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Kannte Brecht die Pläne vom Anschlag auf den Reichstag?

Das Porträt zeigt den Dramatiker und Lyriker Bertolt Brecht (undatiertes Archivfoto).
Das Porträt zeigt den Dramatiker und Lyriker Bertolt Brecht (undatiertes Archivfoto). © Foto: picture alliance / dpa
Uwe Stiehler / 29.12.2017, 10:29 Uhr - Aktualisiert 30.12.2017, 15:29
Berlin (MOZ) In der Silvesternacht 1932/33 feierte Bertolt Brecht in seiner Berliner Wohnung mit einer politisch so zwielichtigen Runde ins neue Jahr, dass sie den Brecht-Forscher Jan Knopf kurz für der aktuellen Jahreswende zu einer kühnen und zugleich hoch interessanten These veranlasst.

Knopf behauptet, dass Brecht an jenem Silvesterabend etwas gehört hat, dass ihn veranlasste, sofort die Flucht für sich und seine Familie vorzubereiten - knapp einen Monat vor der Machtübernahme der Nazis. Knopf meint, Brecht könnte bei jener Party vom geplanten Brandanschlag auf den Reichstag und davon erfahren haben, dass dieses Feuer das Signal für die flächendeckenden Verhaftungen vermeintlicher Staatsfeinde werden sollte. Und wenn es nicht der Reichstagsbrand war, so muss Brecht doch in jener Nacht über "ein in diesem Maßstab geplantes Ereignis" informiert worden sein, "das ihn zwang, Deutschland schnellstens" zu verlassen, schreibt Knopf im "Neuen Deutschland" (Donnerstagsausgabe).

Wenn das stimmt, würde das die bis heute anhaltende Debatte über den Reichstagsbrand und dessen politische Folgen vielleicht nicht beenden, aber doch deutliche Indizien liefern, dass die Nazis dieses Feuer nicht nur politisch nutzten, sondern eben doch selbst gelegt haben.

Wie kommt der Literaturwissenschaftler Jan Knopf auf seine Theorie? Ihn machte stutzig, wie akribisch Brecht seine und die Flucht seiner Familie vorbereitete, was schwer mit einer allgemeinen Bedrohungslage erklärt werden kann. Wenn sie Anfang des Jahres 1933 schon so deutlich spürbar gewesen wäre, hätte andere missliebige Intellektuelle wie der linke, jüdische Kritiker Alfred Kerr, der ganz oben auf der Feindesliste der Nazis stand, ebenfalls alarmiert sein müssen. Aber Kerr floh Ende Februar 1933 in Panik und mit leeren Taschen, weil er im letzten Moment gewarnt worden war.

Dann ist es diese dubiose Runde von Nazis und Nazi-Sympathisanten, die sich in besagter Silvesternacht bei Brecht versammelte, die Knopfs Geist kitzelt: Ernst von Salomon, Arnolt Bronnen, Rudolf Schlichter, vielleicht war sogar Ernst Jünger dabei. Ernst von Salomon hatte das Attentat auf Walter Rathenau mit vorbereitet. Bronnen sympathisierte seit Ende der 20er-Jahre offen mit den Nazis und soll sich mit Goebbels zeitweise sogar eine Geliebte geteilt haben.

Bei Ernst Jünger und Rudolf Schlichter ist es allerdings komplizierter. Einerseits hatte Jünger in den 20er-Jahren Sympathien für die Nazis und für Hitler, anderseits ging er zu dessen Partei auf Distanz, je mehr sie wuchs. Schlichter wiederum gehörte zu den Großen der Neuen Sachlichkeit, war aber auch ein Pornograf in Bild, Wort und Werk, der im Zuge einer Selbstreinigung eine Zivilisationskritik äußerte, die sich der der Nazis annäherte. Im Dritten Reich war er trotzdem als Maler und Autor verfemt.

Brecht, Schlichter und Bronnen kannten sich gut aus früheren Zeiten und waren trotz aller politischen Differenzen befreundet geblieben. Schlichter und Bronnen haben zur Silvesterparty wohl die anderen Herren mitgebracht, die Kontakt in höchste Nazi-Kreise hatten.

Knopf, Mitherausgeber der Großen kommentierten Brecht-Ausgabe, kritisiert nun, dass alle Brecht-Biografien jene Silvesternacht ignorieren. Selbst die 2018 zu Brechts 120. Geburtstag erscheinende, von Stephen Parker verfasste "endgültige Biografie" (Suhrkamp) enthalte laut Knopf keinen Hinweis auf Brechts Silvesterfete. Allerdings formuliert Knopf diese Kritik in einer Gereiztheit, die vermuten lässt, er hätte mit Suhrkamp noch was Persönliches auszufechten. Seine Brecht-Biografie war 2012 übrigens bei Hanser erschienen.

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