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Brandenburger Theater-Premiere
Ein "Bunbury" für alle Fälle

Th. Messerschmidt / 07.10.2019, 19:00 Uhr
Brandenburg an der Havel (MOZ) Die BRD hatte Pierre Brice und die Scorpions, die DDR Gojko Mitić und die Puhdys. Und weil ausgehend vom Berliner "Theater des Westens" ab 1961 das Musical "My fair Lady" in der Bundesrepublik gefeiert wurde, setzte man im Osten auf Oscar Wildes Komödie "The Importance of Being Earnest", aus der Gerd Natschinski (Musik), Jürgen Degenhardt und Helmut Bez das Musical "Mein Freund Bunbury" machten. Der Uraufführung 1964 am Berliner Metropoltheater sollen 6.000 Aufführungen in zehn Sprachen gefolgt sein. Ein großer Erfolg, der im 21. Jahrhundert seine Fortsetzung findet. Ein Erfolg mit Ansage: "DAS erfolgreichste Musical der DDR kommt nach über 30 Jahren wieder auf die Bühne des Brandenburger Theaters!", hatte das BT im Vorfeld wissen lassen. Am 04. Oktober feierte der "Unterhaltungsklassiker voller ohrwurmverdächtiger Melodien" Premiere und begeistert das Publikum auch 29 Jahre nach Ableben der DDR. Dass "Mein Freund Bunbury" an keine Gesellschaftsform gebunden ist, liegt an der Zeitreise zurück ins London der 1920er Jahre und an der zeitlosen Frage: Ist wirklich jeder der, der er zu sein scheint? Die Antwort sucht mit omnipräsenter Spielfreude ein großes Ensemble in Regie von Frank Martin Widmaier, der seit März künstlerischer BT-Leiter ist. Und er bleibt der Grundidee seiner BT-Erstproduktion "Grete Minde" treu, Profis und Laien auf der Bühne zu vereinen. So sei der Theaterchor aus interessierten Frauen und Männern der Stadt entstanden und die Suche in Tanzschulen sowie bei Sportvereinen führte zur Besetzung der Revuegruppe "Susi-Miller-Girls".  Die Hauptrollen sind mit bühnenbewährten Künstlern wie Verena Barth-Jurca und Alexander Kerbst besetzt, die als Cecily und Jack bei der Heilsarmee sind. Während sie heimlich in der Music-Hall auftritt, ist er auf Freiersfüßen in der besseren Gesellschaft unterwegs. Für Jack und seinen Freund, den Krimiautor Algernon (gespielt von Robin Poell), muss als Alibi für ihre Ausflüge ein gewisser Bunbury herhalten – ein wahrer Freund, der falscher nicht sein kann und somit jeder sein könnte. Und das kann auf Dauer nicht gut gehen – aber fürs Publikum äußerst unterhaltsam sein. Zumal sich das fröhliche Spiel mit mitreißenden Melodien paart. Beim Titelsong "Mein Freund Bunbury" swingt man unweigerlich mit, hört bei Lady Bracknells (herrlich gespielt von Dagmar Frederic!) "Ein bisschen Horror und ein bisschen Sex" gespannt zu, lässt sich von Gwendolens (Désirée Brodka) "Fatima" betören und vom "Hochstapler-Tango" gern hinreißen. Der zweite Akt nach halbstündiger Pause startet etwas gemächlich, nimmt mit "Sunshine-Girl" und "Damals in Soho" musikalisch Fahrt auf. Inhaltlich bahnt sich der Höhepunkt an, indem der imaginäre Bunbury der Liebe wegen zu Grabe getragen werden soll und sich leibhaftig wehrt…

Das Publikum dankte mit viertelstündigem Applaus für den mehr als zweistündigen Theatergenuss, den das 43-köpfige Ensemble auf der Bühne bereitet hatte. Dessen Spielfreude stützten ebenso begeisternd die Brandenburger Symphoniker unter Leitung von Hannes Ferrand (und unter der Bühne). Großes Lob gebührt zudem Choreografin Marie-Christin Zeisset sowie Kostüm- und Bühnenbilddesignerin Patricia Walczak. Einzig im zweiten Bühnenbild darf man nicht in Versuchung und somit in Trance geraten, der in Zeitlupe auf der Leinwand hin- und herwogenden Blume zu folgen. Wer ihr widersteht, erlebt einen rundum gelungenen Theaterabend, in dessen Pause sogar leckere Gurkensandwiches serviert werden, worauf die vom Butler gern servierten Gurkenbrötchen als Running Gag Appetit machen. Apropos Butler: der spielt einmal mehr eine tragende Rolle – ja, sogar die Doppelrolle, wobei es der grandios darstellende Gunter Sonneson nicht belassen kann…

"Mein Freund Bunburry" ist abermals zu erleben am 17. Oktober, am 28., 29., 30. und 31. Dezember und als Eigenproduktion des Brandenburger Theaters ein schöner Beweis dafür, dass Brandenburg nicht auf Musiktheater festgelegt ist, sondern noch immer Tanz und Schauspiel beherrscht. Oder wie Premierengast Udo Geiseler (Kulturausschuss) begeistert zusammenfasst: "Wir können drei Sparten!"

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