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Der Reiz des Sperrigen

„Wo bin ich hier eigentlich?“: Diese Frage, sagt Nanne Meyer, habe sie schon als Kind umgetrieben. Mit ihren Bildern versucht die ehemalige Kunstprofessorin, darauf eine Antwort zu finden.
„Wo bin ich hier eigentlich?“: Diese Frage, sagt Nanne Meyer, habe sie schon als Kind umgetrieben. Mit ihren Bildern versucht die ehemalige Kunstprofessorin, darauf eine Antwort zu finden. © Foto: Cornelia Jentzsch
Cornelia Jentzsch / 14.02.2018, 06:30 Uhr
Templin Zeichnen ist für Nanne Meyer eine auf dem Papier vorgenommene Forschungsreise ins Ungewisse. Eine Reise, die mit Sehen, Wahrnehmen, Erspüren und vor allem mit Denken zu tun hat. Ihre Zeichentische stehen in Berlin und seit drei Jahren zudem in einem kleinen Dorf bei Templin, in einer ehemaligen Feuerwehr-Garage, die nun zu einem lichtdurchfluteten Atelier umgebaut ist. Mehr als 20 Jahre lang, bis zum vorigen Jahr, lehrte Nanne Meyer neben ihrer künstlerischen Arbeit als Professorin an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee. Nun hat sie wieder mehr Zeit für ihre eigenen Arbeiten.

Beim Zeichnen geht es ihr um „finden, erfinden und erfahren“. Gerade das Holprige, Sperrige oder nicht Gekonnte reizt sie dabei. Sie bewahrt sich beim Zeichnen die Aufmerksamkeit „für Zufall und Fehler, für das, was sich einstellt und was man vielleicht gar nicht wollte“. Es ist eine Möglichkeit, um „hinter den Vorhang aus Gekonntem, fertigen Antworten, vermeintlichem Wissen und Vor-Urteilen“ zu kommen.

Das von Nanne Meyer verwendete Papier ist nicht immer nur weiß, selbst Atlanten oder Ansichtskarten dienen als Untergrund oder einfach als Grund im Sinn von Anlass für ihre Zeichnungen. Wie sie überhaupt alles andere als eine konventionelle Zeichnerin ist. Ihre „Papierperspektiven“ entstanden angeregt durch jene faszinierenden Ausblicke, die man aus einem Flugzeug hat. Der Betrachter in seinem Sitz ist dabei platziert zwischen rasanter Geschwindigkeit und Stillstand. Wolken, Landschaften, Räume breiten sich aus, die Nanne Meyer später mit Stift und auf großformatigem Papier wieder und wieder in Gedanken nachfährt oder besser überfliegt. „Die Frage ‚Wo bin ich hier eigentlich?‘ hat mich seit Kindertagen umgetrieben. Es geht mir darum, etwas von der Welt zu begreifen, sie befragend zu umrunden und dieses Etwas in die Sichtbarkeit zu bringen.“

Ein ganzes Netzwerk von gebogenen, gekrümmten oder weit ausholenden Linien sprechen im Kopf des Betrachters weiter, immer wieder kann man ihre Zeichnungen mit dem Blick absuchen. Das Nach-Denken oder Über-Denken gehört neben Stift und Papier zum wichtigsten Handwerkszeug von Nanne Meyer. Da Denken hauptsächlich mit Worten geschieht, finden sich gelegentlich einzelne Worte oder kleine Wortgruppen über ihre Zeichnungen verstreut.

Blindbände sind von Verlagen gedruckte gestalterische Probeexemplare noch ohne Text, für Nanne Meyer ideale Tagebücher, die sie statt mit Wörtern mit „Beobachtungen, Aufzeichnungen, Fotos, Texten, Erinnerungen, Papierschnipseln, einem Bewegungsimpuls, Gesprächsfetzen, einem Wort, dem Beginn einer Linie füllt. Sie sind ihr Archiv, ihr Gedächtnis, „der ständig durch mich hindurchrauschenden Bilder und Worte“. Auf diese Weise entstand ein enormes Arsenal von bisher 25 Tagebüchern mit mehr als 9000 Zeichnungen und fortwährenden Reiseberichten – ihrer Auseinandersetzung mit der Welt.

Die Langsamkeit der Zeichnung entspricht immer weniger unseren heutigen Vorstellungen von Schnelligkeit. Beim Abzeichnen von etwas findet Nanne Meyer es geradezu „magisch, wie das Gesehene durch die Bewegung der Hand übersetzt und auf dem Papier sichtbar gemacht wird“. Es sei nicht eine sechzigstel Sekunde wie beim Fotoapparat. Die Unmittelbarkeit der Zeichnung sei eine große Stärke, die nicht mit Schnelligkeit verwechselt werden darf. Fast könnte man ihre Zeichnungen philosophisch nennen.

In älteren Arbeiten untersuchte sie die Wandelbarkeit der Welt anhand dessen, was wir als erstes wahrnehmen: die äußeren Formen. In langen Ketten, bestehend aus sich allmählich verändernden Umrissen von Dingen, „beschreibt“ sie auf dem Papier Übergänge. Aus einem Stuhl wird allmählich ein Vogel, aus diesem ein Mensch, der schließlich zum Schlüssel wird. Wie Schrift ziehen sich diese Reihungen über das Papier, deutlicher hätte kaum ein Philosoph die stete Veränderung und Wandlung, ausgelöst durch die Zeit, beschreiben können. „Die Welt und das Leben sind ein schwankender Raum. Es gibt keine Sicherheit, Einstellungen, Emotionen, und auch Werte ändern sich“, meint Nanne Meyer, „das Zeichnen ist eine Erfahrung“.

Für ihr künstlerisches Lebenswerk erhielt Nanne Meyer vor vier Jahren den renommierten Hannah-Höch-Preis des Landes Berlin. Weil ihre Zeichnungen auf dem fixen Papier den momenthaften, offenen Charakter des Lebens, seine Ambivalenz und Flüchtigkeit einfangen und bannen, so schrieb die Jury damals.

Ausschreibung: Über die Vergabe der dotierten Preise entscheidet eine Jury unter Leitung von Frank Mangelsdorf.

Die Märkische Oderzeitung und die Stiftung Schloss Neuhardenberg laden mit dieser Ausschreibung zum Brandenburgischen Kunstpreis 2018 Künstlerinnen und Künstler ein, sich für diese ihnen gewidmete Auszeichnung zu bewerben. Die gemeinsam von der Märkischen Oderzeitung und der Stiftung Schloss Neuhardenberg sowie mit Unterstützung von EWE und unter der Schirmherrschaft des Ministerpräsidenten des Landes Brandenburg, Dr. Dietmar Woidke, zu verleihende Auszeichnung umfasst Werke der Malerei, Grafik, (Klein-)Plastik und erstmals auch der Fotografie.

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