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Kunstpreis
Anja Koal malt Bäume im Spreewald

Ihre Bilder haben Volvo-Größe, damit sie gerade so auf die Ladefläche passen: Anja Koal in ihrem Atelier im Spreewald
Ihre Bilder haben Volvo-Größe, damit sie gerade so auf die Ladefläche passen: Anja Koal in ihrem Atelier im Spreewald © Foto: Inga Dreyer
Inga Dreyer / 24.07.2020, 18:20 Uhr
Groß-Klessow (MOZ) Anja Koal läuft auf ein ehemaliges Stallgebäude zu, das wie eine Garage aussieht. Hinter den hölzernen Toren kommt ein Atelier zum Vorschein. Wo früher Ferkel geboren wurden, lehnen heute Bilder an den Wänden, auf dem Boden stehen Farben und Pinsel.

Die Künstlerin schaltet die Espressomaschine an und lässt sich in einen Liegestuhl fallen. "Hier sitze ich dann und betrachte meine Welt", sagt sie lächelnd mit Blick auf den Garten, in dem eine Leinwand an einem Baum lehnt. Auf diesem Hof in Groß-Klessow bei Lübbenau (Oberspreewald-Lausitz) ist die 1978 geborene Malerin aufgewachsen.

Hier liegt die Welt, in die sie sich immer wieder flüchtet. Sie pendelt zwischen ihrem Wohn-atelier in Düsseldorf und dem Spreewald, wo sie vor allem im Sommer malt – meist draußen im Wald. In Brandenburg findet sie Ruhe. Hier leben ihre Familie und ihre alten Freunde. Düsseldorf hingegen steht für städtischen Trubel, Kontakte und das Tor zur Kunstwelt. Mit ihrem alten Volvo pendelt Anja Koal zwischen diesen Polen, packt alles ins Auto, was sie braucht. Trotzdem fehlt immer etwas. "Wenn ich mal ’ne warme Jacke brauche, muss ich viel Glück haben", sagt sie und lacht. Sie malt Bilder im Volvo-Format, die gerade so auf die Ladefläche ihres Autos passen. Sie sei im Dazwischen zu Hause, sagt Anja Koal. "Ich will ja alle Leben führen."

Der Spreewald ist auch der Ort, an dem "ihre Motive rumlaufen." Viele aber bewegen sich nur sehr langsam. Denn der Wald spielt in ihren Arbeiten eine tragende Rolle – was die Künstlerin selbst nicht erwartet hätte. Die Heimat zu verlassen sei wichtig gewesen, sagt sie. "Ich konnte die Bäume nicht mehr sehen." Künstlerisch interessierte sie sich als Jugendliche für Expressionisten wie Ernst Ludwig Kirchner, der Straßenbahnen malte. In Anja Koals Welt aber gab es keine Straßenbahnen. Nur Bäume. "Wenn ich nur im Wald bin, wie viel Welt kenne ich dann?", fragte sie sich.

Anja Koal stammt aus einer alten Spreewälder Bauernfamilie. Zu DDR-Zeiten waren ihren Eltern angestellt, nach der Wende kaufte der Vater eine Kuh und brachte Anja Koal das Melken bei. Das Bio-Selbstversorgertum, dem heute alle Welt nacheifere, habe sie schon in der Jugend leben müssen. Immer gab es etwas zu tun. "Wenn ich mal ein Buch in der Hand hatte, kam gleich jemand in Gummistiefeln und fragte: Hast du nichts zu tun?"

Das heimliche Malen und Zeichnen war für sie ein Rückzug in die eigene Welt. Trotzdem kam sie nicht auf die Idee, dass das eine berufliche Option sein könnte. "Ich hatte kein Selbstvertrauen", sagt sie. Sie zog nach Düsseldorf, studierte Philosophie und Sozialwissenschaften. "Die Fächer von Karl Marx." Sie wollte die Welt verstehen und begann, als Journalistin zu arbeiten. Doch in der von prekären Anstellungsverhältnissen geprägten Branche sah sie keine Zukunft. "Ich war kreuzunglücklich", erzählt sie.

Eines deprimierten Abends zog sie mit einer Freundin am Rhein von Lagerfeuer zu Lagerfeuer und kam mit einer Kunststudentin ins Gespräch, die ihr riet, sich an der Kunstakademie Düsseldorf zu bewerben. Zeit, um eine Mappe vorzubereiten, blieb bis zur Abgabefrist nicht. Anja Koal sammelte fix zusammen, was sie hatte – und wurde angenommen. Sie studierte Freie Kunst und Malerei bei  Reinhold Braun und Siegfried Anzinger.

Auch das Leben als Künstlerin ist nicht einfach, aber die Erfüllung eines inneren Bedürfnisses – erst einmal unabhängig davon, was sich verkauft. "Kunst ist etwas, was man trotzdem macht", sagt Anja Koal.

Ein Kind mit Hund – oder Wolf?

Für den Brandenburgischen Kunstpreis hat sie sich mit dem Bild "Flüssige Kindheit" beworben. Es zeigt ein Kind mit einem Stock in der Hand in einem Wald, vor ihm ein großer Hund – oder ist es ein Wolf? Abenteuerlustig wirkt das Kind, den Blick furchtlos auf den Betrachter gerichtet.

Anja Koal wagt es, Natur zu malen – ohne dabei in romantisierende Heimattümelei abzugleiten. Dazu sind ihre Bilder zu vielschichtig und technisch zu interessant. Hauptsächlich malt die Künstlerin in Öl – und arbeitet mit wasserlöslicher Tusche, um Effekte wie Schlieren und Sprenkel zu erzielen. Meist malt sie im Freien – vor allem in dem Waldstück, das an den Garten ihrer Familie grenzt. Dann packt sie ihre Utensilien in eine Schubkarre und schiebt diese durch das Metalltor – so wie sie schon als Kind in den Wald mit seinen leuchtenden Blättern und tanzenden Schattenspielen verschwand.

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