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Corona-Krise
Kunstschaffende in der Krise - drei Betroffene erzählen

Antje Scherer / 13.05.2020, 03:45 Uhr - Aktualisiert 19.05.2020, 09:32
Frankfurt (Oder) (MOZ) Viele freiberufliche Mitarbeiter von Museen, Theatern und Opernhäusern sowie beim Film sieht man nicht, weil sie nicht auf der Bühne oder vor einer Kamera stehen – und doch würde der Kulturbetrieb ohne sie zusammenbrechen. Die Zwangspause wegen der Corona-Pandemie setzt fast allen beträchtlich zu. Eine Recherche in Berlin und Brandenburg.

Die Kunstvermittlerin:

"Am Anfang hab’ ich es als unbezahlten Urlaub eingestuft und mit Vergnügen die Bücher gelesen, zu denen ich sonst nie gekommen bin. Dann kam aber recht schnell Panik auf."  Kolja Kohlhoff hat Kunstgeschichte studiert und arbeitet seit vielen Jahren in verschiedenen Bereichen der Kunstvermittlung für namhafte Häuser. Für die Berlinische Galerie betreut die 53-Jährige etwa beim Projekt "Museum im Sucher", eine langfristige Kooperation mit Schulklassen; in der Nationalgalerie hat sie zuletzt eine Gesprächsreihe zum Werk von Adolph Menzel angeboten. Außerdem unterrichtet sie an der Freien Universität und schreibt Bücher.

Ihre Einkünfte seien seit der Zwangspause auf "etwa 50 Prozent" gesunken, schätzt sie. Aktuell halte sie das Förderprogramm des Landes Berlin für Solo-Selbstständige aufrecht. "Das nimmt Druck raus", ist sie erleichtert – auch dass die 5000 Euro schnell ausgezahlt wurden. Wenn das Geld aufgebraucht ist, reiche das Ersparte noch eine Weile, "dann wartet nur die Grundsicherung", sagt sie nüchtern. Eine persönliche Perspektive sieht sie für dieses Jahr nicht mehr; auch wenn die Museen nun langsam wieder öffnen – wann Führungen und Vermittlungen wieder möglich sein werden, dafür gibt es derzeit keinerlei Ausblick.

Trotz eigener Zukunftsängste sei sie aber privilegiert, sagt sie, vielen Kollegen gehe es schlechter. Sie arbeitet weiter an einigen Projekten der Berlinischen Galerie mit, hat etwa Texte für Schulen und Kitas zu Kunstwerken für eine neue Homepage verfasst und "Insta-Führungen" gemacht – digitale Führungen, die über Instagram hochgeladen werden. Auch schreibt sie Briefe mit Aufgaben an die Patenklassen. Trotz dieser kreativen Corona-Ideen – das Museum sei ein Ort der Kommunikation, das könne das Digitale nicht dauerhaft ersetzen, sagt sie traurig.

Fühlt sie sich von der Politik ausreichend gesehen? An der aktuellen Situation zeige sich, dass der kulturelle Bereich insgesamt dramatisch unterversorgt ist, sagt sie. Der Großteil der Kreativen arbeite prekär. "Vielleicht schafft es ja Corona, dass dazu eine gesellschaftliche Diskussion in Gang kommt."

Die Kostümbildnerin:

Manchmal sei es jetzt schon soweit – dann denke sie über Umschulungen nach. Dabei ist Katharina Beth (48) eine gefragte Kostümbildnerin, die an renommierten Häusern in Deutschland und der Schweiz arbeitet. Normalerweise jedenfalls. Ihr zweites Standbein ist ein kleiner Laden in Berlin-Neukölln für Faire Mode, den sie mit einer Freundin betreibt. Jetzt läuft an den Theatern gar nichts, die Eröffnungspremiere am Hans Otto Theater Potsdam etwa, für die sie die Kostüme machen sollte, wurde gestrichen, und auch Mode wird nur wenig gekauft. "Vielleicht haben die Leute im Moment kein Geld – und mit Maske bummeln gehen, ist wohl auch komisch", sagt sie. Sie lebt aktuell vom Ersparten, ist dankbar, dass es im vergangenen Jahr ganz gut lief, und ist froh, dass ihr Mann als Tischler noch arbeiten kann. "Anderen Kollegen geht es schlechter", sagt auch sie.

Schwer sei, dass überhaupt nicht absehbar sei, wann der Theaterbetrieb wieder hochfahre. Mit dem Regisseur Malte Kreutzfeldt, mit dem sie eine langjährige Zusammenarbeit verbindet, versucht sie sich im Nachdenken über neue Formen, etwa Theater mit Kameraeinsatz. "Aber die Unsicherheit ist groß, und der Frust auch", es falle schwer, die freie Zeit wirklich kreativ zu nutzen.

Stattdessen beschäftigt sie sich mit Homeschooling, kümmert sich um den Online-Shop ihres Ladens und recherchiert für geplante Produktionen in Kiel und Dessau. Die Theater planten aber im Moment kurzfristig und seien bei Neuproduktionen zurückhaltend; "das kann ich auch verstehen – aber aus künstlerischer Sicht möchte ich was Neues produzieren!" Die Arbeit fehle ihr sehr, die Abläufe im Theater, der Austausch. Das könne man im Wohnzimmer nicht einfach so nachmachen. Für freie Kunst fehle ihr in der aktuellen Situation der Kopf.

Kostümbildner seien – trotz der aufwendigen Ausbildung – ohnehin schlecht bezahlt und verheerend abgesichert. Sie ist Verfechterin eines bedingungslosen Grundeinkommens, wünscht sich aber auch von den Theatern eine größere Wertschätzung ihrer Arbeit; die Honorarangebote seien – bedenke man die Arbeitszeit – teilweise unter dem Mindestlohn.

Die Filmeditorin:

Ihr jüngster Dokumentarfilm liegt komplett fertig in der Schublade – das Festival, auf dem der Beitrag zum Thema Männlichkeit und Sexualität seine Premiere erleben sollte, wurde aus bekannten Gründen abgesagt. Ihren letzten Auftrag fürs Fernsehen hat Carlotta Kittel auch schon erledigt. Über Langweile kann sich die 32-jährige Filmeditorin und Regisseurin – sie hat etwa die Verfilmung von Andreas Steinhöfels Roman "Die Mitte der Welt" geschnitten – trotzdem nicht beklagen. Sie erledigt Büroarbeit, dreht im Zweierteam einen eigenen Kurzfilm, und engagiert sich im Bundesverband Filmschnitt Editor (BFS). Dort hat sie die Arbeitsgruppe Post Corona gegründet und deswegen einen guten Überblick über die recht heterogenen Probleme ihrer Branche. "Projekte hat es in ganz verschiedenen Phasen erwischt", erzählt sie. Es gebe Filme, die abgedreht waren und bei denen die Postproduktion jetzt fast normal aus dem Homeoffice laufe; einiges im Bereich Werbung und Fernsehen gehe weiter. "Bei großen Spielfilmen für Kino und Fernsehen – da merkt man den Stillstand extrem".

Eine Besonderheit ihrer Branche ist, dass die Auswirkungen sich zeitversetzt zeigen; der jetzige Drehstopp werde erst in Monaten richtig durchschlagen. Film geht nur als Team – ohne Dreh keine Arbeit für Editoren. Und die Unsicherheit, wie die Filmwelt nach Corona aussieht, sei groß. Gibt es einen Heißhunger auf neue Filme? Auch auf schwierige Stoffe? Überleben die Kinos? Was ist mit den Festivals?

Akut gebe es noch mehr offene Fragen: Wie funktioniert Drehen unter Corona-Bedingungen? Wer finanziert den erhöhten Aufwand? Wie sollen Kollegen planen für Projekte, die oft Monate dauern? Bereits jetzt fragten Produktionsfirmen eine Verfügbarkeit für die zweite Jahreshälfte an, aber keiner könne garantieren, dass die Filme auch tatsächlich gedreht werden.

Das Hauptproblem der Branche aber sei: "Die Gagen sind so niedrig, dass kaum jemand Rücklagen bilden kann", sagt Kittel. Teilweise würden nicht mal die tariflich festgesetzten Mindestgagen eingehalten. Auch sie selbst rechnet, wie lange die Berliner Corona-Soforthilfe und das Ersparte reichen.

Etwas Positives an dieser Zeit findet sie aber auch – die unterschiedlichen Gewerke beim Film und deren Verbände stellten sich den vielfältigen Problemen recht solidarisch und konstruktiv.

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