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Rieselfeldlandschaft Hobrechtsfelde wird als Projekt für Biologische Vielfalt ausgezeichnet. Gelebte Biodiversität hat viele Mütter und Väter.

UN-Dekade
Wendehälse auf Büffelhörnern

Andrea Linne / 23.08.2019, 08:00 Uhr
Hobrechtsfelde (MOZ) Antonia Gerke nimmt ihre Aufgabe sehr ernst. Die Gründerin der Pferdekultur am Speicher Hobrechtsfelde ist Botschafterin des Naturparks Barnim. Während sich Minister, Landtagsabgeordnete, Bürgermeister, Vereinschefs und Betriebsleiter um sie scharen, steht ein kleiner farbig gestreifter Holzbaum auf der Biergartenbank. Er symbolisiert, dass die Rieselfeldlandschaft Hobrechtsfelde als UN-Projekt Biologische Vielfalt ausgezeichnet wird.

Was das praktisch heißt, fasst Romeo Kappel nach vielen Reden und anschließenden Gesprächsrunden zusammen. "Es ist für alle unsere Kollegen Anerkennung und Würdigung zugleich. Wir haben unzählige Stunden in diese 800 Hektar Waldweide gesteckt. Und das neben unserer normalen Arbeit auf 8500 Hektar des Forstamtes Pankow", fasst der Leiter des Forstamtes Pankow zusammen. Viele Akteure haben an der Rekultivierung der Rieselfelder seit 1986 mitgewirkt und zwischen Hobrechtsfelde und Schönerlinde auf einstigen Verrieselungsflächen für Abwässer und Fäkalien fünf Millionen Bäume gepflanzt. Viele davon gingen ein, weil im Boden Restklärschlamm dem Grün zusetzte. "Nur etwa die Hälfte der Bäume ist tatsächlich angewachsen", so Kappel. Dazu gehören weite Teile des Gutes Hobrechtsfelde und des Naturparks Barnim.

Daraus hat sich eine halboffene Waldweidelandschaft entwickelt, in der sich 135 Rinder und Wasserbüffel sowie 65 Wildpferde durchs Leben fressen und so als Pfleger seltenen Vögeln, Insekten, Amphibien, Pflanzen und Heide den Boden bereiten. Auch seltene Schmetterlinge und Fledermäuse fühlen sich wohl. Für den Agrarwissenschaftler Maximilian Wonke, Bürgermeister von Panketal, auch ein kleines Wunder, an dem viele Akteure mitgewirkt haben. Die Idee vor 90 Jahren, auf Rieselfeldern Landwirtschaft zu betreiben und eine Art Kreislaufwirtschaft zu etablieren, ringe ihm heute noch Hochachtung ab, so der 32-Jährige. Die Intensivierung in der DDR zerstörte jedoch die ökologische Vielfalt und ließ die Böden verkommen. Die Biodiversität heute neu zu leben, sei der Gemeinde Auftrag und Herausforderung zugleich.

Ideen mit Zukunft

Mehr als 300 Besucher kommen aktuell an einem Sonntag nach Hobrechtsfelde, um Natur und Gastronomie zu genießen. Im Speicher steht laut Petra Bierwirth, Vorsitzende des Fördervereins, der Einbau des Fahrstuhls an. Außerdem sollen 80 000 Euro für Fenster und Dachrinnen eingeworben werden. Während sich Förster, Politiker und freiwillige Helfer gemütlich auf den Bänken am Speicher niederlassen, stehen unweit die Pferde und Ponys von Antonia Gerke. "Ich hoffe, dass der Naturschutz Auftrieb erhält und wir mit dieser Auszeichnung werben können", macht die Botschafterin klar. Aus der "No-go-Area", so Barnims Landrat Daniel Kurth (SPD), sei ein Anziehungspunkt geworden. "Hier ist etwas wirklich gelungen", sagt er. Über die Raubwürger, Wendehälse und Braunkehlchen, die sich in Hobrechtsfelde wieder angesiedelt haben, machte er seine Späße. "Wir werden sehen, wer sich am 1. September durchsetzt" – und erntete viele Lacher.

Dass die Natur auch überlebt, dafür sorgen Förster wie Ranger des Naturparks Barnim und aus Pankow. Seit einigen Wochen betreuen fünf junge Ranger elf Landschafts- und Naturschutzgebiete im Raum Pankow auf insgesamt 2300 Hektar Fläche. Sie spüren Müllfunde auf und kartieren die Landschaft. Besucher finden in diesem Grüngürtel bis in den Barnim ihre Erholung.

Rieselfelder rund um Berlin

Die Pläne zur Verrieselung vor den Toren der Großstadt Berlin stammen von James Hobrecht, der zwischen 1825 und 1902 lebte. Er entwarf als Stadtbaurat das Entwässerungssystem für die Stadt Berlin. Von 1875 bis 1985 dienten die Sandböden am Rande der Barnimer Hochfläche der Filterung der Abwässer. Mit Unterstützung seines Bruders Arthur Hobrecht, der 1872 Berliner Oberbürgermeister wurde, und des Arztes Rudolf Virchow wurde er 1869 mit der Umsetzung von zwölf Radialsystemen betraut. In jedem dieser zwölf Gebiete gab es unterirdische Kanäle und Pumpstationen. Das Hausab- und das Regenwasser kam so über Pumpleitungen auf die Rieselfelder.⇥li

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