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Inszenierung
Theater am Rand: "Kabakon" - Nichts für Vegetarier

Lesend die Welt erkunden: Der Schauspieler Christian Schmidt probt einen Monolog von Christian Kracht.
Lesend die Welt erkunden: Der Schauspieler Christian Schmidt probt einen Monolog von Christian Kracht. © Foto: Uwe Wolf/Theater am Rand
Inga Dreyer / 06.09.2019, 22:13 Uhr - Aktualisiert 06.09.2019, 23:07
Zollbrücke (freie Autorin) Die goldene Kokosnuss ruht noch sicher am Bühnenrand. Für die Proben muss als Ersatz ein Mundschutz herhalten, der an einem Mikrofon hängt.

Diese improvisierte Konstruktion in der Mitte der Bühne scheint jederzeit bereit, Lob und Huldigungen entgegenzunehmen. Für August Engelhardt (1875–1919) symbolisierte die Kokosnuss das Allheilmittel für Mensch und Erde. Er brach nach Kabakon auf, einer zu Papua-Neuguinea gehörenden Insel, um dort zu leben und sich als Kokovore ausschließlich von Kokosnüssen zu ernähren.

Die Ideen eines Aussteigers

In dem Roman "Imperium" hat sich der Schriftsteller Christian Kracht den Ideen des Aussteigers gewidmet. Das Theater am Rand inszeniert den Stoff nun als Theaterspektakel "Kabakon", das am Donnerstag uraufgeführt wird.

Spektakel nennt sich das Ganze deswegen, weil zum ersten Mal auch die Landschaft um das Theater herum bespielt wird. Mehrere Schauplätze dienen als Bühnen für die Monologe des ersten Aktes. "Wir sind auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen", erzählt Thomas Rühmann, Schauspieler, Regisseur und Mitgründer des Theaters am Rand.

Von der Tribüne neben dem hölzernen Theatergebäude aus hört man Hämmern. Es lässt sich erahnen, wo gerade überall neue Bühnen und Podeste entstehen – beispielsweise an dem kleinen, rostigen Schiff, das auf dem Gelände gestrandet zu sein scheint.

Für den ersten Akt werden die Zuschauer in Gruppen aufgeteilt, die sich nacheinander die parallel aufgeführten Monologe der fünf Schauspieler anschauen. Ihnen werden Ausschnitte aus dem Leben Engelhardts präsentiert – darunter der Monolog des Schauspielers Christian Schmidt, den er gerade auf der großen Bühne probt. Schmidt berichtet, wie Engelhardt auf dem Weg in sein Paradies auf Pflanzer trifft, die gerade von den Plantagen zurückkommen. Der Schauspieler springt auf und verzieht das Gesicht, als er von dem Schweinekotelett erzählt, das Engelhardt aufgetischt wird. "Er war hier unter schrecklichen Menschen gelandet – ihrer Erscheinung nach an Erdferkel erinnernde Deutsche", ruft er angeekelt. Engelhardt ist entrüstet über die Fleisch-Offerte, denn er ist nicht nur Vegetarier, sondern Fruktivore, ernährt sich also ausschließlich von Früchten.

Solche Episode mögen verquer klingen – aber es steckt Ernstes dahinter. Das Stück "Kabakon" begegne Engelhardt mit Sympathie, verrät Rühmann. "Nicht August ist verrückt. Die Welt ist verrückt." Zwar werde die ironische Sprache Krachts aufgegriffen, doch der Versuch, nach einer besseren Art zu leben zu suchen, erntet Anerkennung.

Auch das Theater am Rand versucht mit seinem ökologischen Ansatz, Dinge anders zu machen. Das zeigt sich in der Bauweise des Theaters, aber auch in den Themen der Stücke. "Irgendwie sind wir immer auf der Suche nach Inselstoffen", sagt Thomas Rühmann. Die Frage nach anderen Lebensformen beschäftigt die Theatermacher. "Wahrscheinlich ist das unser ureigenes Thema: der Menschen und die Welt", sagt Rühmann. Deshalb hat sich das Theater auch für die Einführung einer neuen Buslinie im Oderbruch eingesetzt. Seit Ostern steuert der Oderbus an Wochenenden im Sommerhalbjahr verschiedene Stationen zwischen Bad Freienwalde und Wriezen an – auch das Theater am Rand.

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Theater am Rand inszeniert

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Als Rühmann Krachts Roman vor ein paar Jahren las, wusste er sofort, dass er den Stoff auf die Bühne bringen will. "So etwas weiß man, wenn man so ein Buch gelesen hat", sagt er. Mit dem Musiker und Komponisten Tobias Morgenstern hat Rühmann das kleine Theater im Oderbruch vor mehr als 20 Jahren gegründet. Er suche die literarischen Vorlagen für neue Inszenierungen. "Dann gehen Morgenstern und ich an die gedankliche Erarbeitung."

Die Theatermacher haben sich entschieden, das Stück aus der Perspektive der 1920er- und 1930er-Jahre zu erzählen. Mitglieder des Vereins "Die Retter der Kokosnuss" treffen sich und diskutieren über Engelhardts Ideen. Dabei sind sie ihrer Zeit verhaftet – ohne das Wissen von heute. Vorerst scheint Engelhardts Vorhaben zu funktionieren. "Wir haben es erst einmal aufs Gelingen hin geschrieben", erklärt Rühmann. Erst am Schluss steuere das Unterfangen auf die Katastrophe zu, verrät Rühmann. "Es wird lebendig, lustig, grausig."

"Kabakon oder Die Retter der Kokosnuss", Premiere am 5.9., 19 Uhr, Theater am Rand, Zollbrücke 16, Oderaue, www.theateramrand.de,www.oderbus.de

Enfant terrible der Literaturszene

Christian Kracht galt lange als Enfant terrible der Literaturszene. 1999 veröffentlichte er gemeinsam mit Joachim Bessing, Eckhart Nickel, Alexander von Schönburg und Benjamin von Stuckrad-Barre das Buch "TristesseRoyale" und inszenierte sich als melancholischer Popliterat. Sein Roman "Faserland" (1995) wurde ein Bestseller, auch "1979" wurde 2001 breit rezipiert und mehrfach für das Theater adaptiert. Nach "Imperium" (2012) veröffentlichte er zuletzt "Die Toten" (2016), der sich mit den Beziehungen Hollywoods zum japanischen Film befasst. Kracht ist als Reporter weit gereist, etwa nach Neu-Delhi, Bangkok und Kathmandu und lebt heute in Los Angeles.⇥red

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