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1917
Ein Tag im Krieg als visuelles Gesamtkunstwerk

Stefan Klug / 03.06.2020, 16:00 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) April 1917, irgendwo in Nordfrankreich. Ein Massaker an englischen Truppen droht. Denn die deutsche Wehrmacht hat ihnen ein Hinterhalt gelegt. So werden Boten entsandt, die eigenen Truppen noch rechtzeitig zu warnen.

Die Lance Corporals Schofield und Blakewerden auserkoren, die vermeintlich verlassenen feindlichen Stellungen zu queren und die englische Einheit dahinter zu informieren. Sie marschieren los und bahnen sich einen Weg vorbei an toten Menschen und Tieren, durch Stacheldrahtverhaue und Schützengräben. Und tatsächlich, was niemand für möglich gehalten hätte, die Deutschen sind weg. Damit allerdings wird auch die Gefahr greifbar, in der die Kameraden sich befinden, darunter der Bruder von Blake. Doch der Krieg ist alles, aber nicht vorhersehbar. Das müssen die beiden Soldaten leidvoll erfahren.

Und mit ihnen die Zuschauer. Denn Sam Mendes - der die Geschichte so oder ähnlich von seinem Großvater erzählt bekommen haben will - schont weder Mensch noch Material. Er hat am Set die Schlachtfelder des großen Krieges nachbauen lassen und versucht, dessen Grauen so realistisch wie auch plastisch Wirklichkeit werden zu lassen. Dazu erzählt der Regisseur die Story am Stück. Fast erliegt man dem Eindruck, sie wäre in einer fortlaufenden Einstellung gedreht worden. So ist’s auch beabsichtigt. Doch die ungefähr acht realen Stunden schmelzen auf 120 Minuten zusammen, ohne, dass der Betrachter den Eindruck eines Zeitraffers hätte. Das ist wahrlich ganz großen Kino. Anders als für die Protagonisten bleibt aber für den Betrachter so gut wie keine Erholungspause. Er wird fortlaufend mit den Ereignissen und Ergebnissen des Krieges konfrontiert und kann nicht, wie die realen Soldaten im Feld, auf einen gewissen Gewöhnungseffekt zurückgreifen. Aufgedunsene Kadaver, Überreste menschlichen Daseins, das allgegenwärtige Sterben - mitunter sind es nur kurze Blicke zur Seite oder Randnotizen, die die ganze Brutalität und den Wahnsinn greifbar werden lassen. Bei anderen Dingen dann hilft Mendes nach, ohne das es aufgesetzt wirken würde.

Und dabei weiß der Regisseur zu steigern. Einer Operninszenierung gleich etwa gerät eine Verfolgungsjagd durch die Ruinen einer Stadt, erst unter Gefechtsfeldbeleuchtung, dann im Feuerschein der niederbrennenden Gebäude. Unter denen menschelt es dann, wird Leben geschenkt und gerettet, um gleich im Umschnitt wieder zu töten. So beeindruckend das ist, so sehr die Bilder verstören können, so weit entfernt bleiben uns dennoch die Helden der Handlung. Wir erfahren so gut wie nichts außer ihren Namen. Natürlich, sie können beispielgebend für den selbstlosen Einsatz im Feld sein, aber dann bräuchte es den Verweis der wahren Geschichte nicht. Hier bleibt das Geschehen irgendwie distanziert.

Diese emotionale Kühle mit der Detailversessenheit der Darstellung und dem meist erdigem, aber nicht wirklich schönem Bild lassen den Film wie ein visuelles Gesamtkunstwerk erscheinen. Zusammen mit dem außergewöhnlichem Sound, der nur selten brachial - dann aber richtig - wird, sondern der auch die leisen Töne kann, etwa das dumpfe Artillerie-Grollen in der Ferne, entsteht dieser Eindruck. Mendes entführt den Zuschauer als stillen Beobachter über 100 Jahre zurück, mitten ins Grauen hinein.

Genre: Drama; FSK: 16 Jahre; Laufzeit: 119 Minuten; Verleih: Universal; Regie: Sam Mendes; George MacKay, Dean-Charles Chapman, Mark Strong; GB 2019

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