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Weihnachtsfeier
Eine festlich gedeckte Tafel

Jutta Schröter erhielt Dank, lobende Worte und ein kleines Präsent für ihre ehrenamtliche Tätigkeit bei der Elstaler Tafel von Volker Mueller und Holger Schreiber.
Jutta Schröter erhielt Dank, lobende Worte und ein kleines Präsent für ihre ehrenamtliche Tätigkeit bei der Elstaler Tafel von Volker Mueller und Holger Schreiber. © Foto: Silvia Passow
Silvia Passow / 15.12.2018, 13:01 Uhr
Wustermark „Kommen sie, setzen sie sich. Kaffee?“ Während sie fragt, hält die Dame mit dem weißen Haar und den unternehmungslustig funkelnden Augen mir einen Teller Plätzchen unter die Nase. Draußen vor der Tür fegt eisiger Ostwind um das Gemeinschaftshaus in Wustermark, hier drinnen wohlige Wärme, nicht nur der Heizung wegen. Die Tafel Elstal hat zur Weihnachtsfeier geladen, aufgetischt wird, was zuvor gespendet wurde, schmackhaft, einladend und mit viel Liebe zubereitet. Und sie, die sie von diesen Spenden versorgt werden, sind sofort bereit, ihr Festmahl zu teilen. 40 bis 50 Menschen besuchen regelmäßig die Tafel in Elstal.

Irene Flügge heißt die freundliche Dame. Montags und donnerstags geht die Rentnerin zur Tafel, erzählt sie ohne Scheu. Nicht nur zum Essen, sagt sie, sie hilft hier auch gern. Anpacken habe sie gelernt. Als junge Frau arbeitete sie im Stahlwerk, später bei der Bahn. „Naja und zwischendurch war ich auch mal arbeitslos“, sagt sie und neigt dabei leicht den Kopf. Drei Kinder zog sie groß. Heute bekommt sie 1.200 Euro Rente, allerdings nur, weil sie zu ihren Altersbezügen noch Witwenrente bezieht. Allein 500 Euro fließen in die Miete, dazu Strom, Heizung, Versicherung. Ein Auto hat sie nicht. Rund 40 Euro zahlt sie für ihre Medikamente und zuckt die Schultern. „Gesundheit geht vor.“ Die Tafel ermöglicht ihr, etwas Geld zur Seite zu legen. Weihnachten steht vor der Tür, Flügge ist inzwischen stolze Großmutter von acht Enkeln und zwei Urenkeln.

„Auch ohne die Tafeln muss niemand hungern“, sagte Jens Spahn (CDU) einmal. Doch zwischen Hungern und Wohlstand liegt ein weites Feld. Und auf der einen Seite des Feldes stehen jene, für die eine kostenfreie oder günstige Mahlzeit Geldmittel freisetzt, für den Besuch eines Museums oder ein Weihnachtspräsent für einen lieb gewordenen Menschen.

Auch Dennis R. aus Elstal kommt regelmäßig zur Tafel. Er lebt im betreuten Wohnen, ist mit seiner Betreuerin da. Dennis erzählt von seiner Arbeit in einer Behindertenwerkstatt. Ein Praktikum, bezahlt wird er nicht, noch laufe die Probezeit, sagt er. Seine Betreuerin neben ihm nickt. Ja, sie kommen öfter, nicht nur des Essens wegen. Es sei der Zusammenhalt der Leute hier und die Geselligkeit, sagt R.

„Armut grenzt aus“, sagt Dr. Volker Mueller, Vorsitzender des Humanistischen Freidenkerbundes Havelland. Entweder weil sich die Menschen selbst aus Scham zurückziehen oder die Gesellschaft sie ausgrenzt. Gemeinsame Restaurantbesuche oder zusammen ins Kino, für viele Menschen nicht möglich. Die Tafel bietet nicht nur Speise und Trank, sie ist auch Treffpunkt.

Armut im ländlichen Raum schafft andere Probleme als in dicht besiedelten Gebieten. Der Humanistische Freidenkerbund unterhält neben der Tafel in Elstal weitere Tafeln in Nauen, Falkensee, Brieselang, Ketzin, Friesack und Pessin. Denn auf dem Land kommt zur Armut noch die Frage der Mobilität. Mueller hat auf die Situation reagiert. Etwa 100 Haushalte werden zweimal wöchentlich von Nauen aus mit Nahrungsmitteln angefahren.

Es seien mehr Menschen geworden, die das Angebot der Tafel nutzen, sagt Mueller. Ob es mehr Bedarf gibt oder sich einfach mehr Menschen nur trauen, die Tafeln zu besuchen, sei schwer zu sagen, setzt er nach. „Wir grenzen niemanden aus. Wir teilen so auf, dass alle etwas abbekommen.“ Dabei ist die Tafel auf gespendete Lebensmittel angewiesen. Und wenn dann kein Joghurt gespendet wurde, gibt es auch keinen.

Mueller klagt, zu viele verzehrfähige Lebensmittel werden weggeworfen. Geschätzte 80 Kilogramm Lebensmittel wirft jeder deutsche Verbraucher im Jahr weg. Oft reicht ein abgelaufenes Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) und die Nahrungsmittel finden ihr Ende im Müll. Mindestens bis heißt aber nun mal nicht tödlich ab. Doch nicht nur ein aufgedrucktes Datum verleitet Verbraucher wie Einzelhändler Nahrungsmittel zu entsorgen. Möhren mit welkem Grün, Äpfel mit Druckstellen oder das Brot von Vorgestern teilen das unerfreuliche Schicksal. An die Tafeln spenden, heißt nicht nur Essen verteilen, es heißt auch Lebensmittelverschwendung vermeiden. „Mit den Tafeln führen wir das Essen wieder zu den Menschen“, sagt Mueller.

„Eine Weihnachtsfeier machen wir jedes Jahr“, sagt Jutta Schröter, sie leitet die Tafel in Elstal. Die Kinder der Kita Spatzennest sind da, tragen ein weihnachtliches Schauspiel vor. In diesem Jahr hatte Schröter Frank Zander eingeladen. Zu kurzfristig, der Künstler konnte den Termin nicht wahrnehmen. Einen signierten Kalender und zwei CDs hat er geschickt.

So kurz vor Weihnachten, was würde sich Jutta Schröter für ihre Tafel in Elstal wünschen? „Mehr Platz“, sagt sie sofort. Einen Raum für Begegnung schaffen, für gemeinsames Essen und Geselligkeit. Und eine Terrasse wäre schön. Bürgermeister Holger Schreiber (parteilos) würdigt Arbeit der Tafel und verspricht Unterstützung Er ist auch gekommen und lobt den Einsatz der Ehrenamtlichen der Tafel. Die Räume der Tafel in Elstal stellt die Gemeinde zur Verfügung, allerdings muss sich die Tafel den Standort mit dem Jugendtreff teilen. Auf absehbare Zeit soll der Flachbau nur noch die Tafel beherbergen, zuvor muss allerdings ein neuer Standort für den Jugendtreffpunkt gefunden werden. Schreiber sichert auch hier seine Unterstützung zu. Die Außenanlage der Elstaler Tafel mit einer Terrasse aufwerten, das will Schreiber unterstützen, in enger Zusammenarbeit mit Schröter.

Kleine Geschenke, sorgsam verpackt und liebevoll verziert werden später verteilt. Und dann fällt Jutta Schröter noch etwas ein. „Bitte, da wäre noch etwas. Die Bäckerei Kreuschner aus Falkensee spendiert uns jedes Jahr zur Weihnachtsfeier Kuchen und Stolle. Ich würde mich sehr gern auf diesem Weg bedanken.“

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