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Der Überläufer
Liebe an der Front: Weltkriegsdrama zwischen Kitsch und Tragödie

Stefan Klug / 08.05.2020, 17:00 Uhr - Aktualisiert 11.05.2020, 09:43
Frankfurt (Oder) (MOZ) Entgegen dem ernstgemeinten Rat seiner Schwester reist Walter im Sommer 44 zurück an die Ostfront. Auf dem Weg dorthin lernt er eine junge Polin kennen, die, wie sich später herausstellt, Partisanin ist. Nachdem der Zug entgleist, strandet der junge Wehrmachtsoldat bei einer kleinen Wacheinheit mitten in polnischen Sümpfen, nicht mehr weit von der Front entfernt. Hier führt ein knochiger Unteroffizier ein brutales Regime. Als die mittlerweile versprengte Einheit von den Partisanen gefangen genommen wird, läuft Walter auf Anraten eines Kameraden zu den Russen über. Mit denen marschiert er schließlich im letzten Kriegsjahr Richtung Berlin.

Überläufer galten trotz aller Grausamkeiten und Verbrechen der Nazis während des Krieges in Teilen der Bevölkerung, vor allem Westdeutschlands, nicht selten als Verräter. Auch, weil sie mit ihrem Tun der teilweisen Lebenslüge vom Befehlsnotstand widersprachen. Dies mag mit Grund dafür gewesen sein, dass Siegfried Lenz seinen 1951 geschriebenen Roman nie veröffentlichte. Florian Gallenberger wurde 21 Jahre später geboren und hat das 2016 im Nachlass von Lenz gefundene Werk nun als Zweiteiler verfilmt. Das deutschlandweite Feuilleton spendete ihm dafür unisono großen Beifall. Das Urteil der Zuschauer hingegen fiel verhaltener aus.

Während Lenz kurz nach Kriegsende mutig etwas thematisierte, was in den Köpfen vieler seiner Mitbürger noch nicht angekommen war, versucht der Regisseur dies wohl vor allem für Generationen aufzuarbeiten, für die der Krieg mittlerweile weit in der Vergangenheit und im Vergessen liegt. Dazu wählt er vor allem Stilmittel des modernen Kinos und der Unterhaltung, die sich zwangsläufig mit dem Thema beißen müssen. Einerseits bemüht um exakte Darstellung bei der Ausstattung, konterkariert dies jedoch teilweise das Verhalten der Protagonisten. Mitunter macht sich gerade im ersten Teil der Eindruck breit, man befände sich bei einem Campingausflug und nicht im Krieg, schon gar nicht im Partisanengebiet. Später dann wechselt Gallenberger mehr in die plakative Betrachtungsweise, macht Diktaturen vergleichbar. Eine nicht ungefährliche Vereinfachung.

Nicht ganz die Vorlage von Siegfried Lenz

Der Regisseur nimmt sich die künstlerische Freiheit, Dinge anders zu wichten, Figuren und Handlungen zu ergänzen oder mehr zu betonen. All dies ist durchaus üblich und wird von jenen, die den Roman nicht kennen, wohl auch nicht bemerkt werden. Solange das Gesamtergebnis nicht beeinflusst wird, kein Problem. Gallenberger  arbeitet durchaus gekonnt und nachvollziehbar heraus, dass es gerade in Kriegszeiten nicht so schwer ist, sich schuldig zu machen. Dass es nach dem Ende des Grauens nicht immer und überall besser weiterging. Und, dass Schuldige nicht immer oder nicht richtig zur Verantwortung gezogen wurden. Ob es dazu der Liebesschmonzette bedurft hätte, ist zumindest fraglich. Der Schluss-Schlenker in jedem Fall war komplett überflüssig.

Einen echten Glücksgriff machte der Regisseur in jedem Fall beim Cast. Jannis Niewöhner ist vielleicht ein wenig zu gut in Form für einen Wehrmachtssoldaten im fünften Kriegsjahr, bringt aber ansonsten seine Emotionen als Walter sehenswert zum Ausdruck. Und auch der Rest der Besetzung passt gut zur jeweiligen Rolle.

Am Ende bleibt ein ambivalentes Verhältnis zum Gesehenen. Will man von einem Kriegsfilm gut unterhalten oder gar agitiert werden? Was darf man in diesem Genre, was sollte unbedingt vermieden werden? So vielfältig die Erwartungen der Zuschauer, so vielfältig die Antworten. Das Ergebnis in jedem Fall ist kontrovers.

Genre: Drama; FSK: 12 Jahre; Laufzeit: 173 Minuten; Verleih: Padastorm; Regie: Florian Gallenberger;Jannis Niewöhner, Malgorzata Mikolajczak, Sebastian Urzendowsky; D 2020

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