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Die Schüler des Wandlitzer Gymnasiums erhielten von Autor Sally Perel eine Geschichtsstunde wie sie fesselnder kaum sein könnte.

Zeitzeugengespräch
Wandlitzer Schüler bekommen Geschichtsstunde von "Hitlerjunge Salomon"

Klaus Kleinmann / 25.09.2019, 20:15 Uhr
Wandlitz (Freier Autor) Manche Menschen nehmen einen vom allerersten Moment an durch ihren Charme und ihre Ausstrahlung gefangen - Sally Perel gehört dazu. Da besteigt ein freundlicher, älterer Herr, von den Jahren gebeugt, aber keineswegs erdrückt, die Bühne. Er lächelt ins Auditorium, und sofort sind alle auf ihn fokussiert. Sicher hat ihm genau diese Aura auch ganz wesentlich dabei geholfen, als Jude unerkannt durch die NS-Zeit und den Krieg zu kommen. Da sitzt er nun, 94 Jahre alt, in der Aula des Wandlitzer Gymnasiums und erzählt seine unwahrscheinliche und gerade deswegen so ungemein spannende Geschichte.

Dienst in der Wehrmacht

1925 in Peine geboren, wanderte die Familie 1936 vor den Nazis ins polnische Lodz aus. Als Hitlers Truppen 1939 dort einrückten, wurden Sally und sein Bruder in das sowjetisch besetzte Ostpolen weitergeschickt. Bei der Trennung gab ihm seine Mutter die Losung "Du sollst leben!" mit auf den Weg. Immer wieder kam Sally Perel in seinem Vortrag auf diese Worte zurück und bezeichnete sie als wichtigste Quelle seines Überlebenswillens.

Schon bald überfiel Hitlerdeutschland nämlich die Sowjetunion und verdrängte die Rote Armee aus Ostpolen. Die Brüder Perel flohen weiter und wurden in Minsk von den Deutschen gestellt. Die dortige Bevölkerung wurde selektiert und die Juden im Wald erschossen. Sally gab sich als Volksdeutscher mit Namen Joseph Perjell aus. Man glaubte ihm. Er wurde einer Wehrmachts-Kompanie zugewiesen, bekam eine Uniform und den Spitznamen Jupp. Als im ersten Kriegswinter vor Moskau das Märchen vom Blitzkrieg zu erstarren begann, kommandierte ihn sein Hauptmann nach Braunschweig an die dortige Akademie der Hitlerjugend. Das rettete ihm gewiss das Leben. Die Indoktrination durch die NS-Ideologie jedoch erfolgte dort so massiv, dass er begann, sie in wesentlichen Teilen zu übernehmen. Das führte zu einer Art Schizophrenie, die ihn heute noch verfolgt. Als Jude von der Lehre des deutschen Herrenmenschen und der vernichtungswürdigen  Schlechtigkeit des Judentums überzeugt zu werden, muss tiefe Risse in seiner Persönlichkeit hinterlassen haben. Die ständige Angst vor Entdeckung kam dazu.

Die Aula des Wandlitzer Gymnasiums war bis auf den letzten Platz mit Schülern der Oberstufe besetzt, und alle lauschten Sally Perels Vortrag zwei volle Stunden lang wie gebannt. Er verstand es hervorragend, seine Zuhörer ohne jedes Pathos, aber mit großer emotionaler Eindringlichkeit und gekonnt eingestreutem Witz an sich zu binden. Begeisterter Applaus belohnte ihn, und eine nicht enden wollende Schlange von Schülern, die ein Exemplar seines Buches erwarben und es sich signieren lassen wollten, reihte sich vor dem Podium auf. Mit Recht hatte Sally Perel am Anfang gesagt, der Zeitzeuge sei der beste Geschichtslehrer. Sein Ziel, die junge Zuhörerschaft über die Verbrechen der Nazi-Zeit aufzuklären und vor der Wiederholung solcher Fehler zu warnen, dürfte er erreicht haben. Den Lehrern der Geschichts-Leistungskurse ist für die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Zeit und die Einladung Sally Perels an das Wandlitzer Gymnasium zu danken.

Sally Perel: Ich war Hitlerjunge Salomon. Taschenbuch, Heyne Verlag, Ausgabe 2016, ISBN: 978-3-453-53483-4

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