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Fotografie
Schau zu Evelyn Richter in Dresden

Im Museum: die Aufnahme "Vor Wolfgang Mattheurs Gemälde ‚Die Ausgezeichnete‘" entstand 1975 im Dresdener Albertinum
Im Museum: die Aufnahme "Vor Wolfgang Mattheurs Gemälde ‚Die Ausgezeichnete‘" entstand 1975 im Dresdener Albertinum © Foto: Herbert Boswank
Thomas Klatt / 30.01.2020, 06:45 Uhr - Aktualisiert 30.01.2020, 15:54
Cottbus (MOZ) Die Ausgezeichnete" gehörte in den 70er-Jahren zu den kontrovers diskutierten Kunstwerken in der DDR. Eine Frau, offensichtlich eine Arbeiterin, sitzt vor einem kleinen Blumenstrauß, sie rührt ihn nicht an. Erschöpft  "blickt" sie nach innen, die frohe Sichtweise in die lichte Zukunft des Sozialismus zeigt dieses Bild nicht. Der Maler Wolfgang Mattheuer entsprach mit seinem Bild kaum der offiziellen Kunstauffassung. Verboten wurde es nicht, wenn auch zuweilen, wie bei anderen sperrigen Kunstwerken, Sätze wie "Unsere Menschen sind nicht so" hörbar wurden.

Die Fotografin Evelyn Richter hat dieses Motiv Jahre später zu einer Fotografie verdichtet. Ihr Bild stammt aus einer Werkgruppe, in der sie nicht das Kunstwerk, sondern den Museumsbesucher in den Mittelpunkt rückt. Dabei entstand eine Reihe von Arbeiten, die wiederum Menschen in verschiedenen Haltungen zeigen –  interessiert, gleichgültig oder gar euphorisch. Die Frau, die "Die Ausgezeichnete" betrachtet, ist offenbar nicht sonderlich begeistert.

Im Zentrum: Menschen

Menschenbilder sind  von Beginn an Hauptthema von Evelyn Richter, die am Freitag 90 wird. Aus diesem Anlass widmet das Albertinum gemeinsam mit dem Kupferstich-Kabinett und dem Kunstfonds der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden einer der wesentlichen deutschen Fotografinnen eine Sonderausstellung. Der Werdegang von Evelyn Richter ist bestimmt von den Erfahrungen dreier Gesellschaftssysteme: der Kindheit im Nationalsozialismus, den Restriktionen der frühen DDR-Kulturpolitik und den Jahren nach 1990, in denen sie ihre Kunst entfaltet  – durch Lehraufträge, Vorträge und  Reisen: Es geht nach Rom, London, Rumänien und die USA. Doch bereits in den 80er-Jahren erfährt ihr Werk in der DDR späte Anerkennung. 1989 erhält sie den Kunstpreis des Landes.

Geboren wird Evelyn Richter 1930 in Bautzen, die Schule besucht sie bei der Brüdergemeine in Kleinwelka und Niesky. Von 1953 bis 1955 studiert sie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Dort gerät sie in den Formalismus-Streit – und wird 1955 exmatrikuliert. Evelyn Richters  Fotografien sprechen die Sprache der Avantgarde der 20er-Jahre, sie erinnern zuweilen an die vorstalinistische Ästhetik der Russen wie Alexander Rodtschenko und El Lissitzky. Sie arbeitet mit Schatten, ungewöhnlichen Perspektiven und bis in die 90er-Jahre hinein fast immer in Schwarz-Weiß. Und stets bleibt das Bild im Originalformat. Ausschnitte sind tabu. Nach der Exmatrikulation arbeitet Richter als Theaterfotografin, nimmt Aufträge aus der Industrie an und gestaltet Messen. Und fotografiert leidenschaftlich weiter. Später wird sie sagen, sie habe viel "für die Kiste gearbeitet".

Die Sowjetunion interessiert sie

Das Dresdener Albertinum zeigt seit vergangenem Sonntag einen Ausschnitt aus ihrem opulenten Werk. Porträts wie die von Günter Kunert, Hans Werner Henze und Otto Dix, allesamt aus den frühen 60er-Jahren, sind darunter. Ihr Fokus gilt bald daraufhin dem Osten, die Menschen in der Sowjetunion interessieren sie. Mehrmals besucht sie das Riesenland mit seinen großen Künstlern und ebenso großen Problemen. Sie porträtiert David Oistrach, einen der bekanntesten Geiger seiner Zeit. Zehn Jahre lang sei sie ihm immer wieder nahegekommen, weiß Björn Egging, Konservator im Kupferstich-Kabinett. 1980 fotografiert sie die Regisseurin Lilja Brik, die Muse des Revolutionsdichters Wladimir Majakowski. Mit ihm und ihrem Mann Ossip führt sie in der frühen Sowjetunion eine offene Dreiecksbeziehung.

Das Dokumentarische ist Evelyn Richter immer wichtiger als das Schöne. Aber sie weiß auch, dass das Dokumentarische nicht immer spontan ist. Dafür kann sie warten auf den richtigen Moment, der das Authentische birgt. In ihren wenigen Selbstporträts nimmt sie sich zurück. Man nimmt sie kaum wahr im Bulgakow-Museum in Moskau zwischen den Exponaten. Einmal stellt sie sich per Spiegel  zu  den Musikern des Leipziger Gewandhausorchesters – als Gleiche unter Gleichen. Künstlerische Nähe sucht  sie bei ihrem amerikanischen Kollegen Robert Franck, der in seiner Serie "The Americans" den US-Alltag der 50er-Jahre abbildet (bis Ende 2019 bei C/O Berlin). Mehrere Fotobücher entstehen, darunter eines mit Arno Fischer und Ursula Arnold, ihrer Kommilitonin aus Leipzig ("Gehaltene Zeit").

Die Schau im Dresdener Albertinum ist mit 40 Werken nicht sehr groß, zeigt jedoch wesentliche Teile ihres Schaffens. Von den Ausstellungsräumen blickt der Betrachter hinunter in den Lichthof des Hauses. Und spürt den Atem der Kunstgeschichte, die hier einen großen Bogen schlägt von Caspar David Friedrich über Otto Dix und Gerhard Richter bis hin zu: Evelyn Richter.

Ausstellung "Focus Evelyn Richter", Albertinum Dresden, bis 3.5. (Schließwoche vom 3. bis 7.2.)

Kunst-Ort in Dresden

Das Albertinum beherbergt die Skulpturensammlung und die Galerie Neue Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Der Name geht auf König Albert von Sachsen zurück. Beim Elbhochwasser 2002 drang Wasser in die unterirdischen Lagerräume, die dort gelagerten Gemälde und Skulpturen konnten aber gerettet werden. Mehrere Jahre war das Albertinum wegen Umbau und Renovierung geschlossen. Jetzt gibt es ein hochwassersicheres Depot.

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