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Eine Ausstellung im Frankfurter Packhof vereint sechs Kunst-Förderpreisträger des Landes Brandenburg

Ausstellung
Die Grenzen neu definieren

Stephanie Lubasch / 30.11.2018, 09:00 Uhr
Frankfurt (Oder) (MOZ) Und noch eine Linie. Hoch und quer und hoch und quer. Noch eine Farbe. Noch ein Gitter, das sich über ein anderes legt. An mancher Stelle fast undurchdringlich, lässt das Geflecht an anderer Luft für einen kleinen Blick in die – scheinbare – Tiefe. Dreidimensionalität – ohne jeden Illusionismus.

Mehr als einen Meter groß sind diese Farbstreifen-Arbeiten von Jan Sudek, von denen man einige jetzt im Packhof des Brandenburgischen Landesmuseums für moderne Kunst (BLMK) in Frankfurt (Oder) sehen kann. Dort sind sie Teil einer Ausstellung mit Werken der Kunst-Förderpreisträger des brandenburgischen Kulturministeriums der Jahre 2016/2017.

Drei Künstlerinnen und Künstler werden in jedem Jahr für diese Auszeichnung benannt; neben einem Jahresstipendium erhalten sie einen kleinen Katalog – und diese Gemeinschaftsausstellung, die bislang vom Cottbuser Standort des BLMK ausgerichtet wurde. Kurator Armin Hauer stand bei der Frankfurter Premiere nun vor dem Problem, sechs ganz unterschiedliche Künstlerinnen und Künstler und ihre Positionen in den sechs Räumen des Packhofes in ein Spannungsverhältnis zu bringen – ohne den Dialog dabei zu provozieren.

Was auf jeden Fall gelingt, ist, einen Eindruck von der Arbeit jedes Einzelnen zu bekommen. Bei Sudeck, das liegt auf der Hand, geht es um die so einfach klingende Formel „Farbe auf Fläche“. Der gebürtige Lübecker, Jahrgang 1961, der sein Atelier seit sechs Jahren in Lüdersdorf, einem Ortsteil der Gemeinde Parsteinsee (Barnim) hat, setzt die Töne gegeneinander, experimentiert mit dem Farbauftrag, dem Rhythmus von Linien und Streifen.

Die Arbeiten des Woltersdorfer Zeichners Frank Diersch, der für seine Grafikserie zu Kleists Abendblättern in diesem Jahr auch mit dem Brandenburgischen Kunstpreis der Märkischen Oderzeitung und der Stiftung Schloss Neuhardenberg ausgezeichnet wurde, bilden dazu immer wieder ein spannendes Gegenüber. Der 53-Jährige zeigt Flächen, die mit fein gesetzten Strichen, Häkchen, Wellen bis auf den letzten Millimeter „zugetuscht“, mit Mustern geradezu übersät scheinen, ebenso wie luftige, voluminöse Fantasieobjekte. „Futility Engine“, sinnloser Motor, heißt so eine seiner Zeichnungen, ein offenbar in sich geschlossenes System, das wohl nie einen Funken Energie freigeben wird.

Kommt das alles im typischen Schwarz-Weiß daher, wird es auf „Strange Rules II“ dann farbig: Mit Feder, Tusche und Aquarell hat Diersch dort eine Landschaft festgehalten, mit Feldern und vielgeschossigen Häusern, aus deren Fenstern dicke Rauchwolken quellen.

„Seltsame Regeln“ beschäftigen in gewisser Weise auch die Lübbener Künstlerin Katrin Kamrau, Jahrgang 1981. Dazu hat sie ein quietschbuntes Set aus Wäscheleinen, Fliegenklatschen, Zahnbürsten, Plastikgartenzwergen und Zahnbürsten aufgebaut. Hintergrund dieser Versuchsreihen sind jene Testbilder, die früher zur Prüfung technischer Aspekte von Fotokameras eingesetzt wurden. Wie, fragt Kamrau, entstehen Bilder – und wer bestimmt eigentlich, wie sie auszusehen haben?

Der Wirkung von Fotografie ganz konkret spürt der 1952 in Berlin geborene Joachim Richau, der unter anderem in Altkünkendorf (Uckermark) arbeitet, in seinem Bilderzyklus „Sten Brott“ nach. Die in einem schwedischen Steinbruch entstandenen Arbeiten zeigen Geröll, über das sich eine zum Teil schon abgeschmolzene Schneedecke breitet. Groß aufgezogen, mit einer Schärfe, die jede Kontur klar herausbricht, entstehen so seltsame, wie gemalt wirkende Landschaften.

In eine ganz andere Richtung zielt Fred Hüning, Jahrgang, 1966, der zweite Fotograf in dieser Runde. „Ravensberg / Fürstenbrück“ nennt er seine Serie, in der er Aufnahmen aus Fürstenberg Bildern gegenüberstellt, die er im nahen Ravensbrück gemacht, dem einstigen NS-Frauenkonzentrationslager. Es ist die allgegenwärtige Frage von Erinnern und Weiterleben, die den in Berlin und Kleinmenow (Oberhavel) lebenden Künstler dabei umtreibt. Wir sehen Polizeifotos aus der NS-Zeit neben der aktuellen Auslage eines Fotogeschäftes, eine alte Holzbank vor der Gefängnismauer neben einer Werbung fürs Draisine-Fahren, eine Spendenbox in der Mahn- und Gedenkstätte neben der Aufnahme eines heruntergekommenen Hauses, vor dem auf bunten Plastikmöbeln Obst und Gemüse angeboten werden.

Fotografie als Mittel, etwas zu erzählen, den Blick zu schärfen für die Welt, die uns umgibt. Deren Formen, das Verhältnis von Körper und Raum sind das Thema der Potsdamer Künstlerin Lisa Seebach, Jahrgang 1981. Ihre Skulpturen geben dem Nichts Kontur, bieten einen Einblick in eine „abwesende Körperlichkeit“.

In Frankfurt zu sehen ist einzig Seebachs Keramikarbeit „Tau“, die sich wie ein schwarzer Gartenschlauch auf dem Boden windet. Was ist innen, was außen, was bestimmt die Form, was den Inhalt? Was für eine schöne Einladung, Grenzen neu zu definieren.

Eröffnung in Anwesenheit der Künstler am Sonntag, 11.30 Uhr, dann bis 6.1., Di–So 11–17 Uhr, Packhof, Carl-Ph.-E.-Bach-Str. 11, Frankfurt (Oder)

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