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Wo Zepernick einst Baden ging

Andrea Linne / 07.09.2017, 06:40 Uhr
Panketal (MOZ) Gut erforscht und doch ein bisschen in Vergessenheit geraten ist die Geschichte der Badeanstalten in Zepernick. Was heute sehr wundert, auch in der Panke gingen die Kinder baden. Der Panketaler Geschichtsverein Heimathaus arbeitet das Kapitel für den Tag des Denkmals am 10. September neu auf.

Historiker Wilhelm Draeger, der schon vor Jahren starb, hat viel hierzu zusammengetragen. Im Band 3 "Beiträge zur Geschichte der Gemeinde Zepernick" wurden zahlreiche historische Fotos veröffentlicht, die noch heute zum Schmunzeln oder Staunen animieren.

Für den Tag des Denkmals, der am 10. September auch im Bahnhof Zepernick stattfindet, wollen die Aktiven um Vereinsvorsitzende Nadine Muth, Manfred Timreck und Peter Pohl dafür auf Schautafeln den Interessierten das spannende Kapitel näher bringen.

Vier unterschiedliche Badeanstalten sind nachgewiesen. Sie zeigen die wechselvolle Zeit ebenso wie den Wunsch nach Sport und Freude in der Freizeit. Letzte Reste liegen unweit des Schillerparks vergraben. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es trotz aller Bemühungen nur mit Problemen, ein Stadtbad zeitweise zu eröffnen.

Begonnen hatte alles an der Panke. Kinder und Erwachsene zog es ins Wasser, wie Draeger berichtet. Im Flussbogen entstand auf private Initiative hin ein Becken von 600 Quadratmetern. Das war zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Dieses "Seebad", wie es auf einem Foto von 1904 heißt, wurde von dem Grundstücksbesitzer in der Triftstraße 74 bis 76 privat betrieben. Seitenwände wurden durch Holzbohlen gesichert, eine Sichtblende schützte vor neugierigen Blicken. Östlich des Bades gab es eine Liegewiese, die zum Nachbargrundstück hin abgeschirmt war. Dazu hatte der Eigentümer einfach eine Fichtenreihe gesetzt, heißt es in den Annalen. Dazu entstanden ein kleines Gebäude samt Aufenthaltsraum und Dusche. Den Antrag, einen Aufseher für die Badenden zu beschäftigen, lehnte die Gemeindevertretung aber ab. Das ist 1910 verbrieft. 300 Reichsmark waren zu bezahlen und die Triftstraße zu pflastern, um eine Ausnahmegenehmigung zu erhalten. Da der Besitzer die Pflasterung nicht leisten konnte, wurde das Pankebad geschlossen.

1924 entschied die Gemeinde, am damaligen Mühlenweg, der heutigen Straße der Jugend, ein Schwimmbad in der Nähe der Panke zu errichten. Der Wasseraustausch sollte zwischen Panke und Bad erfolgen, ein 40 mal 80 Meter großes Becken ist auf historischen Fotos klar zu erkennen. Schwimmer und Nichtschwimmer konnten ungestört plätschern gehen, es gab Umkleiden und Freiflächen sowie einen Bewirtungsbetrieb. Große Einweihungsfeier war 1925. Parallel war der Sportverein Schwimmfreunde Zepernick gegründet worden, zuvor der Arbeitersportverein.

Am ersten Badesonntag kamen laut der bekannten Fakten immerhin 1100 Besucher. 20 000 Gäste gingen in der Saison 1927 schwimmen. Das war ein enormer Zulauf und zeigt noch heute den Bedarf an einer illustren Freizeitlokalität an. Auch aus Berlin brachte die S-Bahn Badelustige heran.

Doch die naturbelassene Beckensohle machte Sorgen, wie Draeger herausfand. Das Wasser verunreinigte, Spundwände waren reparaturbedürftig. Trotz jährlicher Reinigung im Frühjahr war das Bad nicht zu halten. 1936 schloss das schöne "Seebad" von Zepernick.

Neue Pläne kamen 1938 auf den Tisch. Erst war von Rekonstruktion die Rede, dann von Umbau. Ein neuer Standort kam ins Gespräch. Der Kirchengemeinde wurde ein Stück Land ohne Genehmigung entzogen, um ein neues Bad zu errichten. Das Wasser allerdings entnahmen die Betreiber erneut aus dem Flüsschen Panke.

Eine Bitumen-Schicht sollte den Grund abdichten, auch ein Sprungbrett über einen und drei Meter gab es. Toiletten, Duschen, Kassenraum und Pumpenanlage - das Bauverfahren wurde lückenlos dokumentiert. Am 2. Juni 1940 öffnete das dritte Bad in Zepernick. Sogar eine Badeordnung wurde erlassen. Doch weil während des Zweiten Weltkriegs keine Reparaturen ausführbar waren, schloss das Bad 1944 endgültig wieder. Nach aktuelleren Forschungen, ergänzt der 84-jährige Peter Pohl, sei das Heeresbekleidungsamt für Verschmutzungen der Panke verantwortlich gewesen.

Auch zur Vereinsgeschichte weiß der 84-Jährige einiges zu erzählen. So zum Beispiel zum Umgang der Nationalsozialisten mit dem Arbeitersportverein und dem Umgang mit Juden oder Andersdenkenden.

Die Idee, nach dem Krieg das Bad in der Nähe des Bahnhofs Zepernick wiederherzustellen scheiterte. Ab 1950 gab es Ideen dazu, ein Schwimmbad zu errichten. 130 000 DM sollte das Unterfangen kosten. In der Straße der Jugend war es geplant. Erwin Pohl warnte vor diesem Standort, wie Draeger berichtete. Vater Erwin Pohl, weithin bekannter Sammler ungewöhnlicher Stücke und Geologe, hatte hierzu geforscht. Zahlreiche Postkarten stammen aus seiner Leidenschaft, alles zusammenzutragen und zu bewahren.

1953 war das Geld vorhanden, eine Firma aus Berlin-Kaulsdorf sollte bauen. Wie sich später herausstellte, erfolgte das nur mangelhaft. Schon 1955 zeigte das Becken Risse. Kurz nach Eröffnung am 1. Juli musste es wieder schließen. Unzählige Gutachten folgten, die Versicherung zahlte nur einen Bruchteil der Kosten. Der Beton war nicht gut. Später habe der Anglerverband das Becken zur Aufzucht von Jungfischen genutzt, weiß Pohl zu ergänzen.

Trotz Stilllegung sprangen Kinder und Jugendliche aber in die Fluten. Niemand kümmerte sich darum, Hygiene und Sicherheit blieben außen vor. Dann war Schluss mit Baden. Seit 1998 befindet sich auf dem Schwimmbad ein Park.

Ausstellung zur Geschichte der Zepernicker Freibäder "Pack die Badehose ein" im Bahnhof Zepernick (1. Obergeschoss, nicht barrierefrei) von 10-16 Uhr vom Panketaler Geschichtsverein "Heimathaus" mit zusätzlichem Flohmarkt der Bürgerstiftung Panketal.

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