Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

"Wenn Ihr Magen sprechen könnte"

Gesund und glücklich, Fehlanzeige: Figuren der Krankenhaus-Satire machen sich gegenseitig das Leben schwer.
Gesund und glücklich, Fehlanzeige: Figuren der Krankenhaus-Satire machen sich gegenseitig das Leben schwer. © Foto: Ulrich Wessollek
Anna Fastabend / 14.12.2015, 06:15 Uhr
Eberswalde (MOZ) Daily Soaps sind Geschichten am Fließband. Meistens treten darin lustlose und zu hübsche Akteure auf. Die Plots sind schwach mit schlecht geschriebenen Dialogen und lieblos skizzierten OP-Szenen sowie Beziehungsdramen. Die Filmkulisse ist nachlässig eingerichtet. Die billigen Storys haben mit dem realen Krankenhausalltag rein gar nichts zu tun. Alles in allem seichte Vorabendunterhaltung.

Das Eberswalder Kanaltheater hat dieses fragwürdige Fernsehformat einmal genauer unter die Lupe genommen. Und daraus eine wunderbar kurzweilige und an vielen Stellen gelungene Parodie entwickelt, die am Freitagabend Premiere feierte. Der Clubraum des Exil ist ein herrlich passender Ort für die erste Staffel der Real-Soap. Statt klinischweißen Wänden, schwarzgetünchtes Mauerwerk. Keine hygienisch sauberen Betten, sondern blutverschmierte Pritschen. Patienten werden anstelle von Krankenwagen mit der Hubkarre transportiert. Und das OP-Besteck sind Rohrzange und Silikonspritze.

In diesem Szenario, das von Regisseurin Heike Scharpff und Dramaturgin Katja Kettler zusammen mit den Akteuren entwickelt wurde, ist wirklich alles runtergerockt. Die Story, die Kulisse und die Figuren. Die haben blutigste Verletzungen - riesige Nägel in den Händen - Krätze und Schizophrenie. Und die Krankheiten machen auch vor dem Klinikpersonal nicht halt. Die Schwester (Produktionsleiter Kai Jahns) leidet am Tourette-Syndrom und beschimpft die Patienten aufs Übelste.

Überhaupt geht dieses dämonische Krankenhauspersonal äußerst unwirsch mit den Patienten um. Die sollen mit ihren Schmerzen nicht ständig nerven. Die sind höchstens dann interessant, wenn ihr spezielles Leiden für die Forschung infrage kommt. Um diese fortschreitende Verrohung zu ertragen, nehmen alle gern die Dienste des dealenden Krankenpflegers in Anspruch.

Dann wird von ganz oben zur Optimierung aufgerufen: Die Klinik soll wirtschaftlicher werden - die Ärzte mehr arbeiten, die Patienten schneller wieder nach Hause geschickt werden. Der blanke Hohn, da man doch vorher mitbekommen hat, dass eine Oberärztin, um ihre Arbeit zu schaffen, sowieso schon in die Klinik eingezogen ist...

Der anderthalbstündige schonungslose, groteske Abend ist ein Geheimtipp für Fans von Gegenwartstheater.

Nächste Vorstellungen: 18. und 19. Dezember, 20 Uhr, Konzertbaracke Exil.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG