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Unterleuten
MOL: Beiersdorf-Freudenberg Schauplatz von ZDF-Dreiteiler

Stefan Klug / 11.03.2020, 17:06 Uhr - Aktualisiert 27.03.2020, 21:15
Frankfurt (Oder) (MOZ) In Unterleuten scheint die Welt noch in Ordnung. Hier, in der Prignitz, nördlich von Berlin, leben sie einträchtig nebeneinander, die Alten, die Jungen, die Einheimischen und die Zugezogenen. Auf den ersten Blick zumindest. Denn vor allem zwischen denen, die auch schon vor der Wende hier waren, verlaufen Gräben.

Wie tief die wirklich sind, zeigt sich ab jenem verhängnisvollen Tag, an dem eine junge Frau zusammen mit dem Bürgermeister die ökologische Zukunft nach Unterleuten bringen will. Windräder. Das Wort allein schon löst Aversionen aus. Doch nach dem ersten Schock, wenn die Gedanken geordnet sind, entwickelt jeder seinen eigenen Blick auf die Zukunft. Der Landwirtschaftsbetrieb sieht seine Chance, dank der Pachtzahlungen für die Mühlen zu überleben. Für den Öko-Professor brechen alle Visionen grünen Landlebens zusammen. Und die Pferdefreundin, eben noch vehemente Gegnerin des Projektes, glaubt plötzlich, mit ihrem kleinen Stück Land auch das große Rad drehen zu können. Daran werkelt natürlich schon der "Wessi", der einst mal eben Acker hier gekauft hatte und nun hofft, damit richtig reich zu werden. Und dann sind da noch die vielen anderen, mit deren Hilfe oder über die man hinweg neue Allianzen schmiedet und alte aufkündigt. In Unterleuten jedenfalls wird nichts mehr so sein, wie es mal war. Ob zum besseren gewendet bleibt dabei fraglich.

"Unterleuten" sei Deutschland, titelte eine auflagenstarke Boulevardzeitung kürzlich. Vielleicht. "Unterleuten" ist aber in jedem Fall Brandenburg, auch wenn die Macher bei der politischen Gliederung schon mal den Überblick verlieren und die Landesregierung im näher gelegenen Berlin verorten, statt in Potsdam. Aber, in keinem Bundesland ist das Thema Windenergie so präsent wie im Brandenburgischen. Fast 4000 Mühlen drehen sich hier, so viele, wie sonst nirgends zwischen Nordsee und Alpen. Und auch, wenn die Berliner und deren Politik glauben, kluge Ratschläge erteilen zu müssen, die Hauptstadt ist windradfrei. Insofern wird man hierzulande die eine oder andere Spitze im Script gegen den Stadtstaat wohlwollend zur Kenntnis nehmen. Ob das außerhalb von BB so auch richtig verstanden wird, sei einmal dahingestellt.

Für den Rest des Geschehens allerdings muss man kein Einheimischer sein. Denn sowohl Roman wie auch Drehbuch setzen vor allem auf bekannte Stereotype, wie sie in der Bundesrepublik allgemein und im Osten speziell überall zu finden sind. Insofern ist "Unterleuten" tatsächlich Deutschland. Und so, wie im Dorf jeder seinen passenden Gegenüber findet, kann auch der Zuschauer seinen Lieblingsfeind ausmachen. Die Charaktere werden genau in ihren typischen Eigenheiten wunderbar herausgearbeitet. Das ist schon nah an der Comedy. Allerdings werden sie auch sehr darauf reduziert, was vielleicht ausgleichenden Zeitgenossen Unwohlsein bereitet. Aber nur eben so funktioniert der Mehrteiler wirklich deutschlandweit, ohne ausgerechnet die Brandenburger zu stigmatisieren.

Großes Kino mit Schönheitsfehlern

Ohne Frage, auch in Sachen Besetzung hat Regisseur Matti Geschonneck ein glückliches Händchen bewiesen. Die durchaus sehenswerte Garde deutscher Schauspieler rundet mit der jeweils eigenen Persönlichkeit in Aussehen, Habitus und Sprache meist genau die Figur ab, als die man vor der Kamera steht. Das ist schon ganz großes (Heim)Kino, selbst wenn ursächlich fürs Fernsehen produziert. Und Kameramann Theo Bierkens hat tolle Bilder des ländlichen Brandenburg eingefangen. Fast schon kitschig schön. Dies allerdings bezieht sich ausschließlich auf Natur, Licht und Stimmung.

Denn in Sachen Realkulisse muss einer der wenig wirklichen Kritikpunkte angesetzt werden. Das märkisch-oderländer Beiersdorf-Freudenberg gibt Unterleuten sein typisches Gesicht, gedreht aber wurde insgesamt an zehn verschiedenen Orten. Doch die zusammen geben kein realistisches Bild eines brandenburgischen Dorfes der 2010er Jahre ab. In den 1960er mag es so ausgesehen haben. Kaum eine asphaltierte Straße, vor allem stark renovierungsbedürftige Angerdorfhäuser und am Landwirtschaftsbetrieb prangt 30 Jahre nach der Wende immer noch das LPG-Schild. Naja...

Davon einmal abgesehen hält der Dreiteiler uns und unseren Meinungen, Vorurteilen und Ansichten gekonnt einen Spiegel vor. Und auch die Botschaft ist eindeutig: Miteinander reden und Vorurteile abbauen. Insgesamt also ein lohnenswerter Blick auf die deutsche Wirklichkeit.

Genre: Unterhaltung; FSK: 12 Jahre; Laufzeit: 270 Minuten; Verleih: ZDF/ eye see movies; Regie: Matti Geschonneck; Thomas Thieme, Hermann Beyer, Miriam Stein; D 2020

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