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Nach kurzer Krankheit
Wilhelm Genazino gestorben

Schriftsteller Wilhelm Genazino (1943–2018)
Schriftsteller Wilhelm Genazino (1943–2018) © Foto: Arne Dedert/dpa
Uwe Stiehler / 14.12.2018, 19:30 Uhr
Frankfurt am Main (MOZ) Er schrieb vorzugsweise über Männer, die in ihrer eigenen Vergeblichkeit versacken. Er etablierte den Mann als das besonders weiche Geschlecht, dem es an Widerstandskraft und Orientierung fehlte.

Auch in seinem in diesem Jahr erschienen Buch „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“ taucht so ein Held auf, der als Bibliothekar, Wertpapierhändler und Journalist scheiterte und nun in eine gewisse Verwahrlosung hineinschlurft. Er sucht Zerstreuung in der untergehenden Welt der Warenhäuser und wärmt die Beziehung zu seiner Ex-Frau Sybille auf, weil sie an einem „Sexualimbiss“ nicht abgeneigt wäre. Einerseits zieht es ihn zu dieser Bettgeschichte hin, anderseits fürchtet er sich, dass da schon wieder so eine Zwangssituation entstehen und sie bemerken könnte, dass er zu ihren Treffen ständig dieselbe Hose trägt. „Dabei war es mein Traum, mit einer einzigen Hose und einer einzigen Frau durchs Leben zu kommen.“ Die trübe Wirklichkeit ist: „Ich hatte mehrere Frauen, mehrere Wohnungen, mehrere Berufe, mehrere Hosen, aber immer noch keine Zukunft.“

Dann gibt es da noch Christa, die von ihrem Mann körperlich vernachlässigt wird und mit der er ebenfalls eine Art Affäre hat. Wenn er sich nicht in den jeweiligen Betten abmüht, schlurft dieser abgewetzte Mann durch die Abgewetztheit seiner Stadt. Mal wieder ist es Frankfurt am Main. Mal wieder beschäftigt sich Genazino mit der Rückseite der Glasfassadenmoderne und schreibt über die Dysfunktionalität an deren Rändern, über den Verfall des Personals und des städtischen Equipments, das dort rumlungert, übersehen und vergessen wird. Diese Welt ist eine ganz andere als  die der social-media-affinen, multikulturellen, vielsprachigen Geister, die gerade mit Lust in die überteuerten Großstädte strömen. Genazinos Held dagegen ist alte Zeitung und nicht Internet, ist lasch und antistrebsam. Einige der Rezensenten, die diesen Roman besprochen haben, grantelten, das sei ja alles ganz reizend aufgeschrieben, nur hätten sie das bei Genazino schon x-mal gelesen.

Seine Bücher sind wie die Songs von Sven Regener und Element of Crime. Es ist irgendwie immer der gleiche melancholisch-trostlos-komische Ton, aber er berührt immer wieder. In einer Welt, in der Wachstum – also auch Verbrauch – alles ist, ist die Geschichte der Abgenutzten nie auserzählt. Wahrscheinlich war Genazino der letzte große deutsche Literat, der sich den „niedergekämpften Rentnern“, „vernachlässigten Menschen“ und dem sich aus Mülltonnen ernährenden Randpersonal – wie es in seinem Roman „Außer uns spricht niemand über uns“ heißt – mit solcher Hingabe und ironischer Poesie widmete.

Aus Büchern wie diesem und seinem jüngsten schimmerte immer auch die Frage, wozu diese ganze Anstrengung, arbeitet das Leben eh nicht kontinuierlich auf ein Verlöschen hin? Warum dagegen ankämpfen? Warum nicht die letzten Kräfte sparen und sich treiben lassen?

War Genazino der raffinierteste – und leiseste – Kapitalismuskritiker? Jedenfalls kann man fast jedes seiner Bücher als Umkehrung von Hannah Arendts „Vita activa oder Vom tätigen Leben“ lesen, in dem sie das Mitgestalten zu einer Säule menschlicher Existenz macht. Aber was ist mit denen, die aus der Aufgeregtheit der Mitgestaltung hinausgekegelt werden, die einfach durchfallen durch den groben Rost, unter dem sich die Trostlosigkeit wie kalte Asche sammelt?

Diese Frage hat der 1943 in Mannheim geborene Büchner-, Kleist-, Fontane- und Fallada-Preisträger nicht beantwortet, aber er hat sie mit seinen korrodierten Männern wieder und wieder gestellt und deren Welt mit Worterfindungen wie „Eheverwehung“, „Mannmutter“ und „Liebesblödigkeit“ garniert.

Nun hat dieses weiche Geschlecht seinen Fürsprecher verloren. Wie der Hanser Verlag am Freitag mitteilte, ist Wilhelm Genazino am 12. Dezember nach kurzer schwerer Krankheit im Alter von 75 Jahren gestorben.

Wilhelm Genazino: „Kein Geld, keine Uhr, keine Mütze“, Hanser, 176 S. 20 Euro

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