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Premiere
Das Lied vom Tod im Osten

"Freundschaftliche" Ratschläge: Eddie Seuss sucht Hilfe beim Dorfsheriff Chris, dargestellt von Felix Tittel (v. l.) und Andreas Klumpf. Die Drehbühne mit der weißen Borte ist Mittelpunkt einer weitläufigen Bühne, zu deren Längsseiten das Publikum erhöht sitzt.
"Freundschaftliche" Ratschläge: Eddie Seuss sucht Hilfe beim Dorfsheriff Chris, dargestellt von Felix Tittel (v. l.) und Andreas Klumpf. Die Drehbühne mit der weißen Borte ist Mittelpunkt einer weitläufigen Bühne, zu deren Längsseiten das Publikum erhöht sitzt. © Foto: Jens Sell
Jens Sell / 05.08.2019, 09:00 Uhr
Strausberg (MOZ) Die Andere Welt Bühne in Strausberg führt "Die Überflüssigen" von Philipp Löhle auf – ein blutiger Western, der in der brandenburgischen Provinz spielt.

Der Tod der Eltern bringt den in der fernen Stadt erfolgreichen PR-Manager Eddie Seuss ins Heimatdorf auf dem flachen brandenburgischen Land. Am Bahnhof trifft er auf die Schulkameradin Ellen, die dem von der Odyssee heimkehrenden zur Sirene wird. Tatsächlich erliegt er später nur zu gern ihren Reizen, was freilich nichts an der Erfolglosigkeit seiner verzweifelten Bemühungen ändert, dem Kaff wirtschaftlichen Atem einzuhauchen.

Ort der Reizunterflutung

Der Ort heißt Lükke, und der Name ist Programm. Die dort leben, wollen nichts ändern, sie wollen nur ganz allmählich verschwinden. Eddies Eltern sind mit einem fast neuen Auto am Alleebaum zerschellt. Der Vater hatte eine Geschäftsidee, belächelt von den anderen. Der ältere Bruder Uwe hat ebenfalls eine Geschäftsidee – und scheitert.

Und auch Eddie ist voller Pläne und Ideen. Er rennt gegen die sturen Einheimischen an. Natürlich darf er ins Heimatdorf kommen, aber Tourismus? Fremde Stadtmenschen, Ruhe und Einsamkeit suchend und fern von Mobilfunk und Internet zu sich selber findend in der "Königsklasse der Reizunterflutung, in Lükke", wie Eddie Seuss proklamiert? "Na ja, Fremde wollen wir hier eigentlich nicht. Also du kannst natürlich bleiben, aber was willst du hier? Und welche aus’m Ausland? Ach nee, eigentlich nicht." So reden Dumpfbacken in der Provinz, die es faustdick hinter den Ohren haben und Eddi wieder und wieder gegen die Wand laufen lassen.

Auch wenn in der Aufführung an der Anderen Welt Bühne nicht geprügelt wird: Das Stück passt in das ehemalige Wasserwerk der DDR-Nachrichtenzentrale in Strausberg wie die Faust aufs Auge. Während drinnen über die ländliche Ruhe gestritten wird, tönt von draußen das "Mäh, mäh" von Schafen herein. Und doch ist das Stück gewalttätig, auch wenn keine Fäuste fliegen und kein Theaterblut fließt. Es ist die psychologische Bedrängnis, in die die ländlichen Sturköpfe den kreativen Unruhegeist ganz subtil einmauern, das organisierte Misserfolgserlebnis, das ihn zerstört.

Felix Tittel spielt diese Bedrängnis des Eddie Seuss expressiv heraus, temperamentvoll mit lauten und leisen Tönen, Euphorie und Verzweiflung. Die von Wolfram Scheller besorgte gemeinsame Inszenierung vonTheater.land und Die Andere Welt Bühne greift auf ein hochkarätiges Darstellerensemble zurück: Felix Tittel gastierte an der Schaubühne Berlin unter der Regie von Lars Eidinger und Volker Lösch, er war am Berliner Ensemble engagiert und arbeitete unter anderem unter der Regie von Claus Peymann, Katharina Thalbach und Leander Haußmann. Inés Burdow als Ellen und – ein darstellerisches Glanzstück – in einer Szene als Branko "Der Türke" atemberaubend komisch, hatte Engagements am Berliner Ensemble und der Volksbühne Berlin.

Der hünenhafte, in Frankfurt (Oder) geborene Daniel Heinz als Pappeln züchtender Fitz war bis 2018 festes Ensemblemitglied der Uckermärkischen Bühnen Schwedt und etablierte dort die "MachBar", ein Theater-Late-Night-Format mit prominenten Gästen aus Politik, Kultur und Wirtschaft. Melanie Seeland, wie Burdow Leiterin des Theaters Die Andere Welt Bühne, stammt aus Kassel, wo sie am Staatstheater spielte. Sie zeigt sich als werbende "Shampoo-Frau" und smarte Bankerin. Andreas Klumpf als Bruder Uwe und andererseits Dorfsheriff und Postbote gastierte am Maxim Gorki Theater, am Nationaltheater Mannheim, dem Schauspiel Hannover sowie zuletzt am Theater Konstanz.

Das Bühnenbild von Jule Heidelbach bietet viel Platz, das rasante Stück zwischen stilisiertem Saloon-Tresen und Bahnhofswartesaal zu interpretieren. Die Drehbühne wird mit Lust einbezogen. Piefiger Ost-Charme trifft auf Western-Style. Ebenso treffend die Kostüme von Barbara Schiffner: Business-Banker-Look hier, Country da, Jogginghose unvermeidbar. Das passt. Paul Klinder am Ton- und Lichtpult vermeidet das Musikzitat des Liedes vom Tod. Es klingt ohnehin mit.

Mit "Die Überflüssigen" macht Die Andere Welt Bühne einen Schritt hin zur abendfüllenden Inszenierung. Waren die Stücke bisher in einem Zug stets eine reichliche Stunde lang, so gönnt man sich jetzt nach einer Stunde eine Pause und schließt noch eine gute Stunde an. Eine Herausforderung für Darsteller wie für Zuschauer, die zu beiden Seiten der Bühne auf rustikal gezimmerten Bänken sitzen. Daran muss wohl noch gearbeitet werden. Die Inszenierung aber ist zu einhundert Prozent sehenswert.

Vorstellungen am 9.8., 20 Uhr, und am 10.8., 19.30 Uhr, Die Andere Welt Bühne, ehemaliges Wasserwerk, Garzauer Str. 20, Strausberg, Karten unterwasserwerk-theater.com

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