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Anja Hradetzky aus Stolzenhagen wird als Vertreterin besonders stressfreier Rinderhaltung als „Grüne Gründerin“ ausgezeichnet

Ökolandbau
Ganz nach dem Wesen der Kuh

Julia Lehmann / 26.04.2018, 13:11 Uhr - Aktualisiert 26.04.2018, 14:10
Lunow-Stolzenhagen (MOZ) Es geht ohne Stock und lautes Rufen. Anja Hradetzky bedient sich einer viel sanfteren Methode, wenn es um ihre Rinder geht. Für ihre Seminare und Vorträge zur wesensgemäßen Tierhaltung wurde sie am Mittwoch von Bündnis 90/Die Grünen als „Grüne Gründerin“ ausgezeichnet.

Kühe sind äußerst sanfte Wesen. Sie ihres Charakters entsprechend aufzuziehen, hat Anja Hradetzky perfektioniert. In Kanada hat die 31-Jährige, gebürtig aus Meißen, das Leiten der Tiere allein durch ihre Körpersprache erlernt. Die Methode nennt sich „Low Stress Stockmanship“, also stressreduzierte Haltung. Diese sensible Aufzucht vermittelt sie anderen in Vorträgen und Workshops. Der Brandenburger Landesverband von Bündnis 90/Die Grünen hat die Mutter zweier Söhne nun als erste Barnimerin ausgezeichnet.

Der Preis „Grüne Gründerin“ wird seit knapp zwei Jahren ausschließlich an Frauen verliehen, um ihnen besondere Wertschätzung entgegenzubringen. Frauen sollen bestärkt werden, ihre Kompetenzen in einem eigenen Unternehmen zu entfalten. Anja Hradetzky führt seit November 2014 gemeinsam mit ihrem Mann Janusz den Öko-Bauernhof „Stolze Kuh“ in Stolzenhagen (Lunow-Stolzenhagen).

Sie schreibt Bücher, gibt Workshops und beteiligt sich am Dorfleben. Hinzu kommt ihr Dasein als Mutter von zwei kleinen Söhnen. Den zehn Monate alte Leander trägt sie dabei meist auf dem Rücken mit sich. Auch zur Übergabe des Preises, bei der sie die Grünen-Vertreter mit auf die weiten Weideflächen nimmt, ist er dabei. Und sie gibt eine Kostprobe vom Umgang mit den Tieren. Ruhig geht Hradetzky auf eine Kuh zu. „In Richtung ihrer Schulter“, wie sie im Anschluss erklärt. Hinter der Kuh stehend setzt sich diese in Bewegung und trottet ruhig aus einem Gatter.

Sieht nach romantischer Land-idylle aus, ist aber mit Schwierigkeiten verbunden, sagt Anja, wo die Familie doch lediglich von dem lebt, was sie für Milch, Fleisch, Käse und Eier erhält sowie Kinder- und Elterngeld. Die Anschaffung der Tiere wurde durch den Verkauf von Genussrechten ermöglicht. Viele Jungbauern würden wegen finanzieller Engpässe aufgeben müssen, sagt die junge Mutter. Sie vermisse die finanzielle Unterstützung ihres Engagements.Trotz aller Widrigkeiten halte sie ihrer Idee die Treue. „Ich will den Menschen eine Alternative bieten“, sagt die ehemalige Studentin der Eberswalder Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde.

Konkret bedeutet das, Hradetzky züchtet vier selten gewordene Rinderrassen: Tiroler Grauvieh, Angler Rotvieh, Allgäuer Braunvieh und deutsche schwarz-bunte Niederungsrinder. Dabei handelt es sich um Zweinutzungsrassen. Anders als bei der konventionellen Viehzucht werden die Tiere als Milch- und Fleischlieferant genutzt. Das bedeute aber auch, dass sie von beidem weniger liefern. „Im Vergleich zu einer Industriemilchkuh, die 30 Liter am Tag geben kann, geben unsere nur 15“, sagt Anja Hradetzky. Schlanke Euter und normalgewachsene Kühe

Die etwa 90 Tiere fressen ausschließlich das, was auf den 160 Hektar großen Weideflächen, die die Familie Hradetzky vom Nationalpark Unteres Odertal gepachtet hat. Die Tiere dürfen ihre Hörner behalten und die Kälbchen selbst großziehen. Eine Amme nimmt sich meist zwei Kälbchen an, während die andere für den Milchgewinn gemolken wird. „Die Kälbchen bleiben aber immer mit auf der Weide. Sodass der Kontakt zu den Erwachsenen bestehen bleibt“, so die studierte Ökolandbäuerin. Ein Bulle gehört zu jeder Gruppe. Jedes männliche Tier wird mit den anderen groß gezogen.

„Das was du tust, ist das, was wir uns unter glücklichen Kühen vorstellen“, sagt Petra Budke, Landesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen. Ausgewählt werden die Frauen nach originellen und nachhaltigen Wirtschaftsideen. „Mit diesem Preis sollen Frauen gestärkt und Vorbilder geschaffen werden“, sagt Petra Budke. Menschen wie Anja Hradetzky sollen Mut machen, die Selbstständigkeit in Brandenburg zu wagen. Vorbildlicher Umgang mit Ressourcen und Tieren müsse mehr Aufmerksamkeit erhalten, so Budke. 19 Brandenburgerinnen sind bereits mit dem Preis geehrt worden.

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