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Die Trompete ist verstummt

Günter Bochow (1941-2017)
Günter Bochow (1941-2017) © Foto: MOZ/Thomas Burckhardt
Sabine Schulz und Thomas Burckhardt / 17.03.2017, 06:41 Uhr - Aktualisiert 17.03.2017, 07:30
Eberswalde (MOZ) 45 Jahre ist es her, dass das R & B Collegium, die älteste Eberswalder Musikformation, gegründet wurde. Doch Gudrun Anders, Bernd Eggeling, Stephan Rutscher und Borries Schlüter werden beim nächsten Auftritt auf dem Börnicker Storchenfest ohne ihren "Kopf" auskommen müssen. Günter Bochow ist am Mittwoch vergangene Woche gestorben. Am 1. Februar erklang seine Trompete zur Eröffnung der Schau seines 2011 verstorbenen Freundes Gerhard Wienckowski zum letzten Mal. Pianist Borries Schlüter begleitete ihn in der Kleinen Galerie.

"Hier ist ein Leiser gegangen", trauert Kulturveranstalter Udo Muszynski. Ein leiser, bescheidener Mann, dem doch viele in der Stadt zuhörten. Kurz nach Gründung des R & B Collegiums 1972 stieß der gebürtige Eberswalder Günter Bochow dazu. Die Amateurband um Volkmar Gutsche und Hannelore Kurth sorgte in Eberswalde und Umgebung für Furore. Der "Heinrich Mann"-Club war ihr Zuhause.

Von Greifswald bis Weimar war in den 80er-Jahren kein Studentenclub vor ihnen sicher. "In den Neunzigern, als wir mit Konzerten in der Eberswalder "Garage' starteten, habe ich die Band oft eingeladen. Bei Jazz in E. No. 1 im Jahr 1995 und zum Jubiläum 2009 waren die lokalen Matadore um Günter auch im Festivalprogramm dabei", erinnert sich Muszynski. Sie spielten auf Stadtfesten, zur MOZ-Lokaltour im Weinkontor oder zur Saisoneröffnung der Blumberger Mühle.

Bassist Günter Eggeling kann den Verlust noch nicht fassen. "Wir sind alle geschockt", gesteht der 63-Jährige, der 1984 zur Band stieß und mit Bochow nicht nur musizierte sondern auch Jazz-Konzerte besuchte. "Günter war in den letzten Jahren der Anlaufpunkt unserer Band. R & B ist ohne ihn nicht mehr R & B. Wir müssen sehen, wie es jetzt weitergeht."

Günter Bochow lebte Musik und trug fast ständig das Mundstück seiner Trompete oder eines anderen Blechblasinstrumentes in der Hosentasche bei sich, um Töne auszuprobieren. Dabei lernte er zunächst Klavier bei einer älteren Dame, die ihn gar nicht für das Tasteninstrument begeistern konnte, erzählt seine Frau Brigitte. Als 14-Jähriger schloss er sich dem Eberswalder Posaunenchor an und fand darüber zur Trompete.

Am liebsten spielte und improvisierte er aus dem Kopf - eine lebenslange Leidenschaft. Neben dem R & B Collegium sang Bochow auch im Evangelischen Kirchenchor.

In Eberswalde geboren, musste er als Pfarrerssohn mit 14 Jahren die Schule verlassen und nahm zunächst eine Lehre als Schlosser im Eberswalder Kranbau an. Über Umwege gelangte er zum Maschinenbau-Studium an die TU Dresden. Nach seiner Promotion kehrte er mit seiner Frau Brigitte und dem ersten Sohn nach Eberswalde zurück und wurde Ingenieur in seinem Lehrbetrieb.

Die Familie wuchs und ein Wochenendhaus in Oderberg trug auch der Verbundenheit mit der Natur Rechnung, die er von seiner Mutter geerbt hatte. Dort gab es viele Treffen mit Musikerfreunden. Sie wurden von der Stasi überwacht, die im Frühjahr 1989 jedoch die Akte schloss, weil sie an dem "gewissenhaften Arbeiter und guten Vater" nichts weiter entdecken konnte.

In der Wendezeit trat er dem Neuen Forum bei. Gemeinsam mit Friedemann Gillert und Udo Muszynski gründete er die Arbeitsgruppe "Frieden und Entmilitarisierung". 1990 verließ er den Kranbau und machte sich mit einem Ingenieurbüro für Stahlbau selbstständig. Eine seiner ersten Arbeiten war die Berechnung und Konstruktion des großen Fahnenmastes vor dem Berliner Reichstag.

Er ermutigte seine Tochter und die drei Söhne, in die Welt zu ziehen und blieb selbst heimatverbunden. Doch wenn er mit seiner Frau Brigitte die Kinder in den USA, in Frankreich, in Mexiko, in Irland, in Kanada oder Russland besuchte, dann fragte er nicht selten nach dem nächsten Jazz-Klub.

Seine Liebe zur Musik gab er an sie weiter. Alle erlernten ein Instrument. Das gemeinsame Musizieren erfüllte ihn. "Diese Verbundenheit über Klänge war für meinen Mann, unseren Vater das Größte", erinnert sich Brigitte Bochow.

Stillstand war seine Sache nicht. Vor fünf Jahren begann er, Klavierunterricht zu nehmen. Bei seinem Bandkollegen und Freund Borries Schlüter. "Sein Tod ist unbegreiflich. Ich werde ihn als lieben, sehr musikalischen und tiefgründigen Menschen in Erinnerung behalten", sagt der 51-jährige Berliner Pianist sichtlich bewegt.

Sein Leben besaß auch schwermütige Seiten, die sich in den letzten Jahren verstärkt haben, so seine Kinder. Sein unerwarteter Tod ist für alle unfassbar. Am kommenden Dienstag, dem letzten Tag der Gerhard-Wienckowski-Ausstellung, wird Günter Bochow auf dem Waldfriedhof bestattet. Er ist 75 Jahre alt geworden.

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