe sie insgesamt recht wenig gesehen. Vor und nach den Wettstreits bleibe dafür einfach wenig Zeit, erklärt die Eisfee. Bei reinen Showläufen sehe es schon anders aus. Aljona Savchenko erwähnt in diesem Zusammenhang Tokio. "Dort haben wir uns viele Parkanlagen und kulturelle Einrichtungen angeschaut. Es war eine schöne Zeit in Japan", erinnert sich die "Sportsoldation des Jahres 2018".

Namen großer Eislauf-Ikonen aus dem Osten wie Katarina Witt oder Christine Stüber-Errath sind ihr geläufig. "Ja klar, die beiden sind große Ausnahmesportlerinnen. Christine Stüber-Errath habe ich leider noch nicht live gesehen, hoffe aber, sie irgendwann kennenzulernen. Mit Katarina Witt war ich zu einigen Sendungen eingeladen", sagt Aljona Savchenko.

Privates ist der Olympiasiegerin von 2018 nur schwer zu entlocken. Meist folgt ein Verweis auf das, was im Buch steht. Beispiel: Ex-Trainer Ingo Steuer, mit dem sie auch liiert war. Mit dem Erfolgscoach teilte sie viele große Stunden, offenbar aber auch schmerzhafte Momente.

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