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Rückfall in alte Zeiten?
Streit am Staatstheater Cottbus: Das Ende der Revolution

Thomas Klatt / 21.09.2019, 08:00 Uhr
Cottbus (MOZ) Im Staatstheater Cottbus, dem größten Theater Brandenburgs, rumort es. Der Vertrag von Schauspieldirektor Jo Fabian ist zur nächsten Spielzeit nicht verlängert worden. Das habe ihn dann doch auf dem linken Fuß erwischt, sagt Fabian, der seit 30 Jahren auf großen deutschsprachigen Bühnen inszeniert und die Gepflogenheiten der Szenerie kennt. Aber wirklich überrascht habe es ihn dann doch nicht. Warum der designierte Intendant Stephan Märki seinen Vertrag nicht verlängert, darüber will Fabian nicht spekulieren.

Fabian gilt als revolutionärer Erneuerer. Seine Auffassung von Theater gefällt nicht jedem. Er will, dass die Schauspieler mitdenken, dass sie sich einbringen in Stücke und Inhalte, und er deklariert immer wieder ein politisches Theater. Theater sei Widerstand und Verantwortung zugleich. In zum Teil spektakulären Stücken wie "Francesco" und "Terra incognita" verbindet er Spiel, Musik, Tanz und Video, er spricht von einem "performativen" Theater. Für diese Spielzeit inszeniert er in Cottbus den "Faust" und nicht überraschend – wenige Wochen später – einen "Antifaust". Auf seinem Blog formuliert er Ideen von einer Künstlerrepublik Cottbus. Mit Jo Fabian verlässt einer der wenigen überregional bekannten ostdeutschen Theatermacher das Haus.

Auf Nachfrage zu seiner Entscheidung erklärt Märki: "Ruth Heynen und ich schätzen Jo Fabian und seine Arbeit sehr, nicht nur seine Inszenierungen, sondern auch seine Art über Kunst und über das Leben nachzudenken. Wir suchen den Dialog mit ihm, um auch danach einige Stränge seiner künstlerischen Arbeit weiterzuführen". Dennoch wolle man sich künstlerisch neu ausrichten. Er sei glücklich darüber, Ruth Heynen für die Schauspieldirektion gewonnen zu haben. "Sie war Geschäftsführerin der Europäischen Theaterunion, arbeitet als Dozentin an verschiedenen Universitäten und als Dramaturgin, zuletzt als Chefdramaturgin des Nationaltheaters in Luxemburg", so der designierte Intendant. Sie solle darüber hinaus "einer Pluralität von Stimmen Gehör verschaffen". Das künstlerische Angebot wollen Märki und Heynen breiter aufstellen. Immer sollen sich das Lokale und das Internationale, das Alte und das Neue begegnen.

So möchte man sich mit dem Ensemble und mit dem ganzen Theater in dieses Netz der Wechselwirkungen stellen, sich "beeinflussen lassen und beeinflussen, verschiedene Standpunkte kennenlernen und verschiedene Standpunkte einnehmen. Offen, dialogbereit, nie beliebig." Mit dem Chef des Balletts, Dirk Neumann, will Märki weiter arbeiten, ihn jetzt schon in eine Gesamtdramaturgie einbeziehen und die Bedeutung des Tanzes am Staatstheater weiter ausbauen.

Skepsis nach der Befreiung

Dem Intendantenwechsel im vergangenen Jahr ging ein bisher nicht dagewesener Befreiungsschlag voraus. Viele Musiker des Hauses hatten sich wegen Mobbings seitens des damaligen Generalmusikdirektors Evan Christ zu Wehr gesetzt. Der musste daraufhin das Haus verlassen, auch dem Vorstandsvorsitzenden der Brandenburgischen Kulturstiftung wurde gekündigt. Intendant Martin Schüler nahm freiwillig seinen Hut. Als Retter in der Not fand sich René Serge Mund, ein erfahrener Theatermann, der als Übergangsintendant bestellt wurde. Er hält die aktuellen Veränderungen in seinem Haus, wo er bis zum Ende Spielzeit das Sagen hat, nicht für ungewöhnlich. Die Gesetze ließen das zu. Trotzdem möchte er die "Unruhe so klein wie möglich halten".

Das dürfte schwer sein. Denn was Schauspieler und Sänger erneut beunruhigt: Es sollen Verträge in mehreren Sparten nicht verlängert werden. Insider sprechen von zehn Betroffenen. Auch dass ein künftiger Intendant so viel Macht eingeräumt bekommt, ist nicht unüblich. Doch die Situation in Cottbus ist eine andere. Der Stiftungsrat, das Kulturministerium und die Theaterleute hatten sich auf einen produktiven Neustart geeinigt. Ministerin Münch sprach bei der Intendantensuche von dringend benötigten menschlichen Führungsqualitäten. Dass nun Verträge nicht verlängert werden, sehen Schauspieler und Sänger als einen Versuch, Fabians Vision eines demokratischen Theaters zu verhindern. Auch dass das Haus in den alten feudalen Führungsstil zurückfällt, halten viele für möglich.

In einem Interview, das auch in dieser Zeitung erschien, sagte Stephan Märki, der bereits in großen Häusern in Potsdam und Weimar Chefpositionen innehatte, er habe "eine ostdeutsche Seele". Zuletzt war Märki alleiniger Direktor von Konzert Theater Bern. Im Juli 2018 erklärte er dort seinen sofortigen Rücktritt von diesem Posten. In Bern wurde Märki gelegentlich in der Öffentlichkeit mit einem Pistolenkoffer gesehen. Es ist leicht möglich, dass in Cottbus noch einige Duelle bevorstehen.

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