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Geruchsforschung
Der "Duft der weiten Welt" brachte Mauer zum Einsturz

Bodo Mrozek vom Center for Cold War Studies.
Bodo Mrozek vom Center for Cold War Studies. © Foto: © Suhrkamp Verlag
Nina Jeglinski / 09.11.2019, 11:00 Uhr - Aktualisiert 09.11.2019, 12:09
Berlin (NBR) Beim Gedanken an die DDR, erinnern sich viele Menschen an den Trabi, die Stasi und den Geruch nach Braunkohle. Der Historiker Dr. Bodo Mrozek betreibt am Institut für Zeitgeschichte im Berliner Kolleg Kalter Krieg deutsch-deutsche Geschichte.

Sie forschen zur Geschichte der deutsch-deutschen Teilung, in ihrem Buch Jugend – Pop – Kultur - Eine transnationale Geschichte, beschäftigen Sie sich auch mit Musik-Kultur in der DDR. Hat die Musik den Fall der Mauer begünstigt?

Ja, das kann man so sagen, denn in der DDR wurde die künstlerische Freiheit, besonders die der populären Musik rigoros unterdrückt. Auf Dauer hat sich die DDR-Führung mit diesem Kurs Generationen von Jugendlichen entfremdet.

Gab es in der Endphase der DDR ein musikalisches Ereignis, dass die Mauer mit zum Einsturz gebracht hat?

Im Gegensatz zu den Jahrzehnten davor gab es in den 1980er-Jahren eine gewisse Entspannungspolitik auf dem Gebiet der Musik. Es wurden vermehrt internationale Künstler eingeladen, vor allem der Auftritt von Bruce Springsteen im Sommer 1988 – das Konzert in Weißensee ging als das größte in die Geschichte der DDR ein. Aber die Lockerungen kamen zu spät. Bis Anfang der 1980er Jahre ging die DDR Führung extrem hart gegen die verschiedenen Jugendkulturen vor. Noch Anfang der 80er war die Punk-Bewegung einer massiven Verfolgung ausgesetzt – mit Haftstrafen, vorzeitigem Einzug zum Militär und Ausweisungen.

Im Westen wie im Osten gab es schon in den 1950er/1960er-Jahren Jugendbewegungen, die durch Musik gegen den Status-quo aufbegehrten, sich abgrenzten, worin unterschied sich der Protest zwischen Ost und West?

Im Osten und Westen Deutschlands hatte man an amerikanischer Musik orientierte Jugendliche kriminalisiert: Im Westen als Halbstarke und in der DDR als Rowdys. Bis 1961 waren die Grenzen noch offen und es fand ein reger Austausch statt. Auf dem Berliner Alexanderplatz wurden sogenannte Halbstarke aus dem Westen festgenommen. In Strausberg wurden dann Fans von Ted Herold, dem "westdeutschen Elvis", überwacht, die daraufhin eine LPG-Scheune in Brand setzten und an das Scheunentor schrieben: "Macht das Tor auf". Diese Jugendlichen kamen jahrelang ins Gefängnis und wurden vom Westen freigekauft, wo sie sich dann später als Fluchthelfer betätigt haben. Einer von ihnen wurde später auf dem Todesstreifen der innerdeutschen Grenze erschossen, als er versuchte, Selbstschussanlagen abzumontieren. Solche Geschichten zeigen, wie aus der Unterdrückung kultureller Interessen politische Opposition erwachsen konnte.

1965 kam es zur größten Massendemonstration in der DDR gegen die SED nach dem 17. Juni 1953, in Leipzig demonstrieren damals 1000 Jugendliche gegen ein Verbot von Beatbands nach dem Vorbild der Beatles, denen ihre englischen Namen und englische Liedtexte untersagt und in Einzelfällen gleich die Spielerlaubnis entzogen worden war.

Gab es so etwas wie eine eigenständige Jungendkultur in der DDR?

In der DDR entstanden auch eigene Jugendkulturen, die es im Westen so nicht gab, zum Beispiel die sogenannten Blueser, auch Kunden genannt. Sie hörten Blues mit deutschsprachigen Texten und hatten sehr originäre Outfits, so genannte Kutten, damit trampten sie übers Land. Dazu gab es kein direktes Äquivalent im Westen. Dieser Szene gehörten Tausende an, und sie wurde intensiv von der Stasi überwacht.

Welche regionalen Unterschiede, wie Musik als Mittel des Protests und später als Mittel zur Opposition eingesetzt wurde, gab es in der DDR? Berlin war ja relativ nah am Westen, während die Gegend um Dresden als "Tal der Ahnungslosen" beschrieben wurde?

In Leipzig gab es vor allem Gitarrenbands, in Dresden seit Mitte der 1970er Jahre eine sehr aktive Punkszene, dort trat etwa die bildende Künstlerin Cornelia Schleime mit der Band Zwitschermaschine auf, in Erfurt gab es die Band Schleim-Keim und in Leipzig L’Attentat, deren Sänger Bernd Stracke verhaftet und abgeschoben wurde. Man war überregional vernetzt, trug aber auch durchaus Rivalitäten aus. Auch junge Frauen kamen unter harten Bedingungen in Haft wie Jana Schlosser von der Ost-Berliner Band Namenlos. Die hatten staatskritische Texte und gehörten damit auch zur politisch artikulierten Opposition. Auch in Dresden trat man damals für internationale Kultur und gegen enge Grenzen ein.

Sie untersuchen auch welche Rolle die Schallplatte in der Verbreitung von Lebensgefühl unter Jugendlichen hatte. Alben konnten im Westen verhältnismäßig schnell gekauft werden, im Osten war die Verbreitung komplizierter, was haben sich junge Leute einfallen lassen, um an die Musik zu kommen? Was hat die Schallplatte bewirkt?

Schon seit den 1950er Jahren gab es privat organisierte Tauschringe für Schallplatten. Aus dem Westen illegal eingeführte Schallplatten wurden über ein Punktesystem verliehen, je begehrter das Album war, desto kürzer war die Ausleihzeit. Vor allem die Rolling Stones waren rar, die LPs wurden nicht in der DDR gepresst und auch die Versorgung über die so genannten "sozialistischen Bruderländer" war schwierig. Zudem gab es Aktivitäten Jugendlicher, die sich Radiosender gebastelt und damit auf westlichen Kanälen aufgenommene Musik ausgesendet haben. Es gibt einen Fall aus dem sächsischen Raum von zwei Schülern, die sich nach Anleitung der DDR-"Radio-Praktikerbücherei" eine UKW-Anlage gebaut und die Sendungen auch noch mit Kritik an ihren Lehrern verbunden haben. Piratensender von Schülern gab es allerdings auch im Westen. Die wurden auch verfolgt, weil sie gegen das staatliche Sendemonopol verstoßen hatten.

Woher haben kamen die begehrten Schallplatten?

Schüler auf Klassenfahrt haben sich in der CSSR oder in Ungarn mit Alben eingedeckt, die es in der DDR nicht zu kaufen gab. Der Zoll hat die teilweise beschlagnahmt, was zu wütenden Leserbriefen an die Radiosender führte, keiner verstand, wieso die Beatles im tschechischen Sozialismus erlaubt waren, aber in der DDR verboten. Es gibt aber auch Versuche Platten selber zu pressen, in der UdSSR gab es eine Zeitlang Pressungen auf Kunststoff-Folien. Da die schwer zugänglich waren, hat man sich mit Röntgenbildern aus Krankenhäuser beholfen, in die dann Schallrillen geschnitten wurden, was im Volksmund "Rock auf Knochen" hieß. Später in den 1970er- und 1980er-Jahren wurden vor allem Kassetten und Tonbänder verwendet. Vor allem Punkgruppen habe ihre Stücke auf Band aufgenommen und die Aufnahmen in den Westen schmuggeln lassen, dort wurden die Bänder an westliche Radiosender weitergegeben. Der britische Moderator John Peel hat einzelne Stücke in seiner BBC-Sendung gespielt, die vom Soldatensender British Broadcasting Service (BFBS) in West-Berlin übernommen und auch in der DDR empfangen wurde.

Die DDR-Führung hat nicht nur repressiv reagiert, sondern versuchte eine eigene – gelenkte – Jugendkultur zu etablieren. Hat sich diese Jugendkultur zumindest teilweise aus staatlicher Umklammerung lösen können?

Ja und nein, der Sender DT64 etwa wurde zum Deutschlandtreffen 1964 in Ost-Berlin gegründet, um eine moderne DDR zu präsentieren. Das ist dann als eigenes Jugendprogramm auf Dauer gestellt worden mit viel Popmusik auch aus dem Westen. Man wollte verhindern, dass die Jugend geschlossen nur noch West-Sender abhört, aber die Sprechanteile zwischen den Musikstücken waren durchaus linientreu, da wurde der Westen verunglimpft, die englische Sprache verächtlich gemacht und auch im Sender saßen Stasi-Informanten. Vor allem in der späten DDR gab es bei DT64 einen weit freieren Umgang mit Kultur, da schalteten auch Jugendliche im Westen ein. Auch gab es zum Ende der DDR das Konzept der "Anderen Bands", das versuchte, westliche Musikgenres unter dem Dach der FDJ gewissermaßen einzuhegen. Da war es aber bereits zu spät.

Gab es – außer "über sieben Brücken musst Du gehen" noch nennenswerten Einfluss der Ostmusik auf den Westen?

Eher wenig, anfangs war auch im Westen sozialistische Popkultur verboten, etwa die DEFA-Filme. Viele westlich inspirierte Musik durfte in der DDR nicht auf Schallplatte erscheinen und war damit auf dem internationalen Markt nicht existent. Es gab aber vereinzelte Bands und Musiker, die als Reisekader im Ausland, sogar in den USA auftreten durfte, wie der Jazzer Ernst-"Luten" Petrowsky. Den größten Einfluss auf den Westen hatten vermutlich Musiker, diewie Wolf Biermann, Nina Hagen oder Manfred Krugausgebürgert wurden oder aus Protest in den Westen übersiedelten.

Vor allem Jugendlichen aus Arbeiterhaushalten oder Elternhäusern mit geringem Bildungsniveau waren in den 1950er- und 1960er-Jahren sehr empfänglich für die Rockmusik und die kulturellen Neuheiten. Die DDR hat sich als Arbeiter und Bauernstaat beschrieben, stand aber nicht nur der Jugendbewegungen aus den 1950er-Jahren ablehnend gegenüber, sondern auch späteren Jugendbewegungen und verfolgte diese Szenen mit teils bizarren Methoden. Als Historiker befassen Sie sich in ihrem neuen Projekt auch mit der Geruchsforschung, wann und wie kam die Stasi darauf, sogenannte Geruchsproben von "Feinden der DDR" zu nehmen?

Das Beispiel der Geruchsproben der Stasi ist wohl das, was am eindringlichsten die politische Rolle von Gerüchen aufzeigt. Zunächst hat nur die Volkspolizei solche Geruchskonserven angelegt, die Verdächtigen haben sich auf ein Stofftuch setzen müssen, mit dem Ziel, sogenannte Differenzierungshunde auf die Verdächtigen anzusetzen. Diese Tücher wurden in Einmachgläsern konserviert. Die Stasi hat dann ganze Osmotheken, also Geruchsarchive, angelegt, in denen auch Geruchsproben von Regimegegner gespeichert wurden. Bis heute ist jedoch unklar, wie erfolgreich diese Methode war oder ob sie nicht primär der Einschüchterung von Regimegegnern diente. Auch ist das keine Erfindung der DDR, sondern wurde auch in westlichen Ländern angewendet, in Skandinavien und der Bundesrepublik. Da wurde die Methode noch 2007 gegen G-8-Gegner angewendet. Das buchstäbliche Schnüffeln in der Intimsphäre von Menschen hat sich aber im öffentlichen Diskurs quasi als Sinnbild für den Überwachungsstaat DDR eingeprägt.

Was sind die größten Unterschiede zwischen Geruch Ost- und West?

Mir ist aufgefallen, dass Zeitzeugen häufig ganz von selbst auf Gerüche zu sprechen kommen. Eine Zeitzeugin, die als Jugendliche im Kofferraum eines Amerikaners aus Ost-Berlin geflüchtet ist, sagte etwa, sie habe als Kind in einem Westpaket eine bestimmte Sorte Bonbons gerochen, und seitdem war für sie klar: Ich will dahin, wo es so riecht. Sie gab an, noch bevor sich der Kofferraum geöffnet habe, habe sie am Geruch erkannt, dass sie im Westen und nicht mehr in der DDR war. Auch der Dut des Intershops wird häufig genannt. Es gab DDR-Bürger, die keine Devisen hatten, um die dort ausgestellten Waren zu kaufen, aber dennoch dort hingingen, um sie zu betrachten und zu beschnuppern. Westdeutsche hingegen gaben an, der Osten stinke vor allem nach Braunkohle und Chemie. Vor allem ein typischer Innengeruch, den die Westbürger immer mit der DDR in Verbindung brachten, ist zig-fach protokoliert. Das Bodenreinigungsmittel Wofasept aus Bitterfeld wird für einen bestimmten Geruch in öffentlichen Gebäuden und bei Behörden verantwortlich gemacht, aufgrund einer bestimmten Chlorzusammensetzung. Diese Zuschreibungen ergeben das etwas stereotype Bild, der Osten habe gestunken und der Westen nach attraktiven Konsum geduftet.

Stimmt das nicht?

Nicht so pauschal. Auch im Ruhrgebiet hat es nach Industrie gerochen und es gab auch strenge Innengerüche in Behörden, aber auch in Schulgebäuden. Ab den 1970er-Jahren wurden in der BRD formaldehydhaltige Dichtmittel verbaut. Es gab Fälle, in denen Schüler reihenweise toxische Reaktionen auf das Mittel gezeigt haben. Eine Lehrerin durfte sogar ein Kind abtreiben, was damals in der BRD genehmigungspflichtig war, weil sie Formaldehyd-Dämpfe eingeatmet hatte und deshalb befürchtete, ein missgebildetes Kind zu bekommen. Der Westen hat darauf reagiert und gesetzlich geregelt, welche Konzentrationen von Feinstoffen in Räumen sein dürfen.

Gab es in der DDR keine Überlegungen oder Forderungen das gesetzlich zu regeln?

Die DDR-Bürger haben natürlich verfolgt, was im Westen vor sich ging und mit dem Aufkommen der Umweltbewegung wurden Themen wie saubere Luft in beiden Teilen Deutschlands immer relevanter. In der DDR hat sich daraufhin in den 1980er-Jahren eine Umweltbewegung formiert, die unter dem Motto: "Uns stinkt es!" gegen das Modernisierungsversagen der DDR protestiert hat. Die Kritik an Halle Bitterfeld traf die Verantwortlichen deshalb so stark, weil die Region einst als ein Aushängeschild der DDR galt. Der rauchende Schornstein war einst ein stolzes Symbol für die industrielle Produktivität des selbsterklärten Arbeiterstaats, das ändert sich mit dem Aufkommen der Umweltbewegung komplett. Ein Film, den eine Gruppe drehte, heißt "Bitteres aus Bitterfeld" und prangerte Industriegerüche als Sinnbild für die Marodität der DDR an.

Gab es den Duft des Westens?

Es gibt Zeitzeugen, die sich vor allem an die Gerüche ihrer Kindheit erinnern, vor allem mit dem Geruch von Sonnencremes am Strand verknüpfen sie schöne Erinnerungen. In der Wissenschaft wird das der "Proust’sche Effekt" genannt, nach Marcel Prousts Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", in dem sich der Protagonist an seine Kindheit erinnert, wenn er ein bestimmtes Gebäck – eine Madeleine – isst. Tatsächlich verknüpfen wir auch mit Gerüchen Erinnerungen, an Personen, bestimmte Kontexte und Zeiten. Darauf spekulieren heute Nostalgie-Produkte, die mit der Ostalgie oder der Erinnerung an den Westen Geld verdienen wollen. Erinnerungen sollen so nicht nur mit dem Intellekt aufgerufen werden, sondern auch durch die Sinne stimuliert werden.

Geruchsnostalgie ist also ein gesamtdeutsches Phänomen?

Ja, der Begriff "Westalgie" ist zwar nicht so verbreitet wie "Ostalgie", das läuft dann eher allgemein unter Nostalgie, aber da werden auch Images einer vermeintlich "guten alten Zeit" aufgerufen, etwa das angeblich genereationenverbindende Kaffeearoma oder die Retro-Verpackungen von Parfums. Auch das in DDR weit verbreitete Duschgel Badusan ist in diesem Sinne wieder aufgelegt worden, in einer ostalgischen Geschenkpackung, als Beigabe dazu gibt es das Modell eines Trabant-Autos, das ja auch eine bestimmte olfaktorische Qualität hatte.

Gehören die Trabi-Abgase nicht auch zu den typischen DDR-Gerüchen und umgekehrt der Innenraum eines neuen Mercedes zum Duft des Westens?

Auch der Trabant hatten einen ganz bestimmten Geruch, weil er noch nicht so abgedichtet war, wie die Autos heutzutage. Da war man noch näher dran an Schmieröl und an den Auspuffgasen, weil es keinen Katalysator gab. Beim Trabant war ein besonderes Merkmal die Karosserie, die aus einer Art Kunststoff hergestellt war und zudem wurde als Treibstoffein Zweitaktgemisch verwendet, damit war der Trabi vom Geruch her näher an einem Moped als an einem reinen Benziner. Im Westen kamen auch eigens komponierte Neuwagendürfte zum Einsatz, die vor allem bei Gebrauchtwagenhändlern beliebt sind.

Stimmt es, dass der Mangel an Allergien im Osten auch etwas mit fehlenden Duftstoffen zu tun hatte?

Es gibt das Klischee, der Osten sei von Industriegasen und scharfen Reinigungsmitteln aromatisiert gewesen, während im Westen attraktive Konsumdüfte dominierten. Untersuchungen zwischen Hamburgern und Chemnitzern haben aber in den 1990er-Jahren ergeben, dass Menschen je länger sie in der DDR gelebt haben, desto weniger anfälliger für Allergien waren. Wohl deswegen, weil die DDR-Produkte deutlich weniger mit künstlichen Aromen versehen waren. Nicht nur die Kosmetik, sondern auch Waschpulver und Lebensmittel. Es mögen zwar mehr schädliche Stoffe in der Luft gewesen sein, aber die Parfümierung hat sich stark in Grenzen gehalten, das führte dazu, dass 1989 die sensorisch stark verschiedenen Welten aufeinander prallten. Eine ehemalige Ost-Berliner Schülerin erzählte, sie habe auf dem Schulweg immer an einer Keksfabrik auf der anderen Seite der Mauer haltgemacht und gedacht: "Das ist der Duft des Westens". Als sie nach dem Fall der Mauer zum ersten Mal in so einen Keks biss, habe er überhaupt nicht geschmeckt, weil er so stark aromatisiert war. Solche Aussagen fanden sich 1989/90 über viele West-Produkte und sie sind ein Hinweis darauf, dass die jahrzehntelange Teilung ganz unterschiedliche Sensibilitäten hervorgebracht hat, überspitzt gesagt also sogar die Sinne geteilt hat.

Woher stammen Ihre Forschungsobjekte? Die DDR ist seit fast 30 Jahren Geschichte, verändert sich der Duft der Geruchsproben von damals nicht mit der Zeit?

Gerüche sind flüchtig, und Zeitzeugenerinnerungen in der Jetztzeit auch nicht immer zuverlässig. Deshalb bin ich auf die Versprachlichung damaliger Sinnesempfindungen angewiesen. Solche Wahrnehmungsprotokolle finde ich in Archiven, in persönlichen Erinnerungen, den Materialien von Umweltgruppen, Abgasrichtlinien, sogar in Songtexten. Am aussagekräftigsten sind textliche Überlieferungen, die damals entstanden sind, weil sie beweisen, dass diese Empfindungen in der jüngeren Geschichte wirklich eine vielleicht unbewusste, aber dennoch wichtige Rolle gespielt haben.

Bodo Mrozek ist Historiker. Soeben erschien "Jugend – Pop – Kultur. Eine transnationale Geschichte" (Suhrkamp-Verlag, 850 S., 34 Euro). Am Berliner Kolleg Kalter Krieg arbeitet er derzeit zur Sinnesgeschichte der deutschen Teilung.

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