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Baumrettung
Kampf um 200-jährige Eiche

Die Zwillingseiche, die "bleiben" möchte, trägt die Nummer 80. Von der Stadt hieß es am späten Donnerstagnachmittag, sie darf bleiben, doch die Nummer 78 fällt.
Die Zwillingseiche, die "bleiben" möchte, trägt die Nummer 80. Von der Stadt hieß es am späten Donnerstagnachmittag, sie darf bleiben, doch die Nummer 78 fällt. © Foto: Manuela Bohm
Manuela Bohm, Silvia Passow / 15.08.2019, 19:18 Uhr
Falkensee Im Musikerviertel Falkensees herrschen wohl Frust und das Gefühl der Machtlosigkeit. Dafür haben die Komponisten nach denen die Straßen und Wege im Norden Falkensees benannt wurden, sicher auch die passenden Musikstücke einstmals komponiert. Worauf sich der Frust bezieht - auf den Neubau des Niederneuendorfer Weges und dem Umgang der Behörden der Stadt mit den Anwohnern. Sie kämpfen, nach eigenen Aussagen, für jeden Baum an ihrem Weg. Doch muss ein Kampf um den nächsten aufgegeben werden. Alternativen seien kaum geprüft und gar Planungen, die die Bürger selbst aufstellten, gar nicht in Erwägung gezogen. Das ist zumindest der Eindruck der Anwohner.

Die Anliegerstraße Niederneuendorfer Weg soll befestigt werden. Planungen weisen hier am Waldrand einen Straßenkörper von bis zu 19 Meter Breite aus. Dabei sind Mulden zur Entwässerung und die Fahrspuren geplant. Allerdings stehen hier alte Bäume. Um Bäume am Verkehrsraum zu erhalten sei der neue Straßenkörper so nah wie möglich an die Grundstücke geplant, wie es von Seiten der Stadt Falkensee heißt. Dennoch sind bereits Bäume gefällt worden. Von knapp 60 Bäumen sei die Ursprungsplanung wohl ausgegangen - die Anwohner versichern, es waren mehr, die fielen. Aktuell soll eine 200 Jahre alte Eiche weggenommen werden. Die Anwohner versuchten sich zu wehren. Der Erfolg bleibt ihn vergönnt.

"Über den Ticker der Stadt haben wir von der geplanten Fällung der Eiche an der Kreuzung zur Mozartallee am Donnerstag vergangener Woche erfahren", sagt Petra Platzek. Sie und weitere Anwohner setzten sich seither vehement für den Erhalt des Baums mit der Nummer 78 ein. Dazu haben sie auch im Grün- und Tiefbauamt der stadt nach Alternativen gefragt. Erfahren haben sie dort eine wichtige Information. Am 8. August wurde nicht nur die Fällung des Baum genehmigt, sondern sogar erst deren Notwendigkeit festgestellt. "Es gibt keine Transparenz. Die Entscheidung ist ad hoc getroffen worden", bemängelt Platzek das Vorgehen. Eigentlich sollten die Fällarbeiten bereits am Ende der vergangenen Woche erfolgen. Die Suche nach einer Alternativlösung können die Anwohner nicht erkennen. Sie haben derweil die Eiche mit Botschaften geschmückt, sich selbst mit Stühlen und Tischchen in Schatten der Krone eingerichtet. "Es ist immer einer von uns vor Ort und passt auf", sagt Alexandra Neuenburg, die hier wohnt. Meist sind es die älteren Nachbarn, die Wache schieben. Sie werden von den Jüngeren versorgt. Einige jener, die tagsüber arbeiten gehen, bauen gerade Überstunden ab, setzten sich dann ebenfalls unter den Baum.

Schachtungsgrabungen am Baum ergaben, dass die Wurzeln unter dem Straßenkörper verlaufen würden. Doch: durch die "Auskofferung des Straßenkörpers im gesamten Kreuzungsbereich des Niederneuendorfer Weges und der Mozartallee wurde erst der genaue Wurzelverlauf soweit erkennbar, dass eine abschließende Beurteilung möglich war", heißt es auf Nachfrage von der Stadt. Die standsicherheitsrelevanten Wurzeln würde soweit in den geplanten Straßenkörper reichen, dass trotz Einengung die Wurzel entfernt werden muss - die Standsicherheit sieht die Stadt somit gefährdet. Die Kreuzung Mozartallee und Niederneuendorfer Weg  ist sicher keine, an der viel Verkehr zu erwarten ist, dennoch sollten größere Fahrzeuge, wie die der Müllabfuhr oder Rettungsdienste, problemlos abbiegen können.

Längst geht es aber nicht nur um die Eiche mit der Nummer 78. Bürgermeister Heiko Müller war am Mittwoch vor Ort und sprach mit den Anwohner. Allein er versicherte an jenem Tag, dass bis zu diesem Tag eingeschalte und damit von den Bauarbeiten geschützte Bäume nicht fallen würden. "Das passiert in Abschnitten. Wir wiegen uns in Sicherheit, weil die Bäume ja eingeschalt sind. Dann erhalten sie einen Kronenschnitt. Tage später kommt wieder eine Firma und fällt den Stamm, später erfolgt die Beseitigung von Stumpf und Wurzel", erklärt Christiane Kinzel, Anwohnerin der Mozartallee. Tatsächlich erfüllt die Siedlung am Donnerstagmorgen das Kreischen einer Kettensäge. Die am Mittwoch getätigte Aussage des Bürgermeisters eingeschalte Akazien würden nicht gefällt, wurde ad absurdum geführt. Die Arbeiter nahmen die Einschalung ab und kassierten die Akazien, schredderten noch vor Ort das Holz.

Die Schneise für den 19 Meter breiten Straßenkörper wird sichtbarer - allein weitere Eichen, wahrscheinlich ebenso alt wie Nr. 78 würden, blieben sie tatsächlich erhalten, mitten in diesem stehen. Auch sie sind eingeschalt. Ob die Anwohner, wie Petra Platzek noch in der vergangenen Woche sagte, weiterhin an der Findung einer gemeinsamen Lösung glauben, erscheint, angesichts einiger Kommentare mindestens fraglich.

"Ich habe die Befürchtung, dass hier die kleine Nordumfahrung Falkensees vorbereitet wird", sagt eine Anwohnerin, die zur Gruppe jener hinaus auf den Sandweg tritt, die den Arbeitern fassungslos zuschauen.

Der Plan zum Neubau der Anliegerstraße Niederneuendorfer Weg besteht seit eineinhalb Jahren. Bereits nach der Einwohnerversammlung im Frühjahr 2018 begann sich Unmut breit zu machen. Die Anwohner organisierten eine eigene Planung zum Neubau - sie sah eine wesentlich schmalere Lösung der Straße vor. Die genannten, nun gefällten Akazien zwischen Mozart- und Beethovenallee hätten nicht im Weg gestanden. Die Anwohner stellten ihre Planung vor - vor der Stadtverordnetenversammlung im Frühsommer 2018 und informierten zusätzlich einzelne Abgeordnete, wie die damalige Vorsitzende des Gremiums, Barbara Richstein und die Grünen-Politikerin Ursula Nonnemacher. Auch die Idee einer Fahrradstraße wurde angeregt - um den Tourismus, den sanften per Rad, einen Vortrieb zu geben.

Fällt nun zum Schluss der auch in sozialen Medien bitter geführte Diskussion die Eiche Nr. 78, bleibt allein der Frust. "Solch Informationsveranstaltungen und das Einräumen eines Mitspracherechtes können sie sich schenken, wenn wir nicht wahrgenommen werden", so die am Donnerstagmorgen wachenden Anwohner.

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