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Zukunft ungewiss
Die Konrad-Wolf-Gedenkstätte in Lehnitz schließt ihre Türen

Als sei er nur kurz aus dem Haus: Auf dem Schreibtisch in Friedrich Wolfs Arbeitszimmer liegt noch ein Rezeptblock.
Als sei er nur kurz aus dem Haus: Auf dem Schreibtisch in Friedrich Wolfs Arbeitszimmer liegt noch ein Rezeptblock. © Foto: Klaus D. Grote/MOZ
Klaus D. Grote / 03.12.2019, 08:00 Uhr
Lehnitz (MOZ) Den Schreibtisch nennt Annemarie Jaeggi auf die Frage nach dem schönsten Möbelstück in der Friedrich-Wolf-Gedenkstätte. Die Direktorin des Berliner Bauhaus-Archivs hat sich in der vergangenen Woche im ehemaligen Wohnhaus des Schriftstellers und Mediziners in Lehnitz umgesehen. "Ich bin zum ersten Mal hier und beeindruckt von der Einrichtung."

Else und Friedrich Wolf waren 1948 in das Haus am Alten Kiefernweg gezogen und hatten die damals populäre Innenarchitektin Liv Falkenberg beauftragt, die Ausstattung zu entwerfen. Die Möbel entstanden in den Hellerau-Werkstätten bei Dresden. Sie sind nahezu vollständig erhalten. Im Arbeitszimmer von Friedrich Wolf, zu dem auch eine elegante Sitzgruppe mit rundem Tisch gehört, steht der Schreibtisch im Mittelpunkt. Die Schreibtischplatte scheint auf zwei Schränken zu schweben. "Die Möbel sind wunderschön. Und sie sind so besonders, weil sie authentisch und genau für diesen Ort gemacht sind", sagt Annemarie Jaeggi.

"Das Arbeitszimmer im oberen Geschoss erweckt den Eindruck, als habe es der Schriftsteller nur für einen Moment verlassen", heißt es auf der Homepage der Friedrich-Wolf-Gesellschaft, die das Haus als Gedenkstätte unterhält. Auf dem Schreibtisch liegen ein Berliner Adressbuch, ein Rezeptblock des Arztes und ein vollgeschriebenes Notizblatt. Der Arzneimittelschrank ist voller Tinkturen und Verbandsmaterial. Auf einem Seitenschrank stehen Fotos der Familie, die Söhne Konrad und Markus Wolf sind als Kinder zu sehen. Sie wurden später als Regisseur und als Chef der Stasi-Auslandsspionage bekannt.

All die Objekte müssten unbedingt an diesem Ort erhalten bleiben, sagt Annemarie Jaeggi. Es würde keinen Sinn machen, einzelne Stücke in ein Museumsarchiv zu verbannen. Für das Bauhaus-Archiv wären die Möbel ohnehin nicht interessant. "Es gibt hier kein Bauhaus. Die Möbel gehören zur neuen Sachlichkeit", erklärt die Gropius-Expertin. Friedrich Wolf, der sich in der Stuttgarter Zeppelinstraße von seinem Nachbarn und Architekten Richard Döcker ein Haus im Bauhausstil errichten ließ, wollte auch nach der Rückkehr aus dem Moskauer Exil modern leben. Das entsprach seiner Vorstellung von gesundem Leben und Wohnen.

Jaeggi zählt auf, warum Friedrich Wolf nicht nur als Schriftsteller interessant sei. "Er gehörte zur Reformbewegung, widmete sich der Naturheilkunde und Homöopathie, der Freikörperkultur, lebte zeitweilig im Künstlerdorf Worpswede." Hinzu kommt die Geschichte der Häuser am Alten Kiefernweg, die von Häftlingen des Konzentrationslagers Sachsenhausen für Wehrmachtsoffiziere errichtet wurden. Die Siedlung steht heute als Flächendenkmal unter Schutz.

Wolfs Enkelin Tatjana Trögel, die die Gedenkstätte für die 1992 gegründete Friedrich-Wolf-Gesellschaft leitet, erinnert an das umfangreiche Werk des Schriftstellers. Das Archiv Wolfs ging nach dessen Tod als Schenkung seiner Witwe Else Wolf an die Akademie der Künste in Berlin. Bis zu ihrem Tod 1973 lebte sie in Lehnitz und führte auch Besucher durchs Haus. Ab 1992 kamen viele Prominente zu Lesungen: Günter Gaus, Edzard Reuter, Egon Bahr, Angelica Domröse. Doch die Friedrich-Wolf-Gesellschaft stellt den Betrieb zum Jahresende ein. Die Lesung von Daniela Dahn am Sonntag war die vorerst letzte Veranstaltung im ehemaligen Wohnzimmer der Wolfs. Für das neue Jahr gibt es kein Programm in Lehnitz. "Wir schaffen es nicht mehr", sagt Tatjana Trögel. Die Gesellschaft habe lange um eine Übernahme durch die Stadtverwaltung gerungen und immer wieder darauf hingewiesen, dass der Betrieb durch die wenigen, meist älteren Mitglieder der Gesellschaft nicht mehr zu leisten sei.

Der Landtagsabgeordnete Heiner Klemp (Grüne) will in einer Kleinen Anfrage an die Landesregierung wissen, wie sie das Haus unterstützen könne. Die Beantwortung ist noch in Arbeit. Doch Stephan Breiding, Sprecher des Kulturministeriums, macht wenig Hoffnung. Andere Literaturhäuser würden von Kreisen und Kommunen getragen. Möglich wäre aber eine Förderung.

Eine deutliche Absage kommt aus dem Landratsamt. "Der Name Friedrich Wolf und die heutige Gedenkstätte in Lehnitz sind eng mit der Stadt Oranienburg verbunden. Überlegungen zum Weiterbetrieb sollten auch dort verortet bleiben, um eine Partizipation der Bürger zu einer möglichen Weiternutzung zu ermöglichen", teilte Kreissprecherin Constanze Gatzke auf Anfrage mit. Allenfalls könnten Denkmalfördermittel des Kreises für die Sanierung beantragt werden.

Gedenkstätten und ihre Träger

Die Stadt Oranienburg unterstützt die Gedenkstätte derzeit mit einem Betriebskostenzuschuss. Brandenburgs Kulturministerium kann sich allenfalls eine Landesförderung von Projekten oder Renovierungsmaßnahmen vorstellen. Die Kleist-Stiftung in Frankfurt/Oder sei die einzige, die von Kommunen und Land gemeinsam betrieben werde. Die Kurt-Tucholsky-Gedenkstätte in Rheinsberg wird vom Landkreis OPR und dessen Sparkasse getragen. Beim Brecht-Weigel-Haus in Bukow ist der Landkreis Märkisch Oderland Träger. Das Peter-Huchel-Haus in Wilhemshorst wird von der Gemeinde Michendorf und dem Landkreis Potsdam-Mittelmarkt geführt.⇥kd

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