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Der Kranz aus Berlin für Odessa bleibt im Gepäck

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dpa / 13.05.2014, 21:33 Uhr
Odessa (dpa) Die Treppe vor dem Gewerkschaftshaus von Odessa ist noch voller Ruß. Auch die Fenster sind noch schwarz. Die Blumen hingegen bleiben frisch. So schnell verwelkt Trauer nicht. Zu Beginn des Monats kamen hier in der Millionen-Metropole am Schwarzen Meer mindestens 48 Ukrainer ums Leben, als sich Pro-Russen und Pro-Europäer stundenlange Straßenschlachten lieferten. Am schlimmsten war es im Gewerkschaftshaus, wo viele Russland-Anhänger elendig verbrannten oder aus Angst vor den Flammen in den Tod sprangen.

Zwölf Tage nach der Katastrophe ist nun erstmals Besuch aus dem Westen da: Frank-Walter Steinmeier. Der Außenminister hat eigens einen Kranz aus Berlin mitgebracht. Morgens stand das Blumengebinde mit der schwarz-rot-goldenen Schleife noch in Tegel, eingepackt in Zellophan. Der Sinn der Geste: "Brücken zu schlagen über die verschiedenen Lager hinweg", wie das Steinmeier nennt. Aber das ist schwierig, wie sich zeigen wird.

Odessa mit den Platanen-Alleen und den vielen Bauten aus der Zarenzeit war früher eine der schönsten Städte der Sowjetunion, vergleichsweise weltoffen und tolerant. Jetzt ist sie zu einem der Symbole für die Tragödie geworden, die sich gerade in der Ukraine ereignet.

Begonnen hatte alles am Nachmittag des 2. Mai, als mehrere Tausend Fußballfans für ein Spiel am Abend in der Innenstadt unterwegs waren. Zugleich gab es eine Demonstration von Anhängern der Maidan-Revolution. Ihnen zogen mehrere Hundert Befürworter einer Föderalisierung der Ex-Sowjetrepublik entgegen. Irgendwann, warum auch immer und von wem, flogen die ersten Steine.

Wie es im weiteren Verlauf zu der furchtbaren Brandkatastrophe kam, ist bis heute nicht geklärt - genauso wenig wie die Frage, wer für die vielen Toten im Februar auf dem Maidan in Kiew die Verantwortung trägt. Fest steht, dass die Polizei untätig zusah, wie Molotow-Cocktails in das verbarrikadierte Haus flogen.

Das meint Steinmeier, wenn er vom "Irrsinn" in der Ukraine spricht. "Wir verstehen, dass die Menschen hier voller Empörung und Trauer sind." Die Hoffnung bestehe nun darin, dass die Tragödie zu einem "Umdenken in der ganzen Ukraine" führe. "Gewalt ist kein Ausweg", mahnt der SPD-Mann.

Aber im Gouverneurspalast von Odessa bekommt er gleich einen Eindruck davon, wie schwer das ist. Der neue Gouverneur Igor Palizja bittet ihn, darauf zu verzichten, vor dem Gewerkschaftshaus den mitgebrachten Kranz niederzulegen - man wisse nicht genau, wie die Leute in Odessa darauf reagieren. Steinmeier lässt es also sein.

Jetzt geht es auch darum, mäßigend auf die verschiedenen Lager einzuwirken. Vor dem Besuch in Odessa traf er sich in Kiew deshalb abermals mit Übergangsministerpräsident Arseni Jazenjuk und auch mit dem Milliardär Rinat Achmetow, der als zentrale Figur im separatistischen Osten gilt. Achmetow behauptete, den Separatisten kein Geld zuzustecken. Das hat man schon gehört.

Wichtigstes Ziel für die nächsten Tage ist nun, die Präsidentenwahl in anderhalb Wochen einigermaßen ordentlich über die Bühne zu bringen. Befürchtet wird, dass die moskautreuen Milizen im Osten und Süden verhindern, dass die Leute am 25. Mai zur Abstimmung gehen. Ob das gelingt? Steinmeier ist vorsichtig geworden: "Ich hoffe, dass die Wahl so stattfindet, dass es anschließend gelingt, eine nach vorn gerichtete Atmosphäre vorzufinden."

Dazu soll - noch vor der Wahl und allen Unabhängigkeitsreferenden zum Trotz - endlich so etwas wie ein "nationaler Dialog" in Gang kommen. An diesem Mittwoch soll es in Kiew, auch auf Steinmeiers Initiative, erstmals einen Runden Tisch geben, der die zerstrittenen Lager miteinander ins Gespräch bringt. Doch die von der Übergangsregierung in Kiew angekündigte Teilnehmerliste weist eine erhebliche Lücke auf - Vertreter der prorussischen Separatisten stehen nicht darauf.

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