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Der Zepernicke Grafiker Günter Blendinger schafft Kunst aus dem Alltagsleben / Zurzeit sind Kinder sein Thema

Zyklus Kinder
Die Welt ins Blickfeld rücken

Silvia Fichtner / 04.06.2018, 08:00 Uhr
Zepernick In diesem Moment der Erdengeschichte, da der gesunde Menschenverstand verzweifelt am Gebaren von Staatslenkern, von scheinbar Erwachsenen, die sich wie Spätpubertierende um Vorherrschaft, um Machteinfluss balgen und die Kontinente mit Zündschnüren übersäen, in einem so cholerischen Weltenzustand wirbt der Grafiker und Maler Günter Blendinger mit einem Zyklus von Kinderbildnissen beim diesjährigen Kunstpreis der Märkischen Oderzeitung um unsere Aufmerksamkeit. Das tut der 73-Jährige nicht etwa im Überschwang der Gefühle eines Großvaters. „Kindergartenfreunde“ nennt der 1945 im thüringischen Meuselwitz geborene und seit 1974 im brandenburgischen Zepernick (Barnim) lebende Künstler seine Bilderserie. „Kinder sind meine Hoffnung für die Welt“, sagt Blendinger vollends unprätentiös, so ganz ohne den momentan bei dem Thema mitschwingenden und politisch oft kalkuliert ausgenutzten Hintergedanken der Flüchtlingskrise. „Kinder, egal welcher Nationalität, sind ursprünglich, frei im Wahrnehmen, Denken, Handeln, unvoreingenommen, unbefangen.“

Hier verbinden und verbünden sich bei dem Vater dreier Kinder und Großvater individuelle Erfahrung und universale Beobachtung, und es entsteht Kunst, die berührt statt propagiert. Der Kindergarten als Hort der Unbekümmertheit, aus dem, spielerisch erkennend, eine rücksichtsvolle Ordnung erwächst. Geballte Energie, die am Ende zu Licht und Wärme für die Welt wird. Gedeihliches Klima für Menschlichkeit, für friedliches Miteinander. Eine Welt der Kindergartenfreunde. „Ein Traum?“, fragt bang die Hoffnung. „Unmöglich!“, ruft höhnisch die Wirklichkeit. „Man kann vieles unbewusst wissen, indem man es nur fühlt, aber nicht weiß“, tröstet der russische Dichter Dostojewski über alle Zweifel hinweg.

Doch redet uns der Literat nicht seit knapp zwei Jahrhunderten vergeblich ins Gewissen? Diese Frage bewegt auch den Grafiker und Maler Blendinger – nicht erst, seit er sich beruflich ganz der Kunst verschrieb. Sechs Tage vor seiner Geburt war die Kleinstadt Meuselwitz von den Briten bombardiert worden. Ein Jahr zuvor von den Amerikanern. Der Krieg fiel zurück auf das Land, von dem er ausgegangen war.

Blendingers Vater Ingenieur, die Mutter Leiterin einer Verkaufsstelle. Zwei Kinder sind durch beschwerliche Zeiten zu bringen. Das aufkeimende zeichnerische Talent des Jungen wäre vielleicht unbemerkt geblieben, wäre da nicht ein aufmerksamer Zeichenlehrer gewesen. Obwohl Blendinger zunächst Maschinenbauer lernte und später als Berufskraftfahrer jobbte, blieb er in freien Minuten beharrlich bei der Kunst.

Der kleinstädtischen Enge war er längst entflohen. Engagierte Kunstlehrer standen ihm im Haus der jungen Talente in Berlin und im Grafik-Zentrum Pankow bei, das er nach seinem Kunststudium selbst leitete. Gleichwohl staunt Blendinger noch heute darüber, dass er den Mumm aufbrachte, sich an der Kunsthochschule Weißensee zu bewerben – ohne Abitur! –, und dass er angenommen wurde!

Axel Bertram, Werner Klemke, Arno Mohr, allesamt namhafte Künstler in der DDR, waren seine Lehrer. Mohr trägt er bis heute in seinem Herzen. „Er hat mich nicht nur künstlerisch bewegt, stimuliert, inspiriert, er war auch ein aufrichtiger und sehr bescheidener Mensch. Ein Lebenslehrer für mich, wenn man so will.“

Auch Blendinger hat sich Bodenständigkeit bewahrt. Das Leben, die Welt um sich herum zu beobachten und künstlerisch ins Blickfeld zu rücken, ist seine Sache, der Auftritt in ihr nicht. Das ist menschlich angenehm, geht jedoch wenig zusammen mit existenzsicherndem Verkauf der eigenen Arbeit.

Ähnliches erleben in diesen Zeiten jedoch nicht nur Künstler. Und vielleicht ist einem das, was man in Blendingers Kunstwerken sieht oder findet, gerade deshalb irgendwie vertraut. Ob in den Landschaften, in den Porträts, in seinen überaus reizvollen Aktdarstellungen, ob in seinen Kaltnadelradierungen, in den Zeichnungen, in der Malerei, in den Arbeiten mit dem Stein – Blendinger entführt nicht irgendwohin, er erdet.

Das ist lustvoll genauso wie schmerzend. Leben ist immer beides. Doch nichts wirkt endgültig, nichts unumstößlich. Blendinger ist einer, der Veränderungen in Betracht zieht, nicht erst in Konsequenz seiner Lebensjahrzehnte. Das ist bestimmt von der Natur. Seine Inspiration erblüht im Alltäglichen – und in der Begegnung mit Menschen. Da ist er ganz und gar bei seinem Lieblingsschriftsteller Erwin Strittmatter: „Und immer wird die Welt ein wenig weiter, wenn sich ein Mensch zu einem anderen setzt“, ist in dessen Roman „Der Wundertäter“ zu lesen. So verhält es sich möglichenfalls mit der Kunst Blendingers – und so gesellt man sich frohgemut zu seinen Kindergartenfreunden.

Arbeiten von Günter Blendinger sind u.a. in der Gemeinschaftsausstellung „Essen – Not Kult Lust“ zu sehen, bis 14.12., Mo–Fr 8.30–15.30 Uhr; Di/Do 8.30–18.30 Uhr; Mi 8.30–13 Uhr, Hauptgeschäftsstelle der Sparkasse Märkisch-Oderland, Große Str. 2–3, Strausberg

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