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Als Eberswalde noch Landeshauptstadt war

In 90 Minuten durch die gut 760-jährige Stadtgeschichte: Touristenführerin Christiane Kliche (66) zeigt den Gästen historische Ansichten vom Eberswalder Marktplatz. Am jeweils letzten Sonntag im Monat werden diese öffentlichen Touren angeboten.
In 90 Minuten durch die gut 760-jährige Stadtgeschichte: Touristenführerin Christiane Kliche (66) zeigt den Gästen historische Ansichten vom Eberswalder Marktplatz. Am jeweils letzten Sonntag im Monat werden diese öffentlichen Touren angeboten. © Foto: MOZ/Thomas Burckhardt
Viola Petersson / 29.03.2017, 06:30 Uhr
Eberswalde (MOZ) Angefangen hat es mit der Landesgartenschau. 2002 begleitete Christiane Kliche Besucher durch Park und Blumenhalle, heute gewährt sie als Stadtführerin Eberswaldern und Gästen Einblicke in ihre Heimatstadt und die Geschichte. MOZ war beim Auftakt zur Saison 2017 dabei.

Sonntag, kurz vor 14 Uhr an der Tourist-Info, die Sonne lacht, an der Kasse hat sich eine Schlange gebildet: "Damit hätte ich wirklich nicht gerechnet. So viele Gäste. Und dann auch noch die Presse. Ich bin so schon aufgeregt genug", sagt Christiane Kliche, eine grüne Tasche mit dem Aufdruck "03334", der Eberswalder Vorwahl, und den Koordinaten über der Schulter hängend. Aber warum nervös? Immerhin mache sie den Job doch schon seit vielen Jahren, sei also kein Neuling. "Die erste Führung im Jahr, der Saisonstart, ist immer spannend", sagt die 66-Jährige.

Und dann geht es auch schon los. Christiane Kliche klemmt sich ihr Namensschild schnell noch an die Jacke und begrüßt die Gäste - und marschiert mit ihnen in den Innenhof der Adler-Apotheke. Dort, am ältesten Fachwerkhaus von Eberswalde, beginnt die Tour. Sie habe sich nämlich auf die Altstadt und die Geschichte spezialisiert, hat sie vorab verraten. Kliche erzählt vom einstigen Sumpfgebiet an dieser Stelle, von der Stadtgründung durch die Markgrafen Johann I. und Otto III. 1254, wovon es allerdings keine Urkunde gebe. Sie berichtet von jener Zeit, als Eberswalde sogar mal Landeshauptstadt der Mark Brandenburg war (1280 - 1320), spricht über die alte Stadtmauer und Wiekhäuser, von einer Zugbrücke am Finowkanal und natürlich von eben der Adler-Apotheke, vor der sie stehen. "Der Apotheker war früher übrigens der Einzige, der Spirituosen herstellen durfte", fügt sei ein. Kliche zeigt alte Fotos und Ansichten ihrer Heimatstadt.

Es geht weiter zum Marktplatz. Jenem Ort, an dem Alt und Neu einander begegnen. Die Stadtführerin erzählt aus der Geschichte des Rathauses - und spannt den Bogen zum Paul-Wunderlich-Haus, dem Kreishaus, das im Sommer sein Zehnjähriges feiert. Ziel der heutigen Tour ist jedoch die Maria-Magdalenen-Kirche, für die Gruppe längst in Sichtweite ...

Christiane Kliche hätte noch so viel zu erzählen. "Früher habe ich bei der Altstadtführung noch einen großen Bogen durch die Jüdenstraße beispielsweise geschlagen", verrät die Eberswalderin hinterher. Inzwischen sei im Zentrum aber so viel passiert, seien etliche Häuser saniert worden, gebe es auch Neues zu bestaunen, dass sie sich auf Altstadtkarree, Markt, Gotteshaus und Hochschule beschränken müsse. Die Bibliothek der HNE, die wolle sie den Gästen aber unbedingt zeigen. Denn den vom renommierten Architekturbüro Herzog & de Meuron entworfenen modernen Bau hält sie für besonders gelungen.

Einen Lieblingsplatz oder -ort habe sie nicht. Sie selbst sei gern in der Natur und am Finowkanal, sagt die Agrochemieingenieurin, die früher im Institut für Pflanzenschutz und später im Entomologischen Institut gearbeitet hat. Nach dem Aus der Einrichtung in Eberswalde habe sie in der Akademie 2. Lebenshälfte verschiedene Lehrgänge besucht. "So kam ich letztlich auch zur Landesgartenschau, zur Laga." Und später zu den Stadtführungen. "Wir haben ja eine richtige Ausbildung gemacht - mit Prüfung", erinnert sich Kliche, die "mit Eberswalde verwurzelt" ist. Als "Ur-Eberswalderin" habe sie die Geschichte schon immer interessiert, insbesondere die des Mittelalters. "Nur im Berufsleben hast du natürlich weniger Zeit." Im Laufe der Jahre habe sie durch das Quellenstudium, durch die Recherche und die Beschäftigung mit der Historie die Erfahrung gemacht: "Je tiefer du einsteigst, desto spannender wird's." Und klar, als Stadtführer müsse man sich stets auf dem Laufenden halten. Zeitungslektüre, Gespräche mit den Akteuren sowie ein "Mit-offenen-Augen-durch-die-Stadt-gehen" seien Pflicht.

Denn man wisse nie, welche Fragen von den Gästen während einer Tour kommen. "Manchmal erfahre ich als Stadtführer auch von den Teilnehmern etwas Neues. Das ist dann richtig spannend und interessant", findet Kliche. Und es seien keineswegs nur Touristen, Auswärtige, die an den Führungen teilnehmen, sondern auch viele Eberswalder. "Es gibt beispielsweise eine ältere Dame aus Eberswalde, die ist fast schon Stammgast bei uns."

Bis zum nächsten Termin, voraussichtlich im Mai, hat Christiane Kliche etwas Zeit. Zeit für die Enkel und Gartenarbeit. "Ich muss in die Weite schauen können", sagt sie. Genau deshalb liebe sie Eberswalde. In der Kreisstadt gibt es sechs offizielle Stadtführer. Vom März bis Oktober wird monatlich eine öffentliche Führung angeboten.

Nächste öffentliche Stadtführung: 30. April, 14 Uhr, mit Brigitte Schröder, Treffpunkt Tourist-Info

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