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Volksbühne
Ein Kessel Allzubuntes

Großes Finale mit Demo-Banner: Die Gruppe Knorkator bittet zum wilden Revolutionstanz.
Großes Finale mit Demo-Banner: Die Gruppe Knorkator bittet zum wilden Revolutionstanz. © Foto: Thomas Aurin
Boris Kruse / 06.11.2019, 07:00 Uhr
Berlin (MOZ) Vermutlich war es unvermeidbar, dass dieser Abend zwischendurch ins Platte, Kalauerhafte abgleitet. Da schiebt der Schauspieler Milan Peschel in der Rolle eines Bühnentechnikers eine Theater-Windmaschine auf die Bühne, kurbelt munter daran herum und pfeift dazu das unvermeidliche "Wind Of Change" von den Scorpions.

Das Schöne an Revue-Shows ist ja, dass alles wunderbar unverbunden und chaotisch nebeneinander stehen darf – Musik, Tanz, Kabarett und Comedy, aber auch Melodramatisches und Nachdenkliches. So gesehen, ist es ein überwältigender, spaßiger Abend, mit dem die Volksbühne am Montag Erinnerungen an die Demonstration vom 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz wachruft. Milan Peschel führt als Conférencier gemeinsam mit der Hörfunkmoderatorin und Autorin Marion Brasch durch den bunten, konfusen, rund drei Stunden langen Abend im Großen Saal des Theaters. Die DDR-Fernsehshow "Ein Kessel Buntes" sei das Vorbild, kündigt Brasch zu Beginn an.

Das geht der Form nach auf und bleibt inhaltlich manchmal im Ungefähren, es wabert etwas ziellos zwischen Aufarbeitung der Geschehnisse von damals und bissig-humorigen Anmerkungen zur Entwicklung des Ostens unter den Vorzeichen des Kapitalismus. Ausschnitte aus den Reden vom 4. November werden per Videoleinwand eingespielt. Christa Wolf, Stefan Heym, Steffie Spira und all die anderen mahnen, seither tausendfach zitiert, Veränderungen an. Ein Nachbau der improvisierten Holztribüne, auf der die Redner damals sprachen, bildet den roten Faden der Revue. Auf diesem Podest begrüßen Brasch und Peschel Gäste wie die Dichterin Elke Erb. Die 1987 gegründete Underground-Band Herbst in Peking (mit waberigen Gitarreneffekten und Spoken-Word-Performance), die Hip-Hop-Formation Ostberlin Androgyn und Funny van Dannen als "Quoten-Wessi" spielen je zwei Stücke. Annekathrin Bürger, damals schon mit einer Rede auf dem Alex dabei, singt ein Lied.

Zwischendurch bringt die Dramaturgie des Abends – Christian Filips führt Regie – auch Reminiszenzen an die Volksbühnen-Ära von Frank Castorf. Im Rollstuhl wird der Schauspieler Mex Schlüpfer als Altersheiminsasse Castorf über die Bühne geschoben. Und das ansonsten minimalistische Bühnenbild zollt mit dem Einsatz eines echten, den Saal mit Benzinschwaden einnebelnden Ladas Tribut an den einstigen Größenwahn.

Vom Dach dieses alten Autos herunter hält der Hörfunkmoderator Jürgen Kuttner einen atemlosen Videoschnipselvortrag. Holterdiepolter schlägt er den Bogen zu einem ganz anderen Jahrestag; das Geschehen trug sich nur einen Steinschlag entfernt vom Rednerpult des 4. November zu: Zur Eröffnung des Mediamarktes im Alexa-Kaufhaus am 4. November 2007, die in einem Tumult mit 17 Verletzten mündete. So ändern sich die Dinge, für die Menschen auf die Straße gehen – erst der Kampf um Freiheit, dann der Konsum. Und heute, so schließt Kuttner mit Blick auf die AfD, seien es wieder zu schließende Grenzen.

Gregor Gysi bilanziert noch, was der Westen aus seiner Sicht bei der Wiedervereinigung versäumt hat. Die Polikliniken, der größere Fortschritt bei der Gleichberechtigung – man hat das schon häufig gehört. Aber die Art, wie Gysi das in einem gedankenversunkenen Spaziergang über die große Bühne ausbreitet, ist gewinnend, geradezu berührend.

Am Ende rocken Knorkator das Haus. Die satirischen Heavy-Rocker glänzen nicht nur mit Glitzer-Outfits, sondern auch mit einer schmissigen Version des Disco-Hits "Ring My Bell" von Anita Ward.

Demo und Kundgebung am 4. November 1989

Die Initiative zu der Demonstration ging von Schauspielern und Mitarbeitern an Berliner Theatern wie der Volksbühne aus. Offizielle Veranstalter waren die Künstler der Theater, der Verband der Bildenden Künstler, der Verband der Film- und Fernsehschaffenden und das Komitee für Unterhaltungskunst. Die Schätzungen über die Teilnehmerzahlen schwanken zwischen 200 000 und einer Million. ⇥red

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