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Zum Tod des Grafikers Ralf Hentrich

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„Was überflüssig ist, ist falsch“

In Brandenburg verwurzelt: Ralf Hentrich (1965–2018) hatte sich in Altglobsow seine Druckwerkstatt aufgebaut.
In Brandenburg verwurzelt: Ralf Hentrich (1965–2018) hatte sich in Altglobsow seine Druckwerkstatt aufgebaut. © Foto: Uwe Stiehler
Uwe Stiehler / 21.11.2018, 07:30 Uhr
Berlin Keine Berge hier, kein Meer, dafür nur Sand, Kiefern und dazwischen Wasser hier und da. Reizloses Brandenburg. Nein, so reizlos ist es eben nicht, das wollte Ralf Hentrich immer zeigen. Die Stille leergeräumter Landschaften, vom Wind gerupfte Alleen, die von Seen ausgeschwitzte Dunkelheit, Verlorenheit, Geborgenheit, Harmonisches und Widerborstiges – das alles fand er in Brandenburg und zeigte es in seinen Radierungen.

Diese Landschaftsempfindungen haben ihn hier zu einem der bekanntesten Grafiker gemacht. Vor vier Jahren wurde er mit dem Brandenburgischen Kunstpreis der Märkischen Oderzeitung und der Stiftung Schloss Neuhardenberg ausgezeichnet. Vor wenigen Wochen erst bekam er den Losito-Kunstpreis. Seine Arbeit „Integration“ hatte die Jury überzeugt.

Ein Begriff, mit dem Hentrich eigene Schwierigkeiten verband. Dem DDR-Staat gegenüber war eher integrationsunwillig. Geboren wurde er 1965 in Zehdenick (Oberhavel), wuchs dort auf, verliebte sich in seine Frau Rosa, seine Lebensbegleiterin, und war als Kind beeindruckt von den Ziegeleiarbeitern, deren Haut von der Arbeit an den heißen Rundöfen dünn und hart wie Pergament war.

War  er vorher schon zum SED-Regime auf Distanz gegangen, brach er mit ihm, als er trotz einer chronischen Hautkrankheit zur NVA eingezogen wurde. Er machte, nicht aus Neigung, sondern wegen der gesellschaftlichen Konventionen, eine Ausbildung zum EDV-Fachmann. „Computer?“, sagte er einmal in der Rückschau, „ich hasse dieser Dinger.“

Er machte trotzdem seinen Abschluss, dann kündigte er, verbrannte seinen Wehrdienstausweis und versuchte es als Aussteiger. „Das hatte nicht viel mit Widerstand zu tun, ich wollte mit diesem System einfach nichts zu tun haben“, sagte er. Hentrich ochste in der Baumharzgewinnung, schlug sich als Schwarztaxi-Fahrer durch und nahm die Kunst immer ernster, leitete einen Kunstzirkel und wollte an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee studieren. Sie lehnte ihn ab.

Also suchte er für sich einen Weg außerhalb des akademischen Betriebes und konzentrierte sich auf die Grafik. Autodidakt und Künstler ohne geregelte Arbeitszeiten – Rosa Hentrich erzählte einmal, wie das die Nachbarn verstörte, wie getuschelt wurde, wie ihr Mann als asozial galt. Da habe er doch die ganze Zeit gearbeitet, nur eben an seiner Kunst.

Die Hentrichs versuchten, nach dem Untergang der DDR und dem Aus für die Zehdenicker Ziegeleien eine Freiluft-Museum aufzubauen, in dem der morbide Eindruck des Zusammenbruchs und das Ruinöse ungeschönt erhalten bleiben sollte. Als daraus ein touristisches Großprojekt zu werden begann, haben sie sich davon zurückgezogen.

Hentrich konzentrierte sich wieder auf seine künstlerische Arbeit und fand in dem Kieler Kunstprofessor Ekkehard Thieme (1936–1999) einen Kollegen, Freund und Förderer, der sein Werk mit beeinflusste. Thieme war ein ausgezeichneter Radierer, war der Figur mehr verpflichtet als Hentrich, aber die Schroffheit der Linien und die Art, Landschaften zu reduzieren, lassen deutliche Ähnlichkeiten zwischen beiden erkennen.

Hentrich schöpfte für seine Arbeit vor allem aus den Eindrücken, die er rund um Altglobsow sammelte, wo er und seine Frau Haus und Atelier aufbauten. „Ich finde, ich lebe in der schönsten Gegend Deutschlands“, sagte er. Er müsse deshalb aufpassen, das seine Arbeiten nicht zu schön würden.

Immer wieder also die Auseinandersetzung mit der eigenen Region. Ob in Radierungen, einem Kunstbuch über Fürstenberg/Havel oder in dem Holzschnitt-Zyklus „Märkische Landschaften“, bei dem er sich von Zitaten Theodor Fontanes, Kurt Tucholskys, Karl Friedrich Schinkels und Georg Heyms inspirieren ließ. Bei Fontane war es der Satz „Was überflüssig ist, ist falsch“, der auch als Überschrift über Hent­richs Oeuvre stehen könnte. Und von Tucholsky wählte er den Satz: „Es gibt vielerlei Lärme, aber nur eine Stille.“

Am Sonntag ist Ralf Hentrich nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 53 Jahren gestorben.

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