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Weihnachtswünsche
Ein schönes Kleid und endlich Frieden

Ein Kleid, ein Ball und eine Zukunft: Die neunköpfige Familie Shihab aus Schwanebeck wünscht sich, in Deutschland zu bleiben. Aktuell ist sie nur geduldet.  Vater Ahmad Shihab, Nour, Muntaha, dahinter Mutter Fadia Alhamad mit Hiba, davor Omar, dann Esra und Waed sind froh, dass sie sich und gute Freunde haben.
Ein Kleid, ein Ball und eine Zukunft: Die neunköpfige Familie Shihab aus Schwanebeck wünscht sich, in Deutschland zu bleiben. Aktuell ist sie nur geduldet.  Vater Ahmad Shihab, Nour, Muntaha, dahinter Mutter Fadia Alhamad mit Hiba, davor Omar, dann Esra und Waed sind froh, dass sie sich und gute Freunde haben. © Foto: Andrea Linne
Andrea Linne / 23.12.2018, 20:00 Uhr
Schwanebeck (MOZ) 3700 Kilometer sind es von Al-Rakka in Syrien nach Schwanebeck in Brandenburg. Drei Wochen brauchte die damals noch siebenköpfige Familie Shihab. Heute leben in den kleinen, warmen Räumen mit zwei zerschlissenen Sofas neun Menschen. Wärme, Offenheit und Vertrauen erfährt der Besucher, wenn sich die Tür öffnet.

Mutter Fadia Alhamad - die Frauen behalten ihren Namen über die Eheschließung hinaus – war beim Zahnarzt. Sie hat Schmerzen. Dennoch begrüßt sie den Gast im Haus freundlich und zurückhaltend. Für das Foto setzt sie ihr Kopftuch auf, ihre braunen Haare trägt sie nur offen im Kreis ihrer Familie. Quicklebendig purzelt die fünfjährige Esra über ihre Schwester Nour, die als überzeugte Erstklässlerin munter Fragen stellt und alles wissen möchte. Muntaha ist acht Jahre alt, ihre Schwester Waed 13. Der neunjährige Omar, bekennender Fußballer bei der SG 98 Schwanebeck, und der zweijährige Saad, der so gerne alles in sich hineinfuttert, beobachten genau. Die dreijährige Hiba möchte sich so gern ein Kinderzimmer mit ihrer Schwester Nour teilen, die ein bisschen genervt reagiert. Die größeren Kinder schlafen in einem Raum, die Eltern mit den drei Kleinsten im anderen. Eine winzige Küchenecke und ein Sanitärbereich komplettieren die 60 Quadratmeter. Alles ist fast wie in einer ganz normalen Familie.

Bescheiden gibt sich Vater Ahmad Shihab. Der schmale dunkelhaarige Mann nimmt immer wieder eines seiner Kinder, lässt es in die Luft fliegen – glockenhell dringt lautes Quieken und Lachen durch den Raum. Der 40-Jährige hat ein Praktikum im Bauhof von Panketal absolviert und gerade seinen deutschen Führerschein geschafft. Deutsch lernt er mit Bravour, auch wenn schwierige Worte noch manchmal holprig zwischen den weißen Zähnen hervorholpern. Seine Ehefrau Fadia ist 29 Jahre alt. Kinder möchte sie jetzt keine mehr. Obwohl, wie die Eltern berichten, die Kinder ihr Glück sind – und ihre Altersvorsorge.  Im Stammbuch der Familie wäre Platz zum Eintragen von 20 Kindern. Beide lachen.

Mitten im Getümmel steht Klaus Ulrich. Der 70-jährige Schwanebecker, gebürtig in Sachsen-Anhalt, kam eher durch Zufall zu „seiner“ Familie. Er sollte 2016 einmal für die Familie fahren - und irgendwie blieb es dabei.  Seither  übernimmt er Amtswege, übersetzt, fährt und hilft mit seinen Kontakten. Die evangelische Kirchengemeinde Schwanebeck hat die Räume an den Landkreis Barnim vermietet, der für die Unterbringung der Flüchtlinge auf die Hilfe vieler setzt. Auch auf ehrenamtliche Helfer wie Klaus Ulrich. Der kleine Saad liebt den „Opa Klaus“. Fährt Ulrichs Auto vorbei, ist der stramme Bursche ganz aus dem Häuschen.

Gemeinsam mit der Gemeinde Panketal und dem Landkreis wird nach einer neuen Unterkunft für die neunköpfige Familie gesucht. Auch eine Arbeit möchte Ahmad unbedingt haben. Er wünscht sich nichts sehnlicher als einen Job. „Ich möchte nicht zum Jobcenter gehen, ich möchte, dass alles in Ordnung kommt und dass der Krieg endet“, sagt er leise, während die muntere Nour an ihm herumzupft. „Ich wünsche mir ein schönes Weihnachtskleid mit einer Mütze“, ruft die Sechsjährige dazwischen und formt ihre Hände zu einem umgestülpten Tütchen über dem Kopf. Omar hätte so gern einen richtigen Fußball, vielleicht von der WM, raunt er ganz leise dazwischen, Muntaha ein Topmodel-Heft. Berührend ist die Bescheidenheit der Mädchen und Jungen. Mutter Fadia ist leise. Dann sagt sie: „Ich wünsche mir Ruhe.“ Erschöpfung steht wie ein Ausrufezeichen tief auf ihrer Stirn. Die „Große“, Waed, streicht über das Haar ihrer Mutter. Sie hilft, wo sie kann.

Die Familie ist in Deutschland geduldet.  So wie 800 000 Menschen seit Beginn des Bürgerkriegs 2011. Der vorübergehende Schutz in Deutschland erlaubt, dass die Erwachsenen arbeiten. Al-Rakka, die Stadt, aus der Familie Shihab kommt, war eine grüne Studentenstadt am Ufer des  Euphrat. Heute liegt sie in Trümmern. Alle Kriegsbeteiligten bombardierten die IS-Hochburg. Der Bruder von Fadia starb während eines Flugzeugangriffs. Die neun Brüder und Schwestern von Vater Ahmad sind in alle Winde zerstreut, in den Libanon, in die Türkei oder nach München geflüchtet. „Wir haben alles verkauft und sind über die Türkei, das Mittelmeer nach Griechenland und weiter nach Deutschland. Meine Frau war schwanger, wir haben die Kinder getragen“, erzählt der Syrer. Er trägt Allah im Herzen, sagt er, Fadia zieht sich zum Beten zurück. Auf dem 16 Meter langen Boot während der Flucht saßen 45 Flüchtlinge. Über das Mittelmeer ging es nachts. „Wir haben nichts gesehen, ich dachte, wir überleben das nicht“, erzählt der Sohn eines Baumwoll- und Oliven-Bauern. Die Kinder wissen kaum noch davon. Es sei kalt gewesen, flüstert Muntaha. Die Stationen ihres kurzen Lebens sind aufgereiht wie Kugeln auf einer Perlenkette. In Deutschland ging es 2015 von Eisenhüttenstadt über Joachimsthal, Eberswalde, Wandlitz nach Schwanebeck weiter. Klaus Ulrich: „Die Kinder gehen zur Schule im Ort und ins Kinderhaus Fantasia, sie fühlen sich wohl hier und sind voll integriert.“ Die lebendige Nour mit ihren großen braunen Augen drängt es: „Schule ist toll, da kann man etwas erleben!“  Schnell holt sie die Melodika hervor und spielt eine Sequenz. Akzentfrei plappern die Kinder deutsch, mit den Eltern reden sie arabisch.

„Ahmad hat goldene Hände“, setzt der Schwanebecker Senior nach. Er könne nicht nur Motoren reparieren, auch säen und ernten, eben anpacken, erzählt der 70-Jährige weiter. Die Hoffnung, dass Ahmad bald eine Arbeit bekommt, von der die Familie teilweise leben kann, ist groß, berichtet der Vorsitzende des Fördervereins Dorfkirche Schwanebeck. Auch Mutter Fadia sagt, dass sie gern einen Job hätte, wenigstens für einige Stunden. Sie lernt fleißig deutsch, es geht noch langsam. Seit sie mit 13 Jahren heiratete, ging sie nicht mehr zur Schule.  Das Verpasste möchte sie nun gern nachholen.

Auch wenn Weihnachten in dem muslimischen Häuschen von Familie Shihab nicht gefeiert wird, so sind die Kinder doch mittendrin im Trubel. Bescheiden und klein klingen ihre Wünsche. Der Kontakt in die frühere IS-Hochburg Al-Rakka ist gegenwärtig. Dort, am Ufer des Euphrat, sind die Felder verbrannt. Auch daran denkt Ahmad Shihab, wenn er seine fröhliche Schar sieht. Er lächelt still und träumt von einem neuenLeben.

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