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36 Flüchtlinge aus fünf Ländern beziehen Wohnverbund im Brandenburgischen Viertel / Dolmetscher als Helfer willkommen

Schicksalsgemeinschaft auf Zeit

Tipps für den Alltag in der neuen Heimat: Für die Familie Kanaev aus Tschetschenien ist die Sozialarbeiterin Alena Engel (links) längst zu einer Vertrauensperson geworden. Nicht nur für sie. Die Betreuerin hält ein Baby von anderen Asylbewerbern im Arm, a
Tipps für den Alltag in der neuen Heimat: Für die Familie Kanaev aus Tschetschenien ist die Sozialarbeiterin Alena Engel (links) längst zu einer Vertrauensperson geworden. Nicht nur für sie. Die Betreuerin hält ein Baby von anderen Asylbewerbern im Arm, a © Foto: MOZ/Thomas Burckhardt
Sven Klamann / 08.11.2013, 07:02 Uhr
Eberswalde (MOZ) Nahezu ohne Pause prasselt der Regen an den Altneubau, der seit gut einem knappen Monat nicht mehr leer steht: Den meisten der 36 Mieter auf Zeit ist die Herbst-Tristesse egal. Sie sind endlich in Deutschland und hoffen auf Asyl. Und fühlen sich wohl im Wohnverbund.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich der Aufgang an der Straße Zum Schwärzesee nicht von den anderen im Plattenbau.Nur dass die zehn Wohnungen rund um die Uhr durch einen Wachschutz gesichert werden, fällt jedem auf, der an der Eingangstür läutet. Wer dem Diensthabenden unbekannt ist, muss sich ausweisen. Im Hausflur holt eine junge Frau aus Nigeria gerade ihr Baby aus dem Kinderwagen. Sie hat keine Lust, sich auf ein Gespräch einzulassen, antwortet auf die Frage nach ihrem Befinden nur mit "Alles gut. Keine Probleme" und verschwindet mit einem scheuen Lächeln.

Im Erdgeschoss hat Petra Stabenow ihr Büro. Die Leiterin des aktuell mit 70 Asylbewerbern besetzten Übergangsheimes in Wandlitz steht auch dem Wohnverbund im Brandenburgischen Viertel vor, der für 22 Flüchtlinge aus Tschetschenien, vier aus Somalia, vier aus Kenia, drei aus Nigeria und drei aus Serbien vorübergehend zur neuen Heimat geworden ist. Die Beschäftigte des Kreises Barnim ist mit Herzblut dabei, es der Multi-Kulti-Truppe im Wohnverbund so leicht wie möglich zu machen, sich einzugewöhnen. Sie könnte stundenlang vom ergreifenden Schicksal mancher Bewohner berichten. Aber eine Sozialromantikerin ist sie nicht. "Wir helfen den Flüchtlingen keineswegs, wenn wir sie aus lauter Fürsorge in Watte packen, sie verhätscheln und für sie jedes noch so kleine Problem lösen", betont Petra Stabenow, die in Eberswalde zwei Sozialbegleiter an ihrer Seite hat. Zweimal in der Woche ist auch die Sozialarbeiterin Alena Engel im Haus, um sich der Sorgen der Bewohner anzunehmen.

Die Neu-Eberswalder werden vom ersten Tag an zur Selbstständigkeit ermuntert. Sie verfügen frei über das Geld, das ihnen nach dem Asylbewerber-Leistungsgesetz zusteht. Sie versorgen sich selbst und sie kommen und gehen, wann sie wollen. Mit der Einschränkung, dass sie laut Hausordnung um 22 Uhr zu Hause sein müssen und dass sie eine schriftliche Erlaubnis brauchen, wenn ihre Ausflüge sie außerhalb des Barnims führen. "Verstöße gegen die Residenzpflicht wirken sich negativ auf das Asylverfahren aus", sagt die Wohnverbundsleiterin. Aber das wüssten die Flüchtlinge auch und hielten sich daran.

Noch bleiben die acht schulpflichtigen Kinder aus der internationalen Wohngemeinschaft dem Unterricht fern. Es ist die Aufgabe des Staatlichen Schulamtes, die Mädchen und Jungen auf ihre Schultauglichkeit untersuchen zu lassen und sie auf die Eberswalder Bildungsstätten zu verteilen. "Uns wurde zugesagt, dass dies möglichst bald geschieht und dass Geschwisterkinder, wenn es irgend geht, in einer Schule untergebracht werden", erzählt Petra Stabenow.

Der Wohnverbund ist für die Asylbewerber bloß eine Zwischenstation. Wenn anderswo Wohnungen verfügbar sind, dürfen sie dorthin umziehen. Und weitestgehend eigenständig leben. "Wir stehen ständig im Kontakt mit vielen Vermietern", sagt die Kreisbeschäftigte.

An Spenden herrscht kein Mangel. Das für die Flüchtlinge bestimmtes Mobiliar füllt mit Kleidung und Spielzeug inzwischen zwei Lagerhallen. Jüngst hat die TAG Immobilien AG, ein Großvermieter im Brandenburgischen Viertel, das Inventar mehrerer Musterwohnungen zur Verfügung gestellt. Mit den Schränken, Tischen, Stühlen und mehr werden die Wohnungen der Asylbewerber ausgestattet. Das Geschenk fällt schon wegen seiner Größe aus dem Rahmen, weswegen sich sogar Sylvia Ulonska, die Sozialdezernentin des Kreises Barnim, zu Wort meldet. "Es ist mir eine Herzensangelegenheit, den zuständigen Mitarbeitern der TAG Immobilien AG für die schnelle und unkomplizierte Unterstützung zu danken", teilt sie mit.

Dringender als Sachspenden aller Art werden Dolmetscherdienste benötigt. "Wer zum Beispiel Serbisch oder Arabisch spricht und ein wenig Zeit erübrigen kann, ist uns herzlich willkommen", sagt Petra Stabenow.

Kontaktaufnahme unter Telefon 033397 670325

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wir 10.11.2013 - 11:36:57

wir und die anderen

Zur Freiheit gehört die Gleichheit (Gleichwertigkeit) aller Menschen. Als nächstes werden die räumlichen Beschränkungen für ALG II Empfänger/innen erhöht. Da ist der Landkreis auch als ausführendes Organ im Boot. Am 18. Juli 2012 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass das Asylbewerberleistungsgesetz in der bisherigen Form nicht verfassungsgemäß sei. In der Begründung findet sich ein Satz, der seitdem immer wieder zitiert wird, weil er auf den Gesamtbereich der Flüchtlingspolitik anwendbar ist: „Die in Art. 1 Abs. 1 GG garantierte Menschenwürde ist migrationspolitisch nicht zu relativieren.“ Analog kann formuliert werden: Die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte garantierte Bewegungsfreiheit ist migrationspolitisch nicht zu relativieren. http://www.residenzpflicht.info/

Du bist nicht Wir 10.11.2013 - 10:36:50

"Wir"

"Ein Systen das gegen die elementaren Menschenrechte verstößt und unverhohlen als Repressionsinstrument angelegt wurde." Freiheit gibt es nur im Geist ! Städte wie z.B. Berlin oder Bremen würden bei einer Änderung der Asylgesetze dahingehend Probleme finanzieller und räumlicher Art bekommen. Also eine eher logistische Lösung b.z.w. Aufteilung der Kosten unter den Bundesländern anstelle einer kruden Rassismus-Theorie. Und die Wachmänner dienen wohl einer anderen Sache: http://www.focus.de/politik/deutschland/bestrafungsaktion-fuer-unsittliches-verhalten-islamisten-schlagen-in-brandenburg-ehepaar-zusammen_aid_1061750.html http://news-chemnitz.de/massenschlaegerei_im_asylbewerberheim_auslaenderbeauftragte_kritisiert_betreuung-1504 http://www.derwesten.de/staedte/balve/50-sozialstunden-nach-schlaegerei-in-asylbewerberheim-aimp-id7886476.html http://www.regental-kurier.de/index.php?option=com_k2&view=item&id=9290:handfeste-pruegelei-in-asylbewerberheim&Itemid=103 http://www.morgenpost.de/berlin/polizeibericht/article112025476/Massenschlaegerei-in-Asylbewerberheim.html

wir 10.11.2013 - 09:49:57

an dich

Sind mit Pseudohelfer die Menschen gemeint, die die Asylpolitik der BRD, und damit der EU, der Länder und Kommunen kritisieren? Das liest sich im Artikel so, als wenn die Sozialarbeiter und Wachmänner die Einhaltung der Residenzpflicht kontrollieren. Ein Systen das gegen die elementaren Menschenrechte verstößt und unverhohlen als Repressionsinstrument angelegt wurde.

Ich bins nur 08.11.2013 - 21:06:18

Wohnung auf Zeit

Ich freue mich über diesen schönen Artikel, weil dort im Verbund Menschen arbeiten, die ihres Gleichen suchen. Sie opfern sich für die Asylsuchenden auf, nicht nur weil sie Geld dafür bekommen, sondern weil sie mit Herzblut dabei sind. Ihr Menschen da draussen, die Beschäftigten vor Ort "rocken das Ding" auch OHNE Möchtegerne und Pseudohelfer !! Und das ist gut zu sehen und zu hören. DANKE

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