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Neue Ausstellung
Kunstpreisträger Hans Scheuerecker rechnet mit seinen Süchten

Wieder entspannt: Hans Scheuerecker in der Galerie Ines Schulz in Dresden
Wieder entspannt: Hans Scheuerecker in der Galerie Ines Schulz in Dresden © Foto: MOZ/Thomas Klatt
Thomas Klatt / 11.11.2019, 08:00 Uhr - Aktualisiert 19.11.2019, 15:32
Dresden (MOZ) Die Amazone", "Afrikanische Tänzerin" oder "Hockende" – so heißen die Bilder, die der Maler Hans Scheuerecker seinen neuesten Werken gibt. Scheuerecker hat seit wenigen Tagen eine Ausstellung in der Dresdner Galerie "Ines Schulz / Contemporary Art" im üppig sanierten Barockviertel der Stadt. Der Titel: "Letzter Kuss von Pola".

Seinem Stil ist Scheuerecker treu geblieben. Figuren werden angedeutet, Köpfe in Zylinderform, Ohren riesig, Münder breit, flach und eindimensional. Es sind Überhöhungen, mit denen sich der Betrachter auseinander setzen muss. Alles ist intensiv. Schwarz trifft Rot trifft Grau trifft Blau. Eine Kopfform ("Gesichte") entsteht, in der er Stäbchen zusammenlegt. Auffällig: Das Erotische tritt diesmal in den Hintergrund, mit Ausnahme der "Tänzerin II". Statt-dessen spricht Scheuerecker, der schon immer offen mit seinen Obsessionen umgeht, über "Pola". Es handele sich nicht um eine Schöne mit exotischem Namen, sondern um das Schmerzmittel Polamidon, das ihn abhängig gemacht habe. Im kalten Entzug kommt er mit Hilfe seiner Frau davon los. Diese Zeit hat er in die Serie "Schwarze Bilder", die er Selbstbildnisse nennt, komprimiert.

Doch die Todesängste, die Dämonen eines solchen Prozesses, sind unübersehbar. Und neben einer riesigen schwarzen Fläche ein weißes Herz mit roten Adern, die sagen: Geschafft! Dieser Kampf, sein persönlichster, den er diesmal gegen sich selbst führt, ist gewonnen. So sind dies auch die berührendsten Bilder der Ausstellung, die sich zu beiden Seiten der Straße ausbreitet.

Scheuerecker, der einst junge Wilde des Ostens, hat sich frühzeitig in seinem Stil dem Abstrahieren verschrieben. Seine Motive sind seit jeher seinem Leben entnommen: Lüste, Sehnsüchte, Sex, Gier. Zärtlichkeit. Liebe. Seine Technik hat eine grafische Anmutung, der ab-strakte Strich, die Kunst des Weglassens, die gekonnte Andeutung des Konkreten, vermitteln eine klare Botschaft: Das Leben ist Eros.

Lebens- und Sinnenfreude

Und Scheuerecker versteht es wie kein Zweiter in diesen 70er- und 80er-Jahren Lebens- und Sinnenfreude mit öffentlichen Aktionen zu verbinden. Bodypainting auf weibliche, nackte Körper treffen Free Jazz und Tanzperformances. Es war ein Akt des Aufbegehrens auf der Suche nach individueller Freiheit. Dass der Kühlschrank oft ebenso leer ist wie die Wodka-Flaschen, gehört zu den Gewissheiten jener Jahre. Das Leben wird gelebt als gebe es kein Morgen mehr.

Die Wende hat ihn, anders als andere Künstler des Ostens, existenziell zunächst kaum getroffen. Im Gegenteil: 1992 wird er erster Kunstpreisträger des Landes Brandenburg. Im Jahr 2011 erhält er den Preis nochmals, diesmal ausgerichtet von der Märkischen Oderzeitung. Seine Bilder hängen in Sparkassen, Banken und privat bei Chefärzten.

Erst vor wenigen Jahren kommt der Bruch. Eine geplante Ausstellung zu seinem 65. Geburtstag im Cottbuser Dieselkraftwerk dkw. kommt nicht zustande. Es gibt unterschiedliche Auffassungen darüber, was zu sehen sein sollte und vor allem wie es präsentiert würde. Scheuerecker zieht sich komplett zurück: Nie wieder Cottbus, verkündet er! Und meint es wie immer kompromisslos ernst. Bald findet er in Dresden eine neue künstlerische Heimat.

Kuratiert hat die Ausstellung Herbert Schirmer, letzter Kulturminister der DDR und noch immer kulturpolitisch und künstlerisch bestens vernetzt. In den Menschendarstellungen Beckmanns und in den Flächenbildern von Matisse sieht er in seiner Laudatio Scheuereckers ästhetisch-stilistische Wurzeln. Im Angesicht des gefürchteten Todes erinnere Scheuerecker an die nackten Existenzkämpfe bei Francis Bacon.

Galeristin Ines Schulz schätzt den Cottbuser Künstler wegen seiner Kompromisslosigkeit und Geradlinigkeit. Einige Bilder der Serie zeichnet sie mit knapp fünfstelliger Summe aus. So ist dem barocken Dresden weiterhin Prosperität und Kunstverstand zu wünschen.

"Letzter Kuss von Pola": Galerie "Ines Schulz / Contemporary Art", Obergraben 21, Dresden. Bis 30.11. Tel. 0351 8012243

Lebensstationen

1951 wird Hans Scheuerecker in Römhild (Thüringen) geboren. In Eisenhüttenstadt erlernt er den Beruf eines Elektromonteurs.

1971 Umzug nach Cottbus. 1979 Aufnahme in den Verband der Bildenden Künstler der DDR.

1982–1986: Lehrauftrag der Hochschule für Bildende Kunst Dresden, Abteilung Cottbus.

1990: Intensive Arbeit am Genre Tafelbild. 1992: Kunstpreis des Landes Brandenburg.

1997: Tagebücher in Gedichtform. 2000: Großskulptur in der Spremberger Straße in Cottbus. 2011: Brandenburgischer Kunstpreis der Märkischen Oderzeitung.

2003: Scheuerecker zieht sich aus Cottbus zurück. ⇥klt

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