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Literatur
Wiederentdeckt - Helen Wolffs Sommerroman

Christina Tilmann / 30.07.2020, 03:00 Uhr
Berlin (MOZ) Es beginnt mit einem Ausbruch, fast einer Flucht. Man fährt aus dem Winter in den Frühling, und im Gepäck sind "Decken und große Koffer und Mäntel, viele Karten und Brillen gegen Staub und Sonne; Schokolade, harte Eier, Cognac, Bananen". Die junge Frau ist besorgt, sie kennt ihren Liebhaber zwar von der Arbeit und von heimlichen gemeinsamen Stunden – "Wir haben Mahlzeiten zusammen genommen, Musik gehört, miteinander getanzt, Gespräche geführt, uns gestritten und auch geliebt."

Aber wie er beim Rasieren aussieht, das weiß sie nicht. Auch fürchtet sie, dass er schnell merken wird, wie begrenzt ihr eigener kultureller Schatz ist und dass sie schnell müde wird und keine Karten lesen kann, dass sie "keine Diana der Landstraße, keine kühne Ritterin des Steuerrads" ist.

Eine Laune – oder mehr?

Als die 23-jährige Verlagsassistentin Helen Mosel mit dem 20 Jahre älteren Verleger Kurt Wolff 1929 nach Südfrankreich reist, verbindet die beiden nicht nur die Arbeitsbeziehung, sondern eine Affäre, eine von vielen, die der gut aussehende Kurt Wolff unterhält, während seine Ehe in den letzten Zügen liegt. Die sechswöchige Reise, gedacht als "flüchtige Laune einer günstigen Minute unter günstigem Himmelsstück" (Mosel), knüpft eine dauerhafte Verbindung – und bildet die Grundlage für den autobiografischen Roman "Hintergrund für Liebe", der nun im Bonner Weidle Verlag wiederentdeckt wird.

Die Wolffs sind bedeutende Verlegerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts: Nach Liquidation des Kurt Wolff Verlages gründen sie 1942 in New York den Verlag Pantheon Books, 1961 in Locarno das Imprint Helen and Kurt Wolff Books, sie betreuen die amerikanischen Ausgaben von Autoren wie  Max Frisch, Günter Grass, Uwe Johnson und Jurek Becker, verlegen Julien Green, Georges Simenon, Italo Calvino, Umberto Eco, György Konrád und Stanislaw Lem. 1963 stirbt Kurt Wolff an den Folgen eines Unfalls während eines Deutschlandbesuches. Helen Wolff stirbt 1994 in Hanover im Bundesstaat New Hampshire. Dass sie sich selbst auch als Autorin sah, war in Vergessenheit geraten.

Wenn nun ihr Debütroman von ihrer Großnichte Marion Detjen neu herausgebracht wird, ist das eine faszinierende Zeitreise und ein Dokument einer selbstbestimmten Persönlichkeit. Wir erleben in ihrer lockeren, lakonischen Schilderung das Erwachsenwerden einer jungen Frau und die Umkehrung der klassischen Rollenbilder. Ein bisschen liest sich das wie Irmgard Keun oder wie Vicky Baum. Und auf Fotos sieht man eine selbstbewusste junge Frau in Hosen und mit Kurzhaarschnitt.

Dabei beginnt alles ganz traditionell: Der erfahrene Bonvivant, mit dickem Buick und viel Geld, zeigt seiner unerfahrenen jungen Geliebten die Welt, lädt sie in teure Hotels und zu Champagner ein, ins Spielcasino nach Monte Carlo und an die Strandpromenade nach Nizza, kauft ihr Kleider und Hüte, und natürlich ist da bald auch schon eine andere Dame, eine ältere, elegantere, "sie sieht einem großen Strauß von rosa Nelken ähnlich, sie blüht und trägt einen bunten Hut und ist überhaupt bunt, viel zu bunt, finde ich".

Die Ich-Erzählerin merkt und formuliert sehr deutlich, dass ihr das nicht passt, die Dame nicht, der Luxus, die teuren Hotels, das Geldausgeben im Casino, sie hatte sich Frankreich anders vorgestellt, mit einem Häuschen, das auf einer Wiese steht, "und eine weiße Katze soll auf dem Brunnen sitzen, und sie soll schnurren, wenn man sie nur ansieht. Und ich will einen Feigenbaum vor der Türe, und dann wollen wir alt werden wie Philemon und Baucis und nie wieder fortgehen, nie wieder nach München oder nach Berlin". In ihrem Abschiedsbrief schreibt sie: "Ich will leben, und du willst dich amüsieren. – Nein, Lieber, nicht mit mir."

Das Erstaunliche passiert: Ihr Traum wird wahr. Sie verlässt ihren Freund, mittellos, ohne zu wissen wohin, und findet tatsächlich ein bescheidenes Haus in den Bergen von Saint-Tropez, mit einem Brunnen im Hof und auch einem Kätzchen. Und sie findet Freunde, die ihr helfen, Wolf, einen arbeitslosen Musiker,Marianne, die sich von einem älteren Mann aushalten lässt. Irgendwann ist auch der Geliebte wieder da und lässt sich auf das einfache Leben ein, für einen Sommer. Doch irgendwann ist der Sommer vorbei, und es geht zurück nach Berlin.

Wie die Geschichte weitergeht, erzählt Marion Detjen in ihrem essayistischen Nachwort, das selbst schon fast ein eigenes Buch ist. Erzählt von Kurts Affären und Helens finanziellen Nöten, von ihren beruflichen Schritten in Paris und davon, wie sich in Südfrankreich zwischen 1930 und 1932 tatsächlich für kurze Zeit eine improvisiertes Idyll etabliert. 1933 ist für die Wolffs klar, dass sie in Deutschland nicht mehr leben können. 1940 gelingt ihnen, unter abenteuerlichen Umständen, die Ausreise nach New York. Noch einmal nimmt sich Helen Wolff ihr Manuskript vor und überarbeitet es. Dann packt sie es weg mit dem Vermerk: "Nach meinem Tod verbrennen oder ungelesen wegwerfen".

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