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Neue SPD-Spitze
Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans im Porträt

Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken stehen nach der Bekanntgabe des Ergebnisses der Abstimmung zum SPD-Vorsitz im Willy-Brandt-Haus auf dem Podium.
Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken stehen nach der Bekanntgabe des Ergebnisses der Abstimmung zum SPD-Vorsitz im Willy-Brandt-Haus auf dem Podium. © Foto: Jörg Carstensen/dpa
Mathias Puddig / 03.12.2019, 07:30 Uhr - Aktualisiert 03.12.2019, 07:54
Berlin (NBR) Norbert Walter-Borjans (67) muss jetzt erst einmal Kisten packen. Vier Jahrzehnte hat er in Köln gelebt, zuletzt hatte der Ruheständler Zeit fürs Bücherschreiben, für Bildhauerei, für Fahrradtouren. Doch damit ist jetzt Schluss.

Noch in dieser Woche wird Walter-Borjans zusammen mit Saskia Esken (58) den Vorsitz der SPD übernehmen. "Das, was wir für eine Riesen-Ochsentour gehalten haben, das war erst der Anfang", sagte er nach seinem Wahlsieg am Samstagabend. Und später, als er es sich für ein Interview am Bühnenrand gemütlich gemacht hatte, plauderte er: "Ich werde jetzt in Berlin leben. Weil man das nicht nebenbei mal von Köln aus machen kann."

Dieses "Nicht-nebenbei-mal" ist gnadenlos untertrieben. Denn gemeinsam mit Saskia Esken steht Walter-Borjans vor einer der schwierigsten Aufgaben, die die Politik im Moment zu bieten hat: Die beiden werden SPD-Chefs. Die Basis hat sie mit 53 Prozent gewählt – und sich damit auf einen Weg mit unklarem Ziel gemacht. Im Moment ist jedenfalls nicht einmal absehbar, wie die Partei am Ende dieser Woche dastehen wird.

Die künftigen Vorsitzenden sind angetreten, um die SPD zu retten. Sie wollen schaffen, woran zuletzt politische Schwergewichte wie Sigmar Gabriel, Martin Schulz, Andrea Nahles und Olaf Scholz gescheitert sind – alles Genossen, die durch jahrelange Arbeit in der Spitzenpolitik eigentlich hätten gestählt sein müssen. Esken und Walter-Borjans bringen diese Erfahrung nicht mit. Im Gegenteil: Noch vor wenigen Wochen waren die beiden so gut wie unbekannt. Als im September in der Saarbrücker Congresshalle die Regionalkonferenzen starteten, konnte sich Esken unter ihre Parteifreunde mischen, ohne dass irgendjemand Notiz von ihr nahm. Trotzdem behauptet sie, es besser zu können als ihre vielen Vorgänger.

Man liegt also nicht verkehrt, wenn man der Bundestagsabgeordneten einen gewissen Wagemut unterstellt. Auch die Initiative zur gemeinsamen Bewerbung ging schließlich von ihr aus. Mitte August fragte sie Walter-Borjans per SMS, ob sie zusammen kandidieren wollen. "Weil er wie kein anderer dafür steht, SPD-Werte glaubhaft und standhaft zu vertreten – auch wenn ihm der Wind mal scharf entgegen weht." Walter-Borjans’ Prioritäten lagen aber zunächst woanders. "Er hat mir geantwortet, wir können gern reden, aber er müsse jetzt erst mal seine Radtour zu Ende machen", berichtet sie. Erst zwei Tage später haben die beiden sich getroffen und miteinander gesprochen. Doch auch da musste Esken noch "einen gewissen Widerstand" überwinden, wie sie sagt.

Der "rote Robin Hood" ist gar kein Rebell

Der Grund für Eskens Beharrlichkeit waren die Steuer-CDs, der bislang größte Coup im politischen Leben von Walter-Borjans: Während seiner Zeit als Finanzminister von Nordrhein-Westfalen verantwortete er den Ankauf mehrerer Steuer-CDs aus der Schweiz. "Das hat 19 Millionen gekostet und 7,2 Milliarden eingebracht. Insofern war das schon eine ganz erfolgreiche Angelegenheit", blickt er zufrieden zurück. Erfolgreich war die Aktion aber auch für ihn persönlich. Walter-Borjans gelang es dank der Steuer-CDs, die sozialdemokratischen Herzensthemen Umverteilung und Steuergerechtigkeit fassbar zu machen und mit seinem Namen zu verbinden. Noch heute schwärmen Genossen von ihm als "rotem Robin Hood". Das muss einer wie er erst einmal schaffen.

Denn Walter-Borjans ist keineswegs der verwegene Rebell, den sein Ruf verspricht. Er steht schon vom Alter her kaum für die Erneuerung der SPD. In seinen Reden beruft er sich auf Willy Brandt und Johannes Rau. Er ist sympathisch, reißt aber nicht wirklich mit. Bei den Regionalkonferenzen hatte er Mühe, sich an die Zeitvorgaben zu halten. Allzu ausschweifend sprach er vom "sozialdemokratischen Bus", der sich in der "neoliberalen Pampa" verirrt habe. Und verirrte sich nebenbei selbst – in seinen eigenen Sätzen.

Auch Walter-Borjans’ Biografie ist alles andere als rebellisch. Er ist ein Mann des öffentlichen Dienstes, war Regierungssprecher, Staatssekretär, Wirtschaftsdezernent, Stadtkämmerer und später Landesfinanzminister. Niemals saß er in einem Parlament, auch in der SPD hat er nicht nach höheren Ämtern gestrebt. Dass das jetzt anders ist, erklärte Walter-Borjans mit der Sorge um seine Partei. "Es hat mich immer wieder umgetrieben, dass ein Drittel der Menschen Sozialdemokratie will, aber nicht einmal die Hälfte davon die SPD wählt", begründete er seine Bewerbung. Doch natürlich spielte auch die Unterstützung der NRW-SPD und vor allem der Jusos eine Rolle. Ohne den Rückhalt von Kevin Kühnert, dem Chef der Nachwuchsorganisation, wäre die Bewerbung wohl kaum erfolgreich gewesen. Nicht wenige fragen sich, was die machtbewussten Jusos im Gegenzug erwarten.

Saskia Esken lebt – das hört man ihrem Dialekt an – in der sozialdemokratischen Diaspora im Nordschwarzwald. Der SPD hat sie sich von links angenähert. Politisch sozialisiert wurde sie im selben Jugendhaus wie der spätere Chef der Linkspartei, Bernd Riexinger. In einem Interview erzählte sie 2018, dass sie gemeinsam mit ihm in der DGB-Songgruppe Arbeiterlieder gesungen hat. Die SPD kam da für sie aber noch nicht in Frage. "Ich war als junge Frau einfach zu links für die SPD." Erst mit 30 Jahren wurde sie Genossin. Daran, dass sie aber auch heute noch links in der Partei steht, ließ sie auf den Regionalkonferenzen keine Zweifel. "Es hat eine Zeit gegeben, da hat die SPD nicht über demokratischen Sozialismus gesprochen. Da hat sie Hartz IV eingeführt. Das müssen wir überwinden", sagte sie in Erfurt.

Esken ist stolz darauf, auch das Leben außerhalb der Partei zu kennen. Ein Jahr hat sie Pakete ausgefahren, anderthalb Jahre arbeitete sie als Chauffeurin, dann wurde sie Schreibkraft für Textverarbeitungssysteme. "Das hat mich gereizt, dann bin ich Informatikerin geworden", sagt sie und erzählt, dass sie mit drei Kindern in der Branche schnell an ihre Grenzen kam und den Job an den Nagel hängen musste. "Als ich das letzte mal Software entwickelt hab’, gab’s noch kein Internet." Trotzdem gilt Esken unter Digitalexperten als versierte Fachpolitikerin – auch wenn gerade die Kollegen aus der eigenen Fraktion das zuletzt vehement bestritten haben.

Nach ihrer politischen Führungserfahrung gefragt, erzählt sie von ihrer Zeit als stellvertretende Chefin des Landeselternbeirats in Baden-Württemberg. Und wenn jemand sich darüber lustig macht, dann kontert Esken: "Wenn wir immer nur erlauben, dass Menschen Parteien führen, die die letzten 20 Jahre nichts anderes gemacht haben, dann werden wir nie irgendwas verändern."

Eine Revolution haben die beiden trotzdem nicht gerade im Sinn. Das zeigt ihr "Fortschrittsprogramm", das sie im Oktober vorgestellt haben. Darin fordern sie ein hunderte Milliarden Euro schweres Investitionsprogramm, sprechen sich für einen Mindestlohn von zwölf Euro aus und verlangen eine Verschärfung des Klimapakets sowie den Abschied von der Schwarzen Null. Das wird mit der Union kaum zu machen sein, ist aber noch längst nicht der Weg in den Sozialismus. Von einer Vergesellschaftung der Produktionsmittel, wie die Jusos sie fordern, ist jedenfalls keine Rede.

Schwer wird das trotzdem umzusetzen sein, das haben die beiden schon in den ersten zwei Tagen nach ihrem Wahlsieg zu spüren bekommen. Große Zeitungen warnten vor dem Untergang der SPD, in der ARD-Talkshow "Anne Will" wurden sie ins Kreuzverhör genommen, selbst eine Reihe von Parteifreunden stellte sich schon wieder öffentlich gegen die Pläne der designierten Vorsitzenden. "Wer durch die Forderung nach Nachverhandlungen das Ende der Koalition provoziert, trägt dann die Verantwortung dafür, dass die Grundrente und der Kohleausstieg auf der Strecke bleiben", warnte Martin Rosemann, der Vorsitzende der Landesgruppe Baden-Württemberg, der auch Esken angehört.

Das zeigt: Esken und Walter-Borjans sind noch nicht mal offiziell im Amt und stecken doch schon in der Defensive. Sie haben keine Schonfrist. Keine 100 Tage, noch nicht einmal 100 Stunden. Ein Wohnortwechsel ist im Moment ihr kleinstes Problem.

Digitalfachfrau und Finanzexperte

Saskia Esken wurde 1961 in Stuttgart geboren. Sie wuchs in einem Elternhaus auf, das sie als sozialdemokratisch beschreibt. Esken arbeitete unter anderem als Informatikerin, gab die Karriere jedoch auf, um sich um ihre drei – mittlerweile erwachsenen – Kinder zu kümmern. 2013 kandidierte Esken im Wahlkreis Calw für den Bundestag und zog über die Landesliste ins Parlament ein. Erst kümmerte sie sich um Bildungs-, später um Innenpolitik. Dem Themenfeld Digitalisierung blieb sie treu.

Norbert Walter-Borjans entstammt einer Arbeiterfamilie und schaffte den Sprung an die Hochschule. Erst studierte er Informatik, bald wechselte er aber zur Volkswirtschaftslehre. Nach Stationen im Öffentlichen Dienst und der freien Wirtschaft arbeitete er in den 90er Jahren unter NRW-Ministerpräsident Johannes Rau als Regierungssprecher. 2010 machte Hannelore Kraft ihn zum Finanzminister. Er blieb in ihrem Kabinett bis zur Abwahl der SPD-geführten Landesregierung im Jahr 2017. Walter-Borjans hat vier Kinder.⇥mpu

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